Main-Tauber

Land und Leute Luise Wirsching – eine Geschichtswissen-Sammlerin mit Astschere und Ziehharmonika

Ein voller Terminkalender gehört dazu

Luise Wirsching lebt haarscharf außerhalb des Main-Tauber-Kreises – und ist weit über ihren zwischen Niederstetten und Rothenburg gelegenen Heimatort Spielbach hinaus bekannt.

Spielbach. Jüngst widmete sogar Gunter Haug in seinem Buch „Vorsetz“ Luise Wirsching ein Portrait. Ihr Markenzeichen ist das rote Kopftuch. Wenn’s um ihre Obstbäume geht, fragen immer wieder Menschen bei Luise Wirsching an. In Rothenburg, wo sie 16 Jahre bei der Klingen-Kirchweih zu hören war, kennt man sie mit der Ziehharmonika. Auch beim Handwerkermarkt und zur Viehmarktgruppe wurde sie nach Rothenburg bestellt.

Wer etwas wissen will aus früheren Zeiten und von altem Brauchtum, ist bei ihr an der richtigen Adresse. Der Pandemie wegen funktioniert die 74-jährige kurzerhand das Spielbacher Buswartehäusle zum „Sprechzimmer“ um, holt fürs Interview Kissen, Getränke und Kartenabzüge.

Mit den Urkatasterplänen hat sie sich auseinandergesetzt, als Schrozberg anlässlich der 750-Jahr-Feier das Stadtjubiläumsbuch plante, in dem es auch um die Dörfer gehen sollte. Luise Wirsching gehörte zur Gruppe derer, die Dorfgeschichte zusammentrugen. Dabei wurde sie auch auf die alte Fränkische Hochstraße aufmerksam, die von Prag nach Paris führte, unter anderem durch die Spielbacher Markung. Belege dafür fand sie im Rothenburger Archiv. Alte Karten, Flur- und Wegnamen geben Hinweise. So war etwa der Untereichenroter Feldweg bis zur Flurbereinigung als „Heerweg“ bekannt. Wo suchen? In Archiven und Vermessungsämtern, wurde ihr geraten. Dort halfen ihr schon mal Experten weiter.

Als Luise Stier wuchs die inzwischen 74-jährige auf einem Spielbacher Kleinbauernhof auf, half in der Landwirtschaft und beim Obstbaumschnitt und lernte so viel von ihrem Vater. Sie absolvierte die Landwirtschaftsschule, legte 1975 ihre Prüfung als Meisterin der Ländlichen Hauswirtschaft ab und pflanzte im selben Jahr die ersten acht jungen Obstbäume in ihrem Garten. 1979 heiratete sie Erich Wirsching, der aus einem Herchsheimer Kleinbauernhof stammte.

Kurse und Erfahrung

Was sie beim Obstbaumschnitt schon beim Vater gelernt hatte, ergänzte sie durch die Teilnahme an etlichen Obstbaumschnittkursen und eigene Erfahrung. Wie viele Bäumchen sie in ihre Obhut nahm im Lauf der Jahrzehnte? Ein paar hundert werden’s im Laufe der rund 35 Jahre schon sein, die sich für ihre Starthilfe und Pflege bedanken. Sie säumen Straßen und Flurbereinigungswege oder stehen auf Privatgrund in Dörfern im Umland. Auch im Rothenburger Hochzeitwald hat Luise Wirsching schon beraten und mitgeholfen.

Reich werde sie nicht davon, betont sie: viel macht sie aus reiner Freundschaft. Und was sie fürs Musizieren einnimmt, geht direkt an arme Menschen und Waisenkinder in Tansania. Dort pflegt das Rothenburger Dekanat seit fast drei Jahrzehnten eine Partnerschaft mit dem Dekanat Hai. Dass sie da durch ihre Musik helfen kann, macht ihr ebensoviel Freude wie es ihr Freude macht, durch ihre Auftritte Freude zu schenken.

Zur „Zuuchorchel“ kam Luise Wirsching über ihren 1979 verstorbenen Onkel Paul Junker. Der hatte früher bei Vorsetzen und Kirchweihveranstaltungen gespielt. Seine Familie schenkte ihr die Ziehharmonika. Darauf zu spielen hat sie sich selbst beigebracht, Tonleitern ausprobiert, sich durch „Hänschen klein“ und „Im schönsten Wiesengrunde“ zu weiterem Können getastet und geknöpfelt. Ihre Augen strahlen, wenn sie vom ersten öffentlichen Auftritt bei einer VdK-Jahresfeier erzählt.

Das Hobby führte sie inzwischen in zahlreiche Dörfer und Städte: Sie spielt auf zu Kirchweihveranstaltungen, bei Märkten, Vereinen, in Seniorenheimen und bei Geburtstagsfeiern, unter anderem auch gut anderthalb Jahrzehnte mit der Klingenkirchweih-Gruppe bei den Rothenburger Reichsstadttagen.

Von Jugend auf schreibt Luise Wirsching immer mal wieder ein paar Verse. Eingefordert wurden die erstmals beim Oberrimbacher Nähkurs-Abschlusskränzle. 16 oder 17 war sie da. Der gereimte Kursrückblick entstand beim Melken, zwischendurch schnell am Spültisch notiert. So hielt sie es auch bei Gedicht-Aufträgen fürs Abschlussfest der Flurbereinigung und bei Geburtstags- oder Jubiläumsgedichten.

Gedanken macht sich Luise Wirsching übers Höfesterben, den Wandel der Dörfer und den Verlust alter Bräuche. Der Vorsetz etwa, der einst zwischen Weihnachten und Lichtmess Familie, Nachbarn, Freunde und Schulkamerden zusammenführte, fiel der Mobilität und Fernsehgeräten zum Opfer. Früher kam man da, wie sie noch von ihren Vorfahren weiß, bei Mouschd und Brot in den Wohnstuben über alle Generationen hinweg zusammen. Auch Knechte und Mägde seien seinerzeit immer dabei gewesen – und es kam manches zur Sprache, für das sonst keine Zeit war. Über jede Einladung zu einer Vorsetz habe man sich damals gefreut, weiß Luise Wirsching zu berichten.

Das Interesse geweckt

Aktuell hat der im Sommer wieder aufgestellte alte Gusseisen-Ortsstock bei Wolkersfelden, der hie nach Schrozberg, da nach Wildentierbach weist, ihr Interesse geweckt. Schon hat sie allerhand Unterlagen und Wissen zu diesem Wegzeichen gesammelt – und durch Nachfragen beim Denkmalamt und Gespräche mit Älteren, die sich erinnern können, dürfte sie noch manches zusammentragen über die Ortsstock- und Wegegeschichte.

Allerdings ist sie in den nächsten Wochen anderweitig beschäftigt: Am 24. Oktober gibt sie einen ganztägigen Obstbaumkurs in der Fritz-Strempfer-Bauernschule in Kirchberg. Um heimische Obstbaumsorten und die Obstbaumpflanzung in Streuobstwiesen geht’s da, zwei Wochen später ums Schneiden und Pflegen von Obstbäumen. Ihr Terminplan ist voll: In Ruppertshofen steht ein Vortrag zur hohenlohischen Heimat an, in Dörzbach die Mitgestaltung des Kirchengemeinde-Adventsnachmittags. Das mache ihr Leben geschäftiger, aber auch reicher, sagt sie – und dankt ihrem Herrgott dafür.