Main-Tauber

Videokonferenz Nina Warken moderierte eine von ihr initiierte Runde mit dem Tourismusbeauftragten der Bundesregierung und Betroffenen aus der Region

„Die Gastronomie stirbt eher still“

Archivartikel

Um die vom Bund angekündigten „November-Hilfen“ ging es bei der von Nina Warken initiierten Videokonferenz mit dem Tourismusbeauftragten der Bundesregierung, Thomas Bareiß MdB.

Odenwald-Tauber.In Zeiten des Lockdowns beschreitet die CDU-Bundestagsabgeordnete Nina Warken neue Wege. Weil sie um die Sorgen und Nöte von Hotel- und Gaststättenbetreibern sowie Vertretern der Tourismusbranche in ihrem Wahlkreis weiß, organisierte sie eine Videokonferenz. Als Fachmann hatte sie Thomas Bareiß, Parlamentarischer Staatssekretär und Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, gewonnen. An der rund zweistündigen, von Nina Warken moderierten Gesprächsrunde nahmen neben Betroffenen und Journalisten auch die Landräte des Main-Tauber- und des Neckar-Odenwald-Kreises teil.

Thomas Bareiß war es durchweg anzumerken, dass es schwierig ist, einen ausgewogenen und von allen akzeptierten Mittelweg bei der Zurechnung von Hilfen zu finden. Hinzu käme immer noch die Abstimmung mit der EU, die enge Grenzen bei Subventionen setze. „Der Teufel steckt im Detail“, so der Parlamentarische Staatssekretär. Wie zuvor Nina Warken, rechtfertigte er den jetzigen Lockdown mit dem exponentiellen Wachstum der Corona-Zahlen, der ein Handeln unabdingbar gemachte habe. Strukturen wie der Einzelhandel sollen erhalten werden. „Es gilt, Strukturen in schweren Zeiten zu retten“, so Bareiß.

Um die angespannte Situation in der Veranstaltungs- und Tourismusbranche wisse er. Hotels und Restaurants hätten nach dem ersten Lockdown teilweise wieder gute Umsätze generiert, jetzt müssten sie nochmals schließen. Um diesen Verlust abzufedern, sollten 75 Prozent des letztjährigen Umsatzes im November ersetzt werden. „Wichtig ist uns, schnell Klarheit herzustellen und den Betroffenen diese Fördermöglichkeit in die Hand zu geben“, so Bareiß. Noch in dieser Woche sollte das, wenn irgend möglich, der Fall sein. „Wir brauchen weiter die kleine Gastronomie vor Ort. Es darf nicht zu einem Massensterben in der Branche kommen“, sagte er.

Deshalb versuchte er, Optimismus zu versprühen: Werde das Bruttoinlandsprodukt für das laufende Jahre mit einem Minus von fünf Prozent angenommen, solle dieses, dank einer konjunkturellen Erholung, im kommenden Jahr bei einem Plus von vier Prozent liegen. „Wir können nächstes Jahr wieder loslegen und die Wirtschaft wieder an die alte Stärke anknüpfen“, prophezeite Bareiß. „Wir werden hoffentlich mit einem blauen Auge durch die Krise kommen.“

Fokussiert auf die Region zeigte sich schnell, dass es den Gastronomen nicht um die große politische Linie, sondern um die konkrete Umsetzung von Hilfen vor Ort geht. So wollte Frank Bundschu, Inhaber des gleichnamigen Bad Mergentheimer Hotels und Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (dehoga) im Main-Tauber-Kreis, wissen, wie sich die Umsätze des Außer-Haus-Verkaufs von Speisen auf die Fördersumme für den Umsatzausfall von Gaststätten auswirkten. „Take away ist unschädlich“, so Bareiß.

Konkret bedeute dies, dass bei der Förderhöhe von 75 Prozent des Novemberumsatzes im Vorjahr ausschließlich die tatsächlich im Restaurant erzielten Umsätze zählten. Einnahmen, die aus dem Take-away-Geschäft generiert würden, werden nicht gegengerechnet.

Noch nicht auf der Liste seien derzeit die Hotels, meinte Bareiß auf Nachfrage, sollten aber auch eine Förderung erhalten. Wenn die Belegung 25 Prozent nicht übersteige – Geschäftsreisende dürfen weiterhin Hotels nutzen – sollen auch sie 75 Prozent an Förderung erhalten. Bei einer höheren Belegung werde der Förderbetrag heruntergerechnet. Bei 50 und mehr Mitarbeitern verringere sich der Fördersatz grundsätzlich auf 70 Prozent.

Die Gastronomie sei dankbar und fühle sich von der Politik verstanden und bestärkt, wertete Bundschu die Hilfen. Nichtsdestotrotz gebe es aber kritische Punkte in der Bewertung, weil einige Betriebe den Schlüssel bereits umgedreht hätten. Das spiegele sich allerdings nicht in der Mitgliedsstärke des dehoga wider. Bundschu: „Die Gastronomie stirbt eher still.“ Wenn sich weiter fortsetze, dass Wirte einfach keine Lust mehr haben, werde sich das Gasthaussterben fortsetzen. Bernadette Martini, Gastronomin aus Mosbach, fügte an, dass es ihr nicht nur um die Betriebe, sondern vor allem auch um die Mitarbeiter gehe.

