Main-Tauber

Woche der seelischen Gesundheit Gerade in Corona-Zeiten brauchen Menschen mit seelischen Erkrankungen viel Zuwendung / Tina Zipf kämpft gegen Tabuisierung

Mut machen und das Gespräch suchen

Archivartikel

Main-Tauber-Kreis.Tina Zipf arbeitet seit sieben Jahren in der beschützten Akut-Psychiatrie. Geschlossene Abteilung sagen heute noch viele dazu, früher hieß diese Einrichtung umgangssprachlich „Klapse“. Verrückt oder gaga lautete das Vorurteil über die Menschen, die Patienten in den meist von dicken Mauern umgebenen früheren Landeskrankenhäusern waren.

Doch das Bild hat sich gewandelt. Teils gibt es wohnortnahe Gemeindepsychiatrien, häufig Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Längst wissen Gesundheitsexperten, Krankenkassen und Arbeitgeber, dass der Anteil an psychischen Erkrankungen hoch ist und stetig steigt. Die AOK als größte Krankenkasse im Land meldet für den Main-Tauber-Kreis, dass 32 Prozent ihrer Mitglieder von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Das ist der höchste Anteil in der Region Heilbronn-Franken, und er klettert im Schnitt um einen Prozentpunkt pro Jahr.

Für Tina Zipf ist die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen nicht nur Beruf, sondern Passion. Der 29-Jährigen hat ihre Arbeit in der beschützten Akut-Psychiatrie von Beginn an sehr gut gefallen. Sie spürt, wie sehr die Menschen Ansprache brauchen, wie gut eine Hand auf der Schulter oder das Streicheln über den Arm – das derzeit wegen Corona ausbleiben muss – tut.

Anlaufstellen geschlossen

„Ich will Mut machen und verdeutlichen, dass es wichtig ist, über seelische Leiden zu sprechen“, sagt sie. „In der Corona-Zeit ist das noch wichtiger geworden, denn viele Anlaufstellen haben geschlossen oder verringerte Kapazitäten“, weiß sie. Auch die Kontaktaufnahme zu Therapeuten ist in dieser Zeit noch schwieriger geworden, die Wartezeiten unendlich lang.

Tina Zipf kämpft gegen Stigmatisierung und Tabuisierung von seelisch Erkrankten. „Es herrscht einfach eine große Unwissenheit, und viele haben Berührungsängste“, so ihre Erfahrung. Dabei sei es von fundamentaler Bedeutung auf Menschen zuzugehen, sie nach ihrem Befinden oder ihren Problemen zu fragen.

Ihre Ausbildung hat die junge Frau am Krankenhaus Tauberbischofsheim absolviert. Im Februar vergangenen Jahres hat sie mit der psychiatrischen Fachweiterbildung begonnen, die sie im Januar als Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik abschließen wird.

„Während der Ausbildung habe ich eine große Vielfalt kennengelernt“, berichtet Tina Zipf. Praxiseinsätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Tageskliniken oder in der offenen Psychiatrie gehörten ebenso dazu wie ihre momentane Einsatzstelle beim Verein für offene Psychiatrie (VOP) in Tauberbischofsheim.

Ablehnung und Zustimmung

Da Tina Zipf weiß, wie eng gerade Depressionen und Suizidalität zusammengehören, ist sie nach dem Kennenlernen von Iris Pfister und dem Verein „Trees of Memory“ Mitglied geworden. Angehörigen, die einen geliebten Menschen durch Suizid verloren haben, soll ein Ort für Trost und Wege zum Umgang mit dem Schmerz geboten werden. Als sie an einem Stand in Bad Mergentheim über die Vereinsarbeit informieren wollten, hat sie zweierlei erfahren: Ablehnung und abwertende Blicke, aber auch große Zustimmung und gute Gespräche.

Engagierte wissen, dass Unwissenheit und Unsicherheit oft die größten Hemmschuhe sind, um sich mit seelischen Erkrankungen auch im familiären Umfeld auseinanderzusetzen. „Häufig wird der einfache Weg gewählt, nach dem Motto: Der wird sich schon wieder einkriegen“, beschreibt Zipf eine häufige Reaktion.

Reden kann Leben retten

Dabei ist sie sich sicher: „Reden kann Leben retten.“ Zuhören und Dasein seien wichtige Aspekte, um die Einsamkeit einzudämmen. Einen Satz, den Tina Zipf gern zitiert, mag sie besonders: „Es ist okay, sich nicht okay zu fühlen, aber es ist nicht okay, mit niemandem darüber zu reden.“