Main-Tauber

Eingliederung Der 24-jährige Julian Schmitt hat aufgrund seiner Behinderung nach einem schweren Unfall eine virtuelle Ausbildung absolviert und einen Job gefunden

Mit Persönlichkeit und Einsatz gepunktet

Archivartikel

Julian Schmitt ist geborener Optimist. Er lässt sich trotz massiver Einschränkungen nach einem Unfall nicht unterkriegen. Jetzt arbeitet er bei Procter & Gamble im Braun Werk Walldürn.

Odenwald-Tauber. Das Leben von Julian Schmitt änderte sich schlagartig an einem Tag im Mai 2017. Der damals 17-Jährige verunglückte ohne Fremdverschulden mit seinem Moped und trug schwerste Verletzungen davon. Der zweite Halswirbel war gebrochen, er lag im Koma und musste beatmet werden. Nach einer langen Phase des Hoffens und Bangens lernte er mit viel Eigenenergie und permanenter Unterstützung seiner Eltern, wieder selbst zu atmen.

Der junge Mann gehört nicht zu denen, die sich mit Gegebenem zufriedengeben. Er ist ein Kämpfer. Einer, der sich Ziele setzt, an die manch einer in seiner Situation nicht im Traum denken würde.

Als Julian Schmitt verunglückte, war er im zweiten Lehrjahr als Elektroniker bei Procter & Gamble im Braun Werk Walldürn. Nach Reha-Maßnahmen, einer virtuellen Ausbildung zum „Fachinformatiker Anwendungsentwicklung“ und etlichen Praktika arbeitet er jetzt wieder in seinem ehemaligen Lehrbetrieb. Dafür hatte sich Norbert Jaeger, Reha-Berater bei der Arbeitsagentur Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim, intensiv eingesetzt.

Auf offene Ohren gestoßen

Bei Ivonne Joch, Personalreferentin im Braun Werk Walldürn von Procter & Gamble, stieß er auf offene Ohren.

„Wir wollten unbedingt helfen und haben zunächst intern überlegt, wie wir Herrn Schmitt ein Praktikum ermöglichen können“, sagt sie. Schließlich musste auch das Unternehmen schauen, was es dem jungen Mann zutrauen kann und wie es ihm bei der Arbeit geht. „Wir waren begeistert“, lautet ihr Resümee. „Bislang hat er eine sehr gute Leistung gezeigt, arbeitet proaktiv und zuverlässig“, lautet Jochs Bilanz.

Auch Julian Schmitt gefällt sein Job – und das große Entgegenkommen des Unternehmens. Pro Tag arbeitet er vier Stunden, die er sich – je nachdem wie er sich fühlt und welche Therapien anstehen – frei einteilen kann. Sein Zeitfenster reicht von morgens um 7 bis abends um 20 Uhr. „Da ist mir Procter & Gamble sehr entgegengekommen“, freut er sich.

Einen Teil seiner Kollegen kennt er noch von der Ausbildung, zu anderen wurde der Kontakt per Video-Konferenz hergestellt. „Bei uns läuft alles über Video oder Sprachanruf“, erläutert er. Unter Einhaltung des vorgeschriebenen Abstandsgebots haben sich die Mitarbeiter der Abteilung im Spätsommer allerdings auch ein Mal persönlich in einem Biergarten getroffen, was Julian Schmitt gut gefallen hat.

Inhaltlich arbeitet der 24-Jährige an Projekten. So hat er eine interne Website entwickelt, die direkt auf die Datenbank zugreift und so stetig aktuell ist. Bei seinen Aufgaben geht es in erster Linie darum, Abläufe innerhalb des Unternehmens zu optimieren und Kollegen bei Fragen und ITProblemen zu unterstützen.

Norbert Jaeger kennt Julian Schmitt seit sechs Jahren. Er schätzt seine zuversichtliche Art, sein kämpferisches Naturell, das er immer wieder an den Tag gelegt hat und mit dem er so weit gekommen ist. Mittlerweile sitzt er für die SPD im Walldürner Gemeinderat. „Das ist eine tolle Familie“, sagt Jaeger mit Blick auf die breite Unterstützung der Eltern.

Unter die Arme greift Julian Schmitt aber auch die Arbeitsagentur. Bereits vor zwei Jahren hatte die damalige Geschäftsführerin Karin Käppel keinen Zweifel daran gelassen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dem jungen Mann beim beruflichen Einstieg so gut wie möglich zu helfen. So sei die individuell zugeschnittene EDV-Ausstattung gefördert und zunächst 70 Prozent des Arbeitsentgelts als Eingliederungszuschuss gezahlt worden. Der Eingliederungszuschuss mit 70 Prozent kann zwei Jahre lang gewährt werden, im dritten Jahr sinkt er auf 60 Prozent. Sind Meetings vor Ort notwendig, übernimmt die Arbeitsagentur die Beförderungskosten.

Für Ivonne Joch waren die hohen Zuschüsse nicht ausschlaggebend, um Julian Schmitt eine Chance zu geben. „Uns ging es um Julian als Talent“, sagt sie.

Zukunftschance

Auch wenn sie derzeit noch nicht verbindlich sagen kann, was wird, wenn Schmitts sachkundebefristeter Vertrag Ende März endet, sagt sie: „Wir versuchen, ihn lange zu halten, weil wir ihn gut finden.“ Ivonne Joch ist fest überzeugt, dass Julian Schmitt mit dem Einstieg bei Procter & Gamble eine gute Möglichkeit mit beruflichen Zukunftschancen beim Unternehmen selbst oder auch außerhalb von Procter & Gamble geboten wurde.

Das hofft auch der 24-Jährige. „Wenn man den Kollegen und dem Chef der Abteilung glaubt, könnte das klappen“, gibt er sich zuversichtlich. Das wünscht sich auch seine Mutter Iris. „Wir sind überglücklich, dass es so gut klappt, die Kollegen hinter Julian stehen und er sich wohlfühlt mit der Arbeit.“ Als Mutter, fügt sie an, mache man sich immer Gedanken, wie es weitergehe, wenn doch das Aus kommen sollte. Sie lasse sich dann von Julians unverbesserlichem Optimismus anstecken. Iris Schmitt: „Wenn alles so weitergeht, ist es perfekt.“