Main-Tauber

Interview Nur noch fünf Monate lang ist Reinhard Frank Landrat des Main-Tauber-Kreises, was ihn von Ideen, Plänen und Visionen jedoch nicht abhält

Mehr „Wir“ als „Ich“ ist Zukunftswunsch

Archivartikel

Es sollte ein weiteres Jahr im Aufschwung werden, doch die Corona-Pandemie brachte hochfliegenden Plänen das jähe Aus. Was kommt, was bleibt, wollten die FN von Landrat Frank wissen.

Main-Tauber-Kreis.16 Jahre stand Landrat Reinhard Frank an der Spitze des Main-Tauber-Kreises, wenn er Ende Mai in den Ruhestand geht. Er ist nicht nur ein grenzenloser Optimist, sondern auch ein Mensch mit Ideen, der gern gestaltet. Welche Aufgaben im kommenden Jahr für ihn noch anstehen und welche Visionen ihn weiterhin beseelen, gab er in einem Interview mit den Fränkischen-Nachrichten preis.

Ende Mai ist Schluss für Sie im Amt als Landrat. Wie gehen Sie Ihre letzten fünf Monate an?

Reinhard Frank: Eigentlich wie immer – mit vollem Engagement. Die aktuellen Herausforderungen und Themen, die auf dem Tisch des Hauses liegen, lassen gar nichts anderes zu. Deshalb werde ich bis zum 31. Mai in für mich gewohnter Manier für den Landkreis arbeiten.

Im Januar wird der Haushalt verabschiedet. Ein Zahlenwerk mit mächtigen Schulden. Wie fühlt man sich, wenn man seinem Nachfolger eine solche Bürde hinterlässt?

Frank: Natürlich hätte ich mir gewünscht, mit einem positiven Schlussakkord, was den Haushalt und die Bilanzen des Kreises betrifft, aus dem Amt zu scheiden. Aber ich denke, ein Blick in die Welt hinein macht deutlich, dass das für uns alle aktuell nicht möglich ist. Die Länder, die Europäische Union, der Bund müssen sich in der Pandemie verschulden – auch wir gehen diesen Weg mit. Aber immerhin können wir darauf verweisen, dass wir in den letzten Jahren ausgesprochen solide gewirtschaftet haben und eine niedrige Gesamtverschuldung aufweisen, für die uns das Regierungspräsidium und unser Kreistag immer wieder gelobt hat. Insofern haben wir jetzt die Luft, um auch in den nächsten Jahren diese schwierige Phase zu überwinden.

Viel wurde in den vergangenen finanzstarken Jahren investiert. Doch wie überall sind die tatsächlichen Baukosten in die Höhe geschnellt. Das war beim Beruflichen Schulzentrum in Bad Mergentheim so, das ist bei der Gemeinschaftsunterkunft so und ebenfalls beim Beruflichen Schulzentrum Wertheim. Wie kann man diese Kostenenspirale stoppen?

Frank: Das ist natürlich schwierig. Zum einen kommt es auf die Geschwindigkeit an. Wenn man die Projekte relativ schnell planreif macht, und wenn man schnell Ausschreibungen in die Umsetzung bringt, spart das Geld. Denn bei jeder Bauzeitverlängerung erhöhen sich auch die Preise, wie wir in Bad Mergentheim sehen. Auf der anderen Seite gibt es den Wettbewerb. Firmen haben momentan die günstige Situation, dass sie die Preise gestalten können. Und da müssen wir mit dem großen Strom mitschwimmen, auch wenn es manchmal schwierig ist.

Beim Beruflichen Schulzentrum in Tauberbischofsheim, das im Sanierungskalender den spätesten Zeitpunkt zukommt, wird befürchtet, dass die finanziellen Ressourcen verbraucht sind, wenn es an die Reihe kommt. Wird der Landkreis sein Versprechen halten können, alle drei Zentren gleich zu bedienen?

Frank: Das ist zumindest aktuell politischer Wunsch und Wille sowie Vorgabe für die Verwaltung. Nachdem wir die Dinge Schritt für Schritt abarbeiten, also erst Mergentheim und jetzt Wertheim, haben wir dann sicher wieder Luft für das nächste Projekt Tauberbischofsheim. Aber ich weise gleichwohl darauf hin, dass aus der Mitte des Kreistags der berechtigte Hinweis kam, dass wir uns noch einmal über ein Schulentwicklungskonzept verständigen müssen , um bei zurückgehenden Schülerzahlen darüber nachzudenken, wie wir die Beruflichen Schulen insgesamt aufstellen. Deswegen ist es sicherlich nicht auszuschließen, dass es hier und da kleinere Veränderungen und Modifizierungen geben wird.

An der Fleischerklasse war zu sehen, dass sich die Berufsschullandschaft ändern kann, wenn auf Dauer die Klassenstärke von 16 Schülern nicht erreicht wird. Glauben Sie, dass dies auf Dauer eine Neustrukturierung der drei Berufsschulzentren bedeutet, um Doppelstrukturen zu vermeiden?

Frank: Da will ich ganz deutlich sagen: Das kann natürlich sein. Denn man muss auf Entwicklungen reagieren und sich dementsprechend bestmöglich aufstellen. Deswegen schließe sich nicht aus, dass in den nächsten Jahren eine Entwicklung eintreten wird, bei der man die eine oder andere Doppelstruktur tatsächlich abbaut im Interesse einer Stärkung des jeweiligen Schulzentrums und der Aufrechterhaltung der Ausbildungsplätze in toto im Landkreis. Ich denke, das wird die Zukunft bringen und ist sicher auch ein Weg in die richtige Richtung. Da kann man auch keine Vogel-Strauß-Politik betreiben. Vielmehr sollten wir darauf achten, dass wir möglichst stark aufgestellt sind.

