Main-Tauber

Vortrag Dr. Ulrich Bürger vom Kommunalverband für Jugend und Soziales referierte über Perspektiven von jungen Menschen und Familien im demografischen Wandel

Kinder und Jugendliche sind knappes Gut

Archivartikel

Es war das letzte Referat, das Dr. Ulrich Bürger vor seinem Ruhestand bei der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses hielt. Erneut ging es um die demografische Entwicklung.

Main-Tauber-Kreis. Dem Pädagogen und Sozialwissenschaftler beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) geht es um Grundsätzliches: Kinder, Jugendliche und Familien gilt es zu stärken, weil sie im Zuge einer immer älter werdenden Gesellschaft zur Minderheit werden und damit unter Druck geraten. Auch wenn Politiker das wüssten, lähmten sie oft Wahlen, für die sie auf Stimmenfang gehen müssten. Vor diesem Hintergrund neigten sie häufig dazu, Klientelpolitik mit den damit verbundenen politischen Versprechungen zu machen. Die ältere Generation habe hier allein aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke die Nase vorn.

Alternde Gesellschaft

Dass Baden-Württemberg auf dem Weg zu einer alternden Gesellschaft ist, stellte Bürger anhand von Berechnungen dar. Von 2017 bis 2060 bleibe danach die Anzahl der Einwohner mit rund elf Millionen zwar relativ konstant. Die Zahl der unter 21-Jährigen sinke aber um rund 200 000 oder acht Prozent, während die Gruppe der Senioren über 65 Jahre um 9,5 Prozent steige.

Für Dr. Ulrich Bürger ergeben sich aus dem Blickwinkel der Kinder- und Jugendhilfe zwei zentrale Forderungen: Dass Kinder und Familien mehr denn je der Förderung durch eine breite bürgerschaftliche und kommunalpolitische Lobby bedürfen. Und dass diese Unterstützung nicht allein deren Interessen dient, sondern eine unabdingbare Konsequenz angesichts absehbarer volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Herausforderungen ist.

Was sich in wissenschaftlich-eloquenter Sprache recht kompliziert anhört, erläuterte Bürger an einem Beispiel. Wenn die Steuern zahlende produktivste Gruppe der 21 bis 65-Jährigen im Laufe der Jahre immer weiter zurückgeht – Bürger rechnet mit einem Minus von 14 Prozent bis 2060 – und dann noch irgendetwas unrund laufe, werde nicht genug Geld da sein, um die Aufgaben wie die Rentenfinanzierung zu stemmen. „Es kann Probleme geben, die Ökonomie am Laufen zu halten“, so der KVJS-Experte.

Lange Welle ist kaum zu stoppen

Mit Blick auf Corona und die Folgen sagte er: „Corona wird die demografische Entwicklung kaum tangieren. Demografie hat eine lange Welle, die, wenn sie einmal Fahrt aufgenommen hat, kaum zu stoppen ist.“ Eines zeigen die Zukunftsberechnungen für Bürger deutlich: „Wir brauchen Zuwanderung, um unseren ökonomischen Sektor am Laufen zu halten.“

Er warnte vor Verteilungskämpfen, die entstehen könnten, wenn die Anzahl der Menschen mit Anspruch auf Grundsicherung steige. Geld, das in den Landkreisen eigentlich in der Kinder- und Jugendhilfe gebraucht werde, fließe dann in die Grundsicherung und in die Finanzierung der Pflegebedürftigkeit, was solche Kämpfe auslösen könnte.

Zudem seien lediglich 77 Prozent der Gruppe zwischen 21 und 65 Jahren in Arbeit. „Da steckt Potenzial drin“, sieht er eine Chance. Weil aber alles mit allem zusammenhängt, muss die Kinderbetreuung sowohl quantitativ als auch qualitativ verbessert werden, um diesen Schatz zu heben. Eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf sei ebenso anzustreben wie die Intensivierung einer frühzeitigen, umfassenden und breiten Förderung und Bildung aller jungen Menschen. Gerade der Fakt, dass der Anteil der Kinder aus bildungsferneren Familien zunehmen werde, zeige, wie bedeutsam diese Herausforderung sei. „Kein Kind darf verlorengehen“, mahnte Dr. Ulrich Bürger mehrmals an.

Betrachtete er das demografische Szenario im Land bis zum Jahr 2060, beschränkte er sich im Main-Tauber-Kreis auf den Zeitraum bis 2030. Als hochdramatisch bezeichnete er die Entwicklung. Auch wenn die Zahl der unter Sechsjährigen und der Kinder im Grundschulalter steige, sinke sie bis 2030 bei den 15- bis 18-Jährigen um acht, bei den 18 bis 25-Jährigen gar um 20, bei den 21 bis 25-Jährigen um 18 Prozent. Die Steigerung der Geburtenrate erfordere indes enorme Investitionen im Kita-Bereich. Bei der Betreuungsquote der unter Dreijährigen habe sich der Main-Tauber-Kreis einen Platz im oberen Drittel des Landesrankings gesichert. Bei der Ganztagesbetreuung müsse sich allerdings noch etwas tun.

Bei der Diskussion herrschte Einigkeit darüber, dass alles getan werden müsse, um junge Menschen im Landkreis zu halten, oder für den Kreis zu gewinnen. Einzelne Aspekte und Initiativen wurden aufgeführt, der Mangel an Fachpersonal für die Kindergärten ebenso angesprochen, wie eine mögliche Maschinensteuer bei zunehmender Digitalisierung in einer Industrie 4.0.

Überlebensfähig bleiben

Bürger empfahl „als lebenswerte Lebensräume überlebensfähig zu bleiben“. Es müsse sich immer wieder gefragt werden, wie ein Gemeinwesen vital bleiben könne. Eine Verwurzelung durch Vereine, Jugendgemeinderäte und weitere Angebotsprofile könnten dies erreichen. Hinzu komme die Einbindung junger Menschen mit Migrationshintergrund. Bürger: „Sie spielen eine zentrale Rolle für unsere Zukunft.“

Bei der Kinderbetreuung und den fehlenden Fachkräften plädierte er für eine bessere Bezahlung. Soziale Berufe seien, historisch betrachtet, Frauenberufe. „Wenn die Ware knapp wird, wird sie teurer. Das klappt“, zeigte er sich sicher und merkte an, dass sich Männer eine so schlechte Bezahlung nicht hätten gefallen lassen. Grundsätzlich forderte er: „Wir brauchen eine grundlegende Debatte über die Verteilung des enormen Reichtums in diesem Land.“