Main-Tauber

IHK Heilbronn-Franken „Corona-Krise trifft die regionale Wirtschaft mit voller Wucht“

Geschäftserwartungen auf dem Tiefstpunkt

Archivartikel

Heilbronn.„Wir kommen aus einer anderen Welt“. Mit diesem Satz beschrieb die Hauptgeschäftsführerin der IHK Heilbronn-Franken, Elke Döring, ihren Rückblick auf die Situation der Wirtschaft im Kammerbezirk vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Dementsprechend fiel ihr Fazit aus, mit dem sie die Situation skizzierte: „Die Corona-Krise trifft die regionale Wirtschaft mit voller Wucht.“ Die zur Eindämmung der Pandemie getroffenen Maßnahmen führen zu einer tiefen Rezession, die sich nur mit der Weltwirtschaftskrise 2009 vergleichen lasse. Die Lage in der Industrie sei drastisch eingebrochen, der Handel verzeichne gravierende Umsatzeinbußen, die Dienstleister berichten von einem „historischen Tiefststand“, das Hotel- und Gaststättengewerbe erlebe ein noch nie da gewesenes Desaster.

Die Beschäftigungspläne der Unternehmen seien stark zurückhaltend, auch der Blick in die Zukunft sei geprägt von großer Skepsis. Den einzigen Lichtblick in der Gesamtbetrachtung biete das Baugewerbe, das trotz rückläufiger Auftragseingänge bisher weitgehend stabil durch die Krise kam.

Beim Blick auf die Situation in den vier Landkreisen der Region Heilbronn-Franken, sind augenblicklich kaum Unterschiede zu erkennen. Die aktuelle Geschäftslage werde überwiegend negativ beurteilt, wobei sich die Einschätzung zwischen „befriedigend“ und „schlecht“ mit 38 und 39 Prozent im Main-Tauber-Kreis noch am ehesten die Waage hält. 23 Prozent der im Main-Tauber-Kreis befragten Unternehmen bezeichnen die derzeitige Konjunktur mit „gut“. Nur im Stadtkreis Heilbronn wird diese Quote mit 26 Prozent getoppt, dafür sehen 49 Prozent der Unternehmer in der Regionalhauptstadt ihre aktuelle Geschäftslage als „schlecht“ an.

Lange Durststrecke zu überwinden

Die Hauptgeschäftsführerin und auch ihr Stellvertreter Dr. Helmut Kessler halten sich bei der Prognose zur weiteren Entwicklung der Wirtschaft bedeckt. Beide sehen den tiefsten Punkt allerdings als überwunden. Das Schlimmste, was jetzt passieren könnte, wäre eine zweite Infektionswelle und der damit verbundene erneute Lockdown für die Wirtschaft. Döring und Kessler gehen auch davon aus, dass eine lange Durststrecke zu überwinden sein werde, bei der es darauf ankomme, wie die Unternehmen die Liquiditäts- und Finanzierungsprobleme in den Griff bekommen. Sie glauben, dass es von großer Wichtigkeit ist, die Exportmärkte wieder zu beleben, sehen aber die größere Chance in der Ankurbelung der Binnenmarktnachfrage.

Die Einzelbetrachtung der Wirtschaftslandschaft zeigt, dass sich die Lageurteile der regionalen Unternehmen im zweiten Quartal 2020 gegenüber der Vorumfrage im vierten Quartal 2019 dramatisch verschlechtert haben. Nur noch 20 Prozent (Vorumfrage 41 Prozent) der Betriebe bezeichnen die aktuelle Geschäftslage als gut, während 41 Prozent (zwölf Prozent) mit dem Geschäftsverlauf unzufrieden sind.

Die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate fallen seit der zweiten Aprilhälfte erheblich zurückhaltender als im vierten Quartal 2019 aus. Während 21 Prozent (20 Prozent) der Unternehmen mit einem günstigeren Geschäftsverlauf rechnen, blicken 40 Prozent (23 Prozent) pessimistisch in die Zukunft. Die Betriebe sehen in der Corona-Pandemie das größte Risiko (74 Prozent). Die Einschätzung in der Industrie liege nur noch annähernd auf dem niedrigen Niveau wie 2009 zu Zeiten der Finanzkrise.