Es wird sicher nicht ohne Widerstand möglich sein, Ausbildungsgänge zu verlagern.

Frank: Da bin ich ja schon in der Vergangenheit gescheitert (lacht). Aber ganz am Ende wird sich die Vernunft durchsetzen, die Wirtschaftlichkeit und vielleicht auch der goldene Zügel des Regierungspräsidiums seinen Beitrag leisten, dass wir hier zu Strukturveränderungen kommen. Ich halte sie für notwendig und auch für richtig und würde mir wünschen, dass mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin darin eine glücklichere Hand hat als ich.

Das heißt mehr Überzeugungskraft?

Frank: Vielleicht etwas mehr „Wir“ und etwas weniger „Ich“, ein bisschen mehr über den Tellerrand hinausschauen und den Patriotismus für die eigene Stadt dem Gesamtinteresse des Landkreises und seiner Bevölkerung unterzuordnen, wären da wichtig.

Sie gelten als baufreudig und haben immer Ideen, wie Kreisimmobilien entwickelt werden können. Wie sehen die Pläne für die ehemalige Post aus und wann werden Straßenbau- und Forstamt in der Wellenbergstraße Wohnhäuser?

Frank: Ich bin jemand, der gerne baut, entwickelt und versucht, Perspektiven aufzuzeigen. Eine unvollendete Perspektive ist das Gebäudekonzept des Landkreises. Wir als Verwaltung haben die Vision, dass wir im Regierungsviertel an der Gartenstraße die Dienstleistungen des Landkreises bündeln. Vor diesem Hintergrund haben wir in der Flüchtlingskrise 2015 die Post erworben mit der Zielsetzung, Satelliten, die wir derzeit anderswo in der Stadt untergebracht haben, zurückzuholen und im Zentrum kompakt mit Synergien und hoher Wirkeffizienz unterzubringen. Deshalb soll die Post irgendwann zu einem Dienstleistungsgebäude umgewidmet werden.

Ich könnte mir im Erdgeschoss ein Beratungszentrum für regenerative Energien vorstellen sowie das Amt für Pflege, das Straßenbauamt und den Forst im gleichen und im dahinter liegenden Gebäude. Dann könnten die Gebäude in der Wellenbergstraße privatisiert werden. Das wurde aber zunächst auf Eis gelegt. Die Verwaltung soll jetzt erst einmal eine Gebäudekonzeption vor dem Hintergrund des mobilen Arbeitens erstellen und auf dieser Grundlage berechnen, wie viel Fläche die Verwaltung überhaupt braucht. Wir hoffen, dass eine Entscheidung im Herbst fällt.

In Ihrer Amtszeit wird noch über die letzte Breitband-Ausbaustufe, die Anbindung der einzelnen Häuser an das Glasfasernetz, entschieden. Welche Ausbauvariante priorisieren Sie?

Frank: Da gibt es, wie in der Vergangenheit, die zwei Modelle: Das eine ist das Deckungslückenmodell, das andere ist der eigenwirtschaftliche Ausbau, wie er derzeit im Neckar-Odenwald-Kreis läuft. Ich habe da keine Präferenz. Entscheidend ist, dass es schnell funktioniert, verlässlich ist und kostenmäßig auch von allen getragen werden kann. Entscheidend sind die Bürger, nämlich wie sehr sie bereit sind, die neuen Anschlüsse zu buchen und sie mit Gebühren zu bezahlen.

Mit welchen Kosten rechnen Sie?

Frank: Für Glasfaser in jedes Haus haben wir mal Zahlen zwischen 150 und 200 Millionen Euro gehört.

Bis zu welchem Zeitpunkt hängt der Landkreis komplett am Glasfasernetz?

Frank: Bis 2027 könnte das funktionieren.

Beim Landkreis stehen personelle Veränderungen an. Können Sie dazu schon etwas sagen?

Frank: Wir werden neue Amtsleiter im Gesundheits-, im Umweltschutzund im Veterinäramt bekommen. Außerdem hat der Kreistag als Nachfolgerin von Dezernent Jochen Müssig die jetzige Sozialdezernentin des Hohenlohekreises, Ursula Mühleck, gewählt.

Das vergangene Jahr war geprägt von der Corona-Pandemie. Die Krise dauert an. In ein paar Tagen wird das Kreisimpfzentrum für ein halbes Jahr eingerichtet. Wie meistern sie diese Aufgabe personell?

Frank: Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir am 15. Januar in Betrieb gehen können. Die Resonanz auf unsere Ausschreibung ist sehr positiv, so dass wir glauben, diesen Zwei-Schicht-Betrieb vernünftig und gut organisieren zu können, auch wenn es eine Herkulesaufgabe ist.

Lassen Sie sich impfen?

Frank: Ja, natürlich. Als 65-Jähriger dürfte ich auch relativ vorne mit dabei sein (lacht).

Heute ist Silvester. Es wird heute Nacht kein Feuerwerk, keine Böllerei und nach dem Willen der Politik auch keine rauschenden Partys geben. Wie feiern Sie?

Frank: Wir haben vier Kinder und einen Hund und werden in diesem Jahr unsere eigene Silvesterparty ohne externe Freunde und Bekannte feiern. Wir werden den Abend mit Wintergrillen auf der Terrasse und mit Spielen verbringen – eben einfach mal anders, nämlich zurückgenommen als Familie

Was geben Sie den Kreisbürgern für das neue Jahr mit auf den Weg?

Frank: Zuversicht, Optimismus, Gemeinsinn und ein großes Maß an Gesundheit.