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Licht- Wunder-Zeit

Archivartikel

In der Herrgottskirche in Creglingen ist gerade sehr berührend zu sehen, wie Tilman Riemenschneiders Maria durch die untergehende Abendsonne in ein helles Licht getaucht wird. Auf ihr zartes Gesicht fällt ein Lichtkegel durch das gotische Rosettenfenster und dieses Licht hüllt sie ein und beleuchtet sie.

Es scheint, dass bei ihrer Aufnahme in den Himmel wie durch eine Lichtpredigt künstlerisch betont wird, dass das Licht, von dem Maria gesprochen hat, bleibt.

Ob dies nun so von Tilman Riemenschneider geplant war oder ob es ein Zufall ist, spielt keine so große Rolle. Das Licht wirkt auf die Besucher. Es hüllt auch sie in eine tröstliche und lichtvolle Atmosphäre.

Was brauchen wir gerade mehr als Licht? Welche Wunder erwarten wir?

Für mich als evangelische Pfarrerin ist Maria auch eine jüdische Prophetin. Ihr hebräischer Name Mirjam knüpft an die Mirjam des ersten Testaments an, die die Trommel in die Hand nimmt und von den großen Heilstaten Gottes singt.

Die Befreiung aus der Sklaverei ist geschehen und darüber wird jubiliert.

Maria aus Nazareth singt Jahrhunderte später auch einen Lobpreis. Das Magnifikat gleicht einem revolutionären Lied und Maria knüpft damit an die Tradition der Propheten und der Psalmen an.

Mich beeindruckt, dass Maria eine Vision hat und dass sie ihrer Sehnsucht durch ein Lied Ausdruck verleiht. Dieses Lied erwartet nicht nur den Anfang eines neuen Lebens, sondern den Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Sie lobt Gott, der machtvoll handelt und dessen Taten in scharfem Kontrast zum machtbesessenen Handeln der Menschen stehen. Die Welt kann anders aussehen. Darüber singt Maria.

Sind es Wunder, die da geschehen müssen?

Vielleicht reicht es schon, genau hinzusehen, mit dem Gottesblick die Armgemachten wahrzunehmen.

Das Licht sehen, sich vom Licht leiten und sich nicht knechten zu lassen von der Finsternis, die Angst macht.

Aufrecht, würdevoll, zärtlich und von Engeln begleitet wird Maria aufgenommen in den Himmel. Mit Leib und Seele. Und sie ist nicht allein.

Alle zwölf Apostel haben sich versammelt, um Abschied zu nehmen.

Ein lichtvolles Gemeinschaftsbild, dass uns stärken möchte auch mit Leib und Seele von unserer Sehnsucht zu erzählen, von den Lichtblicken, von dem was elend oder schwach erscheint, in den Augen Gottes aber groß, stark und würdevoll ist.

Die Theologin Dorothee Sölle hat dies einmal so ausgedrückt:

„Es steht geschrieben, dass Maria sagte, meine Seele erhebt den Herren und mein Geist freut sich Gottes meines Heilands denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter. Heute sagen wir das so meine Seele sieht das Land der Freiheit und mein Geist wird aus der Verängstigung herauskommen die leeren Gesichter werden mit Leben erfüllt und wir werden Menschen werden.

Lichtwunderzeit.

Fraukelind Braun, Pfarrerin der Kirchengemeinde Creglingen und der Verbundkirchengemeinde Herrgottstal und Rimbachtal