Erwartungen gesunken

Hinsichtlich der Geschäftsentwicklung in den kommenden zwölf Monaten überwiegen die negativen Stimmen. 24 Prozent (19 Prozent) erwarten eine günstigere Geschäftsentwicklung, während 37 Prozent (26 Prozent) skeptisch in die Zukunft blicken. Ein Viertel rechnet mit steigenden Umsätzen, 47 Prozent befürchten Umsatzeinbußen. Die Exporterwartungen haben sich erneut deutlich verschlechtert. 19 Prozent (22 Prozent) kalkulieren mit steigenden Ausfuhren, 41 Prozent (26 Prozent) erwarten ein sinkendes Auslandsgeschäft. Auch das Investitionsverhalten ist stark rückläufig. 17 Prozent (29 Prozent) planen höhere Investitionsausgaben, während 39 Prozent (23 Prozent) ein sinkendes Investitionsniveau vorhersehen.

Das Dienstleistungsgewerbe kommt bei der Lageeinschätzung auf den niedrigsten Stand seit 1996. Nur noch zwölf Prozent (39 Prozent) melden eine gute Geschäftslage, 51 Prozent (13 Prozent) sind mit dem aktuellen Geschäftsverlauf unzufrieden. Besonders stark hat sich die Lage im Verkehrsgewerbe, bei den ITK-Dienstleistern und im Bereich Arbeitnehmerüberlassung verschlechtert. Auch die Reisebüros sind massiv betroffen. Das bei den Ergebnissen zu den Dienstleistern nicht miteinbezogene Hotel- und Gaststättengewerbe hat im Branchenvergleich den extremsten Absturz der Lageurteile gegenüber dem vierten Quartal 2019 zu verzeichnen. Kein Betrieb (62 Prozent) meldet im Sommer 2020 gute Geschäfte, 77 Prozent (zwei Prozent) sind mit der aktuellen Lage unzufrieden.

Infolge der Pandemie berichten 92 Prozent von geringeren durchschnittlichen Gästezahlen, 57 Prozent von Liquiditätsengpässen. 89 Prozent klagen über eine verschlechterte Ertragslage.

Das Baugewerbe hat der Corona-Krise bisher weitgehend standgehalten. Während 59 Prozent (66 Prozent) die aktuelle Geschäftslage als gut bezeichnen, sind zwei Prozent (null Prozent) mit dem Geschäftsverlauf unzufrieden. Als Auswirkungen der Corona-Pandemie nennen die Baubetriebe fehlende oder ausfallende Mitarbeiter (33 Prozent) und rückläufige Auftragseingänge (28 Prozent). Ein Zehntel (18 Prozent) berichtet von steigenden, 26 Prozent (18 Prozent) von fallenden Auftragseingängen.

Am schwächsten fällt der Auftragsrückgang im Wohnungsbau aus, während der Straßen- und Tiefbau die stärkste Abnahme der Auftragseingänge meldet. Allerdings haben sich die Geschäftsaussichten für die kommenden Monate erheblich verschlechtert. Vier Prozent (fünf Prozent) erwarten einen günstigeren Geschäftsverlauf. 37 Prozent (neun Prozent) rechnen hingegen mit einer schlechteren Entwicklung. Neben dem Fachkräftemangel (65 Prozent) sieht mehr als die Hälfte (54 Prozent) in der Corona-Pandemie das größte Geschäftshemmnis.

Drastische Lage

Im Großhandel fällt die Lageeinschätzung erstmals seit sieben Jahren per Saldo wieder negativ aus. Die Situation im Einzelhandel hat sich drastisch verschlechtert, und die Mehrheit der Befragten geht von einer weiteren Abkühlung aus. Die Geschäftserwartungen sind auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise vor elf Jahren gefallen.

Auch der Arbeitsmarkt wird durch den Konjunktureinbruch und die pandemiebedingten Einschränkungen massiv getroffen. Nur acht Prozent (Vorumfrage 18 Prozent) planen die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

34 Prozent (Vorumfrage 22 Prozent) erwägen einen Personalabbau. Der Fachkräftemangel bleibt für ein Viertel (Vorumfrage 51 Prozent) der Unternehmen nach wie vor ein erhebliches Geschäftsrisiko.