Main-Tauber

Friedwald Hohenlohe Möglichkeit einer naturnahen Bestattung / Laut Umfrage entscheiden sich nur 24 Prozent der Befragten für ein konventionelles Sarggrab

Letzte Ruhe finden unter Baumwipfeln

Archivartikel

Mit Eröffnung des Friedwalds Hohenlohe bei Schrozberg gibt es in der Region Hohenlohe-Tauber die Möglichkeit einer naturnahen Bestattung.

Schrozberg. Die Bestattungskultur befindet sich im Wandel. Der Trend geht zu pflegefreien Grabstätten. Laut Umfrage von „Statista“ von 2016 entschieden sich nur noch 24 Prozent der Befragten für ein konventionelles Sarggrab.

Die ersten bunt gefärbten Blätter lassen keinen Zweifel: Der Herbst hält Einzug. Sterben und Vergehen in der Natur weckt bei vielen Menschen Gedanken ans eigene Lebensende. Laub raschelt unter den Füßen der kleinen Gruppe, die der jungen Försterin durch den Wald folgt. Etwa 20 Personen haben sich zu einer Führung durch den Friedwald Hohenlohe eingefunden.

Paare, auch einige Einzelpersonen, die meisten Ü-60er, ziehen eine Bestattung in einem Bestattungswald, auch Ruhe- oder Friedwald genannt, in Erwägung oder haben sich bereits dafür entschieden. „Für mich kommt gar nichts anderes in Frage“, erklärt eine Frau, die sich mit ihrem kleinen Hund der Gruppe angeschlossen hat. „Ich bin alleinstehend, eine pompöse Beerdigung kann ich mir nicht leisten, und meine Kinder möchte ich nicht mit den Kosten belasten. Ich wünsche, meine Angelegenheiten, auch die letzten, selbst zu regeln.“

Der 23,8 Hektar umfassende Friedwald nahe Schrozberg gehört zum Besitz von Maximilian Fürst zu Hohenlohe-Bartenstein. Zweimal monatlich führt Julia Thoß interessierte Besucher durch den Friedwald, informiert und beantwortet Fragen. Die Betreuung der Trauergemeinde während der Bestattung gehört ebenso zu ihren Aufgaben wie die Vorbereitung der Grabstätte, das Hinabsenken der Urne und das Schließen des Grabes.

„Fried- und Ruhewälder werden in Zusammenarbeit von drei Beteiligten betrieben“, erklärt Julia Thoss das Prinzip, „dem Waldbesitzer, der sowohl die Kommune als auch ein privater Eigentümer sein kann, der örtlichen Gemeinde, die als Träger den Betrieb überwacht und dem Betreiber, der für die Verwaltung zuständig ist.“

Auf die besorgte Frage, ob der Wald eines Tages vom Besitzer wieder anderweitig genutzt werden könne, gibt die Försterin eine beruhigende Antwort: „Der Wald muss als Friedhofsgelände ausgewiesen werden. Die gesamte Fläche ist durch eine Grunddienstbarkeit gesichert. Damit ist und bleibt der Friedwald Bestattungsort.“

Faktoren für den Preis

Eiche, Buche, Ahorn oder Linde – sie stehen symbolisch für Kraft, Beständigkeit, Treue und Frieden. „Mit seinem hohen Bestand an Laubbäumen ist unser Wald für klimatische Veränderungen gut gerüstet“, erklärt die Försterin. „Sollte es zu Ausfällen kommen, wird in unmittelbarer Nähe ein Baum nachgepflanzt.“

Farbige Bänder wehen an den Stämmen einiger Bäume. Mit blauen Bändern markierte Bäume können für eine Liegezeit von 99 Jahren erworben werden. Der Preis richtet sich nach Baumart, Größe und Lage und liegt bei einem der Anbieter zwischen 2490 und 6990 Euro.

Preiswerter ist der Erwerb eines Einzelplatzes für die Dauer von 15 Jahren an einem mit gelbem Band gekennzeichneten Baum. Einzelplätze kosten zwischen 770 und 1200 Euro an. „Die günstigste Variante ist mit 490 Euro ein Platz an einem „Basisbaum“. Er ist nicht frei wählbar und wird im Todesfall vom Förster zugewiesen“, erläutert Julia Thoß das Preissystem. „Hinzu kommen Beisetzungskosten, inklusive der Urne, von derzeit 350 Euro.“

Das Konzept der Bestattungswälder kommt ursprünglich aus der Schweiz. Seit 2001 sind auch in Deutschland Waldbestattungen möglich. Erst im Mai eröffnet, ist der Friedwald Hohenlohe noch sehr jung.

„Wir verzeichnen bisher knapp zehn Bestattungen, etliche Ruhebäume wurden bereits in Vorsorge erworben“, berichtet Julia Thoß. An einem schön gewachsenen Ahorn demonstriert sie den Ablauf einer Beerdigung.

Auf einer Baumscheibe, hübsch dekoriert mit buntem Herbstlaub, steht eine leere Urne aus biologisch abbaubarem Rohstoff. Eine kleine Grube ist bereits ausgehoben. „Wer eine Friedwaldbestattung wählt, entscheidet sich immer für eine Urnenbestattung. Eine Beisetzung im Sarg ist nicht möglich“, erklärt Julia Thoß.

Der Andachtsplatz, eine kleine Waldlichtung ausgestattet mit Holzbänken, Ambo und Kreuz, steht für Trauerfeiern zur Verfügung. Die Gestaltung ist den Angehörigen völlig freigestellt.

Schlicht ist das Grab an der Baumwurzel, Grabschmuck ist nicht erwünscht. Pflege und Schmuck übernimmt die Natur: Eine Fülle von Waldanemonen im Frühling, grazile Gräser im Sommer, ein Teppich von buntem Herbstlaub und glitzernde Eiskristalle im Winter. Der Friedwald ist kein Park, sondern ein Stück lebendige Natur. „Ganz ohne Pflege geht es nicht, aber sie wird auf das Nötigste beschränkt,“, berichtet die Försterin. „Totes Holz wird nicht entfernt, denn es ist wichtige Lebensgrundlage für viele heimische Pflanzen und Tiere“.

Kleine Täfelchen am Baum

Kleine Täfelchen mit Namen und Sterbedatum werden auf Wunsch am Baumstamm befestigt. „Anonym ist die Bestattung auch dann nicht, wenn die Angehörigen darauf verzichten möchten. Jeder Baum ist mit einer Nummer versehen und mit Namen des Nutzers registriert“, erklärt die Julia Thoß.

„Und“, fragt ein Mann leise und legt den Arm um seine Partnerin, „was meinst du, könntest du dir das vorstellen?“. Sie nickt. In diesem Moment lugt die Sonne aus grauen Wolken hervor. Ein Stück blauer Herbsthimmel schimmert durch die Baumkronen.

„Bäume sind die schönste Verbindung zwischen Erde und Himmel“, behauptet der Autor Hermann Lahm.

Zweifellos hat die Beisetzung in einem Friedwald Vorteile. Es muss kein Grabstein erworben werden, die Pflege des Grabes entfällt, verschiedene Bestattungsmodelle kommen Menschen mit geringeren finanziellen Mitteln entgegen. „Trotzdem“, macht Julia Thoß deutlich, „jeder ist anders und trauert anders. Nicht immer ist der Friedwald die richtige Lösung.“

Langsam löst sich die Führung auf. Auf dem Parkplatz werden noch ein paar Worte gewechselt. „Wir haben uns für den Friedwald entschieden“, versichert ein älteres Ehepaar. „Unsere Kinder wohnen nicht mehr in unserer Nähe, wer soll das Grab pflegen? Eine anonyme Bestattung auf einer Urnenwiese gefällt uns ebenso wenig die Aussicht, in einer ,Schublade’ in einer Urnenwand „abgelegt“ zu werden.“ Autotüren klappen. „Mein Enkel hat gesagt, Opa, du wirst locker 100 – mindestens“, lacht ein Mann und steigt in sein Auto. Ein kurzes Winken. Das Leben hat sie alle wieder, das Sterben kann ruhig noch etwas warten.