Main-Tauber

Bauernproteste Grüne Kreuze, Schlepper-Sternfahrten und „Flashmobs“ – der Agrarbereich geht in die Offensive

Landwirte machen mobil und erfahren sehr viel Solidarität

Archivartikel

War 2019 ein gutes Jahr für die Bauern? Die Betroffenen werden das wohl verneinen. Sie sahen sich mit vielen Problemen konfrontiert und in ihrer Existenz gefährdet. Dagegen gehen sie gemeinsam an.

Main-Tauber-Kreis. Der Main-Tauber-Kreis ist eine stark ländlich geprägte Gegend – über 1500 landwirtschaftliche Betriebe im Haupt- und Nebenerwerb unterstreichen diese These. In den vergangenen Jahren haben auch hier bereits zahlreiche Höfe aufgeben müssen, weil es sich für die Besitzer in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr gelohnt hat, sich weiter zu engagieren. Und auch in den kommenden Jahren wird sich der eine oder andere Betrieb mit diesem Gedanken befassen müssen – wenn sich zeitnah nichts Entscheidendes ändert.

Im Stich gelassen

Viele Landwirte sehen sich von der Politik im Stich gelassen – auf EU-Ebene ebenso wie beim Bund und im Land Baden-Württemberg. Gerade beim Thema Klimaschutz fühlen sie sich gebrandmarkt, weil viele, gleichermaßen in Politik wie in Gesellschaft, nicht begreifen wollen, dass die Bauern nicht das Problem dafür sind, sondern ein wesentlicher Teil der Lösung.

Bei diversen Versammlungen im Kreis im zu Ende gegangenen Jahr wurde zudem scharf kritisiert, dass der Agrarbereich von immer mehr Gesetzen, Regelungen und Vorschriften in seinem Tun beschnitten wird, ganz zu schweigen von einer weiter steigenden Bürokratie – eine Entwicklung, die von EU-Seite eigentlich in die umgekehrte Richtung gelenkt werden sollte. Nichts dergleichen ist aber passiert.

Für viele ist das Maß voll

Für viele Landwirte ist das Maß jetzt voll – tatenlos zusehen, das wollen sie nicht mehr. Und deswegen hat sich die Initiative „Land schafft Verbindung“ 2019 bundesweit gegründet, der sich in der Zwischenzeit auch zahlreiche (junge) Bauern aus dem Main-Tauber-Kreis, die ihre beruflichen Felle davonschwimmen sehen, wenn sich nicht bald was tut, angeschlossen haben.

„Gemeinsam ist man stark“ – so könnte das Motto lauten, mit dem man sich auch im Kreis den bundesweiten Aktionen angeschlossen hat, für die es sehr viel Solidarität aus der Bevölkerung gab und gibt und die öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt wurden und werden.

Mit grünen Kreuzen ging’s los

So richtig begonnen hat es mit den grünen Kreuzen auf den Feldern. Zunächst waren sie auch in der hiesigen Region nur vereinzelt zu sehen – ohne groß aufzufallen. Doch mit zunehmender Zeit wurden es immer mehr. Und schließlich stachen sie regelrecht ins Auge, wenn man zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs war. Ein erstes Ziel war von der Agrarbranche, im Übrigen immer mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Verbände, erreicht – die breite Öffentlichkeit war ins Bild gesetzt und machte sich erste Gedanken über die problematische Situation, die auf vielen Höfen vorherrscht.

Doch dies sollte erst der Anfang einer großen Protestwelle sein, die übers ganze Land schwappte und mittlerweile auch den Main-Tauber-Kreis längst erreicht hatte. Denn die Zahl jener Landwirte, die sich mit „Land schafft Verbindung“ solidarisierten, wuchs mit jedem Tag. Zwischenzeitlich war auch das Volksbegehren „Rettet die Biene“ in Baden-Württemberg auf den Weg gebracht worden, wogegen die Bauern von Anfang an Sturm gelaufen waren – mit Erfolg. Denn die Aktion ist inzwischen abgeblasen worden, weil sich Initiatoren, Landesregierung und Bauernverbände auf einen Kompromiss geeinigt haben. Für Reinhard Friedrich, Vorsitzender des Bauernverbandes Main-Tauber, ein „kleiner Erfolg“, aber keinesfalls der große Wurf. Die Protestaktionen müssten weitergehen.

Beeindruckende Schlepperdemo

Vor wenigen Wochen fuhren auch zahlreiche Landwirte aus dem Ländle zu der großen Schlepperdemonstration nach Berlin. Eine Sternfahrt aus drei Richtungen hatte als Zwischenstation Markelsheim ausgesucht – mit durchschlagendem Erfolg. Mehr als 300 Trekker kamen auf dem Bageno-Gelände zusammen, unterstützt von über 1200 Bürgern. Sie zeigten volles Verständnis für die Maßnahmen der Bauern und muntern sie auf, den eingeschlagenen Weg nicht mehr zu verlassen.

Und weil sich in Berlin bisher außer Worte noch nichts getan hat, drohen die Bauern, mit „Flashmobs“ den Verkehr lahmzulegen. Die ersten hat es gegeben. Man darf gespant sein, was das neue Jahr bringen mag.