Main-Tauber

Leichtathletik Der „Harte-Mann-Extremlauf“ wurde wegen Corona über mehrere Wochen als „Einzelevent“ durchgeführt / Hervorragende sportliche Leistungen

Marco Neumann mit neuem Streckenrekord

Archivartikel

Das Laufjahr 2020 hat sich – bedingt durch Corona – anders entwickelt. An einen geregelten Ablauf war nicht zu denken. Dies betraf auch den „Harte-Mann-Extremlauf“.

Odenwald-Tauber/Niederstetten. Die große Zeit der „virtuellen Läufe“ begann: Dabei bestand die Gelegenheit, sich für einen gewissen Lauf mit einer bestimmten Länge anzumelden, musste diesen dann aber nach eigenem Belieben auf einer individuellen Strecke möglichst allein absolvieren – und wurde mit der erlaufenen Zeit in eine Ergebnisliste eingetragen. Eine Vergleichbarkeit der erbrachten Leistungen war wenig bis gar nicht gegeben, sofern nicht dieselbe Strecke gelaufen wurde.

Wettkampftauglich

Deshalb hatte sich das Ultra-Team Hohenlohe in Niederstetten dazu entschlossen, die Strecke des bereits abgesagten „Harte-Mann-Extremlaufs“ komplett wettkampftauglich auszuschildern und alle drei angebotenen Distanzen (17,5 Kilometer/210 Höhenmeter, 33,33 Kilometer/680 Höhenmeter, 55,55 Kilometer/999 Höhenmeter) ab Mitte Juni für alle Sportler freizugeben. Unterstützt und begleitet wurde diese Idee von Doris Siegle und ihrem Team „Meat4Speed“aus Bietigheim- Bissingen, die kräftig Werbung betrieb für den bis jetzt deutschlandweit einzigen „Covid-19-Individual-Run“, der auf einer Original-Wettkampfstrecke stattfand.

Interessenten hatten die Chance, sich online anmelden, im Anschluss gab es Infos zum Ablauf und eine eigene Startnummer zum Selbstausdrucken per Mail. Jeder, der in Niederstetten starten wollte, sollte möglichst nah am Wettkampffeeling sein – das war Veranstalter Gerald Faust Antrieb und Herzensangelegenheit zugleich. An der Verpflegungsstelle in Oberstetten stand eine große abschließbare Kiste, in der Getränke für die Läufer deponiert worden waren. Jeder Starter hatte die Möglichkeit, hier seine mitgebrachte Eigenverpflegung abzustellen.

Bewaffnet mit Starterpistole und einer Box, stand Gerald Faust, selbst erfahrener Ultraläufer, bei jedem Start im Stadion und hat nach dem auch wie im echten Wettkampf üblichen Prozedere die Läufer losgeschickt. Wie bei großen sportlichen Ereignissen, lief zuerst die Nationalhymne, gefolgt von 90 Sekunden Glockenschlag, in dem sich jeder auf den bevorstehenden Start vorbereitete, bevor der Startschuss die Läufer auf die Strecke schickte.

Normalerweise werden beim „Harte-Mann-Extrem-Lauf“ auf jeder Distanz Deutschlands einziger Champion-Titel sowie der dazugehörige Gürtel vergeben – das war diesmal nicht möglich. Dennoch wurden alle gelaufenen Zeiten in eine Siegerliste mit Ranking eingetragen. „Fast nebenbei“ wurden dabei herausragende sportliche Leistungen vollbracht.

Der erst im letzten Jahr von Lauf-Urgestein Günther Seibold aufgestellte Streckenrekord über 17,5 Kilometer wurde von Marco Neumann (TSG Schwäbisch Hall) unterboten und steht nun bei starken 1:06:52 Stunden. Bei den Damen hatte hier Sonja Haag von den Rennmäuse FC Gollhofen mit 1:37:08 Stunden die Nase vorne. Ältester Starter auf dieser Distanz war Wolfgang Meyer aus Obersontheim, Jahrgang 1947.

Volker Bender dominant

Die 33,33 Kilometer dominierte Volker Bender von der TSG Schwäbisch Hall mit 2:22:25 Stunden. Bereits mit der insgesamt achtschnellsten Zeit war Petra Schildger vom ETSV Lauda als schnellste Frau in 3:06:17 Stunden im Ziel.

Überragend waren die Leistungen über die 55,55 Kilometer. Das Gelände ist auch für Ausdauertrainierte eine echte Herausforderung – und dieser stellten sich eine große Anzahl an Ultraläufern. Der hohe Anspruch der Ultra-Strecke an die Läufer zeigt sich auch an den sieben Aktiven, die es nicht ins Ziel schafften.

Schnellster Läufer war Tom Maurer TV Schwabach mit 5:36:32 Stunden, bei den Frauen war es Dunja Ams von den Steide Runners mit 7:06:20 Stunden.

Womit Gerald Faust als Veranstalter im Vorfeld nicht gerechnet hatte, waren Läufer, die mehrmals an den Start gingen und alle drei Strecken absolvierten – und ins Ziel kamen. Alexander und Corinna Fisun-Arndt, die an drei Wochenenden die lange Anfahrt von Siegen in Kauf genommen hatten, um ihr Triple zu vollenden. Auch aus Niederstetten kamen zwei Läufer zum Triple-Finish: Armin Zipf und Steffen Frank von den Steide Runners.

Dem Ganzen setzten aber Claudia und Kuno Konowski aus Flein die Krone auf, die an ihrem „Lauf-Samstag“ erst einmal den Ultra absolvierten und einen Tag später am Sonntagmorgen auf der 17,5-Kilometer-Runde starteten, um nach kurzer Verschnaufpause im Ziel dann gleich noch die 33,33-Kilometer-Runde anzuhängen.

Zwei Teilnehmer machten sich mit Rucksack auf den Weg auf die Ultrastrecke und erreichten nach 10:29:03 Stunden gemeinsam das Ziel im Niederstettener Stadion: Ralph Neumann und Markus Bögelein vom Team „Auszeit“.

Für den letzten möglichen Lauftag hatte Diddi Beiderbeck, ein in der Szene bekannter Ultraläufer, der mit einer Sehstärke von drei Prozent fast blind ist, eine unglaubliche Überraschung. Er hatte bereits eine Woche zuvor mit seinem Blindenhund Bea den Ultra erfolgreich absolviert und wollte unbedingt an diesem letzten möglichen Tag sein Triple vollenden: Diddi startete in völliger Dunkelheit mit Stirnlampe und Begleithund auf die 33,33-Kilometer-Runde. Aber dem nicht genug: Nach einem kurzen Frühstück, ging er auch noch auf die 17,5-Kilometer-Strecke – was für ein grandioses Finale.

Grandiose Sportler

„Wir hatten wunderbare Menschen und grandiose Sportler aus ganz Deutschland zu Gast hier in Niederstetten. Es wurden tolle Gespräche geführt und viele Freundschaften entstanden: etwas, das im ,normalen’ Laufereignisalltag in dieser Form nicht so intensiv möglich gewesen wäre“, blickt ein zufriedener Gerald Faust zurück.

Die weiteste Anreise nahm Andreas Veit auf sich, der von der Lausitz ganze 480 Kilometer zu bewältigen hatte, um beim „Harte Mann“ starten zu können. Alle waren ausnahmslos begeistert sei es von der Streckenführung oder dem oftmals unverhofften Beifall, den sie auf der Strecke von Spaziergängern oder Fahrradfahrern erhielten. Insgesamt hatten sich 164 Starter angemeldet. Viele, die mehrmals kamen, wurden nur mit ihrer Bestzeit in die Siegerliste eingetragen, so dass in der Summe mehr als 200 Starter auf den verschiedenen Distanzen gelaufen waren.

All diese Erlebnisse und persönlichen Erfolge, die Freude und Leidenschaft jedes Einzelnen ist für die Macher umso mehr Ansporn und Motivation für die Planungen und Vorbereitungen zum „Harte-Mann-Extremlauf 2021“, die bereits in vollem Gange sind,