„Die Novemberhilfe muss kommuniziert werden“, forderte Achim Brötel, Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises. Denn im Dezember könne der Hebel nicht einfach wieder umgelegt werden. Schließlich seien die Weihnachtsfeiern bereits abgesagt worden und die schlechten Monate seien dann Dezember und Januar. „Hier schwirren die Corona-Wolken“, prognostizierte er den bereits im Frühjahr beobachteten langsamen Anstieg des Geschäfts nach dem Lockdown.

Investitionshilfen gefordert

Deshalb forderte er, dass Mehrwertsteuersenkung und Hilfen beibehalten werden und Investitionshilfen zur Verfügung gestellt werden müssten. Zudem regte er an, Unesco-Geo-Parcs zu fördern. Beim Landesmarketing, richtete er den Blick gen Stuttgart, gebe es noch Luft nach oben. „Man kann von den Bayern lernen, wie man ein Bundesland vermarktet“, so Brötel mit Blick auf Kampagnen für das Taubertal.

Reinhard Frank, Landrat des Main-Tauber-Kreises, stimmte seinem Kollegen zu. Es gebe bereits viele familiengeführte Betriebe, die aufgeben mussten. Um dem Gasthofsterben entgegenzuwirken, brauche man eine Perspektive und eine Hoffnung. „Die Strukturen dürfen nicht wegbrechen. Einen dritten Lockdown werden viele nicht überleben“, meinte er.

„Ich kämpfe mit aller Kraft, dass wir die Mehrwertsteuerreduktion für Speisen weiter brauchen“, so der Staatssekretär, der Nina Warken und Alois Gerig in diesem Punkt an seiner Seite sieht. Bareiß stimmte zu, dass mehr Marketing für die Regionen betrieben werden könne und nannte als Beispiel Südtirol, das hier 70 bis 80 Millionen Euro investiere, für den Schwarzwald aber nur acht Millionen Euro zur Verfügung stünden.

Dass auch die Brauereien vom erneuten Lockdown stark betroffen seien, unterstrich Christoph Ebers von der Distelhäuser Brauerei. „Der November ist für Landbrauereien ohne Maßnahmen eigentlich nicht mehr zu verkraften.“ Das große Fragezeichen, wie es im Dezember und den darauffolgenden Monaten weitergehen solle, beschäftigen auch Gastronom Stefan Kempf und Bernd Maack, Vorsitzender des Stadtmarketing Wertheim. Kempf unterstrich, dass er für die Registrierung von Gästen zur Nachverfolgung bei Coronafällen in digitale Lösungen investiert habe. Nun aber wisse er nicht, was nach dem Lockdown komme. Maack stellte eindeutige Rückgänge beim Umsatz fest: „Die Leute haben einfach nicht so viel Interesse einzukaufen.“

Rückgang bei Kurbetrieben

Dass die Situation auch den Kurbetrieben zu schaffen mache, stellte der Bad Mergentheimer Kurdirektor Sven Dell dar. „Die Kliniken in Bad Mergentheim verzeichneten vor circa zwei Wochen, mit der Kommunikation der steigenden Fallzahlen, einen Rückgang in der Belegung von zehn bis 15 Prozent. Seit dem Bekanntwerden des zweiten Lockdowns ist die Belegung um 25 bis 30 Prozent zurückgegangen.“ Ob auch hier eine Unterstützung geplant sei, wollte er von Bareiß wissen.

„Das Thema ist auf dem Schirm“, so der Staatssekretär. Man dürfe es nicht unterschätzen. Es gebe auch Hilfsprogramme und Sonderzahlungen des Bundesgesundheitsministeriums. Ein weiteres, stark betroffenes Segment sei die Tourismusbranche, so Reisebürobetreiber Helmuth Hofer. „Durch das Verbot von touristischen Reisen in Deutschland ist unser touristisches Geschäft nahezu zum Erliegen gekommen. Wie sieht das bei uns Reisebüros aus mit der Förderung für November?“, wollte er wissen.

Reisebüros sind schwieriger Fall

Reisebüros seien in jeder Hinsicht ein besonders schwieriger Fall, räumte Bareiß ein. Sie profitierten von Hilfen, der Erhöhung bei der Anrechenbarkeit der Personalkosten, von der Fixkostenerstattung und der Überbrückungshilfe. Es sei versucht worden, Reiseregionen wieder zu öffnen. Doch nun sei fast ganz Europa wieder im roten Corona-Bereich. „Die Situation ist angespannter denn je“, sagte Bareiß. Zu konkreten Novemberhilfen könne er wenig sagen, weil diese im Reisebürobereich noch offen seien und nicht klar sei, welche Margen zugrunde gelegt würden.