Leserbrief

Leserbrief Zum Bericht „Naturschutz beginnt vor der eigenen Haustüre“ (FN, 8. September)

„Unser Lebensstil Ursache für Insektensterben?“

Zum umfangreichen Bericht mit der vielversprechenden Überschrift „Naturschutz beginnt vor der eigenen Haustür“ möchte ich noch einige Argumente ansprechen, die einen großen Einfluss auf den Rückgang der Vögel und Insekten hatten.

Unsere Wohlstandsgesellschaft sowie Natur- und Umweltverbände wollen diese Meinung meist nicht wahrhaben, da sie gerne die Landwirtschaft, als alleiniger Verursacher, an den Pranger stellen.

Korrigieren muss ich die Aussage von Herrn Hökel, es werde Grünland zu Acker umgewandelt. Diese Aussage ist falsch und veraltet. Seit 1988 besteht in den baden-württembergischen Wasserschutzgebieten und seit zehn Jahren landesweit ein Grünlandumbruchverbot.

Der Rückgang an Insekten und Vögeln hat doch schon in den 1950er und 1960er Jahren, mit dem Beginn des Höfesterbens und dem Aussterben der Zugtiere eingesetzt. Damals waren noch die Wege und Straßen mit Kot und Urin der Zugtiere verklebt. In Fahrspuren und an Straßenrändern standen meist dunkel gefärbte Wasserlachen, über die sich unzählige Vögel und Insekten hermachten. Üblich und straffrei war in dieser Zeit noch, den Mist von den zu kleinen Lagerstätten auf den Höfen, im Laufe des Jahres, an den Feldrändern zwischenzulagern.

Damit hatten die Insekten noch weit verbreitet ihre Brutstätten. Durch den Umbruch in der Landwirtschaft wurden die viel verspotteten „ungezieferreichen Misthaufen“ in den Orten und Fluren immer weniger. Heute kennt man in manchen Orten keine Tierhaltung und keine Misthaufen mehr.

Viele Gemeinden hatten in dieser glorreichen Vogel- und Insektenzeit keine oder nur teilweise eine Kanalisation. Was wurde da nicht alles in die Bäche eingeleitet? Da waren die Bäche und vor allem die Bachufer mit Sümpfen durchwachsen. Diese Sümpfe waren durch und durch mit Maden und Würmer besiedelt. Für die Insekten- und Vogelwelt waren diese Gewässer und die damalige Landwirtschaft ein Schlaraffenland. Mit unserem Hygiene- und Vorschriftenwahn haben wir heute eine sterile Landschaft geschaffen, in der viele Insektenarten kaum noch Lebensbedingungen vorfinden.

Parallel dazu nahmen auch die lichthungrigen und wärmeliebenden Insekten ab. Mit gestiegenen Ansprüchen und Bequemlichkeiten der Menschheit werden täglich durch unsere Straßen-