Main-Tauber

Kinderbetreuung Dr. Joachim Fiebig vom Kommunalverband für Jugend und Soziales referierte bei der Sitzung des Jugendhilfeausschusses

Schwächen durch Bildung begegnen

Archivartikel

Der Kommunalverband für Jugend und Soziales wagt sich nach vorn. Erstmals präsentierte er nicht nur Zahlen, sondern münzte diese in inhaltliche und politische Interpretationen um.

Main-Tauber-Kreis. „In den vergangenen Jahren haben die Kommunen enorme Anstrengungen für den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen unternommen“, so Dr. Joachim Fiebig, Mitarbeiter im Ressort Jugendhilfeplanung beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS). Er legte dem Jugendhilfeausschuss bei seiner Sitzung am Dienstag in Tauberbischofsheim den Bestand und die Struktur der Jugendhilfeplanung in Baden-Württemberg und im Main-Tauber-Kreis dar. Seine Quintessenz lautete: „Der Ausbau muss stetig vorangetrieben werden.“ Vor allem im Kleinkindbereich der unter Dreijährigen steige der Bedarf.

Mittlerweile, so Fiebig, würden 56 000 Kinder unter drei Jahren mehr in Einrichtungen betreut als 2007. Werde die Zahl der bei Tageseltern betreuten Kindern hinzugerechnet, ergebe sich gar ein Plus von 64 000 unter Dreijährigen in Baden-Württemberg, die im Vergleich zum Jahr 2007 betreut würden. Das bedeute eine Betreuungsquote von gerade einmal 29 Prozent.

Im Kindergartenbereich stelle sich das Bild ähnlich dar. Kindertageseinrichtungen führten wieder lange Wartelisten, was auch daran liege, dass die Regelgruppen drastisch zurückgefahren worden seien. Das sei nicht zuletzt der gestiegenen Nachfrage nach Ganztagsbetreuungsplätzen geschuldet. Können in Regelgruppen bis zu 28 Kinder betreut werden, sind es in Ganztagsgruppen nur 20. „Das hat zu einer massiven Reduzierung der Platzzahl geführt“, erläuterte Fiebig.

Im Main-Tauber-Kreis habe es mit Blick auf die Priorisierung der Betreuungsformen über die Jahre eine etwas andere Entwicklung als im Land oder im Querschnitt der Landkreise gegeben. So ging im Main-Tauber-Kreis die Zahl der Regelgruppen bis 2018 von 67,6 Prozent im Jahr 2005 auf 14,7 Prozent zurück (Land: von 61,9 auf 22,6 Prozent; Landkreise: von 67,7 auf 27,1 Prozent). Dafür stieg der Ausbau von Gruppen mit verlängerten Öffnungszeiten, die eine Betreuung zwischen fünf und sieben Stunden bieten, im Main-Tauber-Kreis mehr als anderswo. 2018 lag er bei 68,6 Prozent (Land: 51,6; Landkreise 52,8 Prozent).

Allein bei der Aufstockung von Ganztagesbetreuungsplätzen weist der Main-Tauber-Kreis mit 16,6 Prozent einen geringeren Ausbau auf als im Land (25,8 Prozent) und den Landkreisen (20,1 Prozent). Bei der Betreuungsquote liege der Main-Tauber-Kreis knapp über dem Landesdurchschnitt, legte der KVJS-Jugendhilfeplaner dar.

Landesweit werde ein stabiler Trend zur Ganztagesbetreuung beobachtet, wertete er die aktuellen Zahlen. Dafür würden mehr Räume und mehr Personal benötigt. Die Entwicklung rechne bei der Betreuung im Kleinkindbereich mit einer Zielquote im Land in Höhe von 42,6 Prozent – 2017 habe sie bei 29,1 Prozent gelegen. Das heißt in Zahlen: Von 2017 bis 2026 werden landesweit 45 000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren benötigt.

Im Kindergartenbereich müssten von 2017 bis 2025 rund 44 000 Plätze neu geschaffen werden, im Schulkindbereich schätzt Fiebig – bei eingeräumter unsicherer Datenlage – mit 221 000 fehlenden Plätzen. Der weitere Ausbau der Kinderbetreuung gehe einher mit einem erhöhten Personalbedarf. 60 000 Kinder mehr bedeuteten einen Zuwachs von 45 000 Fachkräften, die es in der Fülle nicht gibt. Schließlich müssten auch die rund 40 Prozent der Erzieher ersetzt werden, die absehbar in den Ruhestand gingen.

Fiebig sieht aber nicht nur die ausreichende Anzahl von Betreuungsplätzen als Ziel, sondern den Bildungsauftrag der Einrichtungen. Die Zahl von „Kindern in besonderen Lebenslagen“, also Kindern, die aus Familien kommen, in denen nicht Deutsch gesprochen werde, oder die unter anderen Einschränkungen oder Auffälligkeiten litten, nähmen zu. Sie bedürften einer besonderen pädagogischen, qualitativ hochwertigen Förderung. Geschehe das nicht, könnten die Transferleistungsbezieher mehr werden, befürchtet der Experte.

Fiebig sieht durchaus volkswirtschaftliche Auswirkungen, wenn diese Kinder nicht frühzeitig gefördert und ihre Schwächen kompensiert würden. „Der Anteil derjenigen, die Steuern zahlen und damit Transferleistungen finanzieren, könnte schrumpfen. Das Umlagemodell wird nicht mehr reichen“, so Fiebig mit Blick auf die Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamts.

Kritisch wertete der Referent, dass die Landkreise übergeordnet nicht mehr für die Bedarfsplanung zuständig seien, sondern dies den Kommunen nahezu allein überlassen werde. Er empfahl, in die aktive, systematische Bedarfsanmeldung zu gehen, um belastbare Zahlen zu haben und empfahl eine vom KVJS entwickelte Software zur kostenfreien zentralen Vormerkung für Betreuungsplätze.