Main-Tauber

Offiziell letzte Fahrt am 1. Dezember Schienenbus wird im Planverkehr bei der Westfrankenbahn künftig nicht mehr eingesetzt

Kult-Baureihe 628 nimmt ihren Abschied

Archivartikel

Die Kult-Baureihe 628 wird künftig nicht mehr im Planverkehr der Westfrankenbahn eingesetzt. Die offizielle Abschiedsfahrt ist bereits am 1. Dezember.

Markelsheim/Crailsheim. Damals, als sie aufkamen, brillierten sie als futuristische Flaggschiffe, wie gleißend hell aufscheinende Kometen aus einer anderen Zeit. Sie debütierten als Fremdkörper zwischen qualmenden Dieselloks und finster grünen Umbauwagen der Nachkriegszeit. Doch jede Ära hat bekanntlich ein Ende, so auch die große Zeit der Baureihe 628. Nun heißt es Abschied nehmen.

Die beiden Vorserien 628.0 und 628.1 schieden bereits vor Jahren aus, standen aber auch niemals im Bereich der heutigen Westfrankenbahn im Einsatz. Hier begann die Karriere der zweiteiligen Triebwagen später, nämlich mit der ersten Großserie 628.2 – und dies auch erst im Jahre 1988.

Ultramoderner Nachfolger

Hatte man im Mai 1983 erst den alten roten Uerdinger Schienenbus aus den 1950ern verabschiedet, wurde nach fünf Jahren ganz ohne Triebwagen der ultramoderne Schienenbus-Nachfolger umso frenetischer bejubelt. Schließlich kam das in den damals brandneuen, an Badesalz-Nuancen gemahnenden Produktfarben lackierte Fahrzeug erstmals mit getönten Scheiben daher, einem Luxus, den zuvor nur Reisende in hochwertigen TEE- und Intercity-Zügen genießen durften.

Das Niveau des Nahverkehrs auf ländlichen Gleisen hatte der 628 jedenfalls spürbar angehoben. Auch das Personal fühlte sich anfänglich beflügelt, wurde doch nun vor jedem Vorgang des selbsttätigen Türenschließens sehr schick „bitte zurückbleiben“ durchgesagt, was dem Bahnkunden gar ein gewisses S-Bahn-Feeling beschert haben mag. Die entsprechende Beschleunigung anschließend blieb bekanntlich aus, und die urbane Ansage wurde wieder abgeschafft.

Vergessen sollte man indes freilich nicht, dass die Bahn damals noch ein Staatsbetrieb gewesen ist – und eben noch keine Aktiengesellschaft. Die Uhren der guten alten Beamtenbahn tickten also noch anders als heute, insgesamt deutlich gemütlicher.

Auf die in puncto Motor recht schwache erste Großserie 628.2 folgte in den 1990ern mit dem 628.4 eine zweite, welche sich mit leistungsstärkeren Maschinen, behindertengerecht breiten Doppeltüren in Fahrzeugmitte und entsprechend größerer Gesamtlänge schnell vorteilhaft bewährte.

Insgesamt wurden von den Großserien-628 rund 500 Einheiten gebaut. Besonderes Kennzeichen der stets zweiteiligen Züge war, dass sie immer aus einem Motorwagen (628) und einem antriebslosen Steuerwagen (928) fest gekuppelt waren. Erst in den letzten Jahren gab es auch immer wieder Verbindungen aus zwei Motorwagen, vor allem für Steilstrecken.

Toilettenlose Fahrzeuge mit Motor und Erste-Klasse-Abteil erhielten indes die Bezeichnung 629. Bei der Westfrankenbahn gab es bereits im Jahr 2018 ein regelrechtes 628-Abschiedsfest. In dieser Zeit, da die Nachfolge-Baureihe VT 642 modernisiert und aufgewertet wurde, fuhren fast ausschließlich 628.

Besondere Sahnehäubchen

Außerdem krönten fortan zwei besondere Sahnehäubchen den Bestand: „Anna“ und „Maria“, beide zweimotorige 628.4-Einheiten, wurden wieder in den besagten ursprünglichen Produktfarben der späten 1980er-Jahre lackiert, also in Mintgrün/Lichtgrau/Türkis. Ein kluger Schachzug, denn seitdem belagerten Fotografen und Bahnfans fast pausenlos die Gleise der Westfrankenbahn und das ohnehin riesige Interesse an den Kult-Triebwagen stieg sogar noch weiter an. Nun wird es aber dennoch endgültig Zeit für das adäquate 628-Abschlussfeuerwerk auf der Westfrankenbahn-Magistrale zwischen Aschaffenburg, Miltenberg, Lauda, Crailsheim, Schwäbisch Hall-Hessental und Heilbronn: Am 1. Dezember um 9.23 Uhr startet die offizielle VT 628-Abschiedsfahrt in Aschaffenburg Hauptbahnhof – und zwar als planmäßiger RE 23383 in Richtung Crailsheim, dort dann um 12.38 Uhr weiter als RE 23554 nach Heilbronn Hauptbahnhof.

Von Heilbronn aus fährt man um 14.03 Uhr als RE 23557 zurück nach Crailsheim, von dort als RE 23394 um 15.31 Uhr wieder nach Aschaffenburg, wo man um 18.37 Uhr ankommt.

Für die Fahrt (mit durchweg zwei gekuppelten 628-Einheiten) wird angestrebt, einen oder sogar beide Exemplare der mintgrünen Westfrankenbahn-Triebwagen einzusetzen. Bis 14. Dezember könnte es trotzdem weiterhin zu inoffiziellen 628-Einsätzen im Planverkehr kommen, ab Fahrplanwechsel am 15. Dezember gilt dann jedoch bindend der neue Verkehrsvertrag – und gleichzeitig das offizielle Fahrverbot für nicht barrierefreie Fahrzeuge wie eben auch den 628.

Die Fahrzeuge „Anna“ und „Maria“ werden dennoch weiterhin im Westfrankenbahn-Bestand bleiben und können gechartert werden, beispielsweise für Sonderfahrten – ein Metier, welches die Auflagen des neuen Verkehrsvertrages freilich nicht berühren können. Mit ein wenig Glück erspäht man die beiden somit auch zukünftig ab und an auf den Gleisen, doch eben nicht mehr im planmäßigen Alltagseinsatz.

Ihre verkehrsroten Pendants sollen fortan allerdings komplett verschwinden. Sie werden bereits seit Spätsommer 2019 sukzessive dem DB-Stillstandsmanagement Karsdorf zugeführt. Zumindest ein Teil des Bestands hat jedoch eine durchaus gesicherte Zukunft in Tschechien vor sich.