Main-Tauber

Pflegeeltern Auf Zeit oder Dauer ein Kind aufzunehmen und ihm das Aufwachsen in einer Familie zu ermöglichen, kann eine enorme Bereicherung sein

„Johanna ist einfach ein Sonnenschein“

Archivartikel

Johanna ist 16 und lebt seit 14 Jahren bei ihren Pflegeeltern Michaela und Jürgen Hilgner in Werbach. Das ist ihre Familie. Aber Pflegeeltern gibt es viel zu wenige, beklagt das Jugendamt immer wieder.

Main-Tauber-Kreis. Mutter und Tochter haben nicht denselben Nachnamen und sind nicht einmal miteinander verwandt. Dennoch sind sie seit Jahren ein tolles Team. Johanna sagt selbstverständlich Mama und Papa zu Michaela und Jürgen Hilgner. Ihre beiden älteren Geschwister sind die leiblichen Kinder des Ehepaares, das sich vor gut 14 Jahren entschied, Kinder in Pflege zu nehmen.

Michaela Hilger ist Erzieherin und blieb nach der Geburt ihrer Kinder für 13 Jahre zu Hause. Weil Freundinnen sie immer wieder fragten, ob sie während ihrer Arbeitszeit das Kind betreuen könnte, wurde sie zur Tagesmutter. Eine turbulente Zeit, erinnert sie sich, die an ihrem Mann jedoch vorbeiging. Kam er von der Arbeit, waren die Kinder längst weg. Er kannte lediglich ihre Namen vom Hörensagen.

Als Jürgen Hilgner eine Annonce des Jugendamts las, in dem für eine Info-Veranstaltung für Pflegeeltern geworben wurde, fuhren die beiden hin. Ihre eigenen Kinder waren damals sieben und sechs Jahre alt. Sie fanden Gefallen an der Vorstellung, ein Kind bei sich aufzunehmen und in ihre Familie zu integrieren. „Außerdem wollten wir Familien unterstützen, denen es nicht so gut geht wie uns“, beschreibt Michaela Hilgner die Motivation.

Das Ehepaar führte Gespräche mit dem Jugendamt, nahm an speziellen Seminaren des Caritasverbands zur Vorbereitung auf die neue Aufgabe teil. Nach der Informations-Veranstaltung im Mai dauerte es bis zum Oktober, bis das Okay vom Jugendamt kam. Im Januar zog Johanna ein.

„Meine Mutter war krank und konnte sich nicht so um mich kümmern, wie es notwendig gewesen wäre“, nennt die 16-Jährige als Grund, warum für sie als Kleinkind eine Pflegefamilie gesucht wurde. Bei einer Bereitschaftspflegefamilie, die Kinder von jetzt auf gleich aufnimmt, lernten Michaela und Jürgen Hilgner die kleine Johanna kennen und verliebten sich sofort in das Kind. Drei Tage später zog sie ein. „Johanna kam zur Haustür rein und war sofort angekommen“, erinnert sich die Pflegemutter an den völlig unkomplizierten Beginn einer neuen Beziehung.

Ihre eigenen Kinder hatte das Ehepaar in das Projekt „Pflegekind“ von Beginn an einbezogen. Dennoch war der damals sechsjährige Sohn nicht so begeistert von der zweijährigen Johanna. Er hätte lieber einen vierjährigen Jungen zum Spielen gehabt und war außerdem nun nicht mehr das Nesthäkchen.

Doch die Skepsis legte sich schnell. „Johanna hat sich beim Spielen eher als Junge erwiesen“, erinnert sich Michaela Hilgner, wenn sie an die vielen Matchboxautos im Kinderzimmer denkt. Und sie stellt fest: „Die Regelung, dass das Pflegekind immer das jüngste Familienmitglied ist, ist die beste Lösung.“ Ein Mal im Monat besucht Johanna ihre leibliche Mutter, die sie auch Mama nennt und dabei in der Regel den Vornamen beifügt. Sie gehen gemeinsam essen, bummeln durch die Stadt, schauen sich einen Film im Kino an oder unternehmen einen Ausflug. „Die Zusammenarbeit mit der Mutter hat von Anfang an funktioniert“, so die Pflegemutter. Sie haben sogar eine gemeinsame Whats-App-Gruppe für den schnellen Austausch. Für Johanna ist es komplett normal, zwei Mütter zu haben. „Meine Freundinnen finden das cool“, meint sie.

Familie Hilgner möchte Johanna nicht missen und umgekehrt. „Johanna ist einfach ein Sonnenschein“, beschreibt die Pflegemutter die Jugendliche. Seit Jahresbeginn haben die Hilgners noch ein weiteres achtjähriges Pflegekind, dessen Mutter gestorben ist. Derzeit befinden sich alle noch in der Eingewöhnungsphase. Denn früher war das Mädchen es gewohnt, Prinzessin zu sein. Jetzt ist Johanna als Älteste im Haus gefragt. Sie achtet darauf, dass Regeln eingehalten werden. Und sie stellt fest: „Ich finde es schön, dass ich jetzt nicht mehr die Kleinste bin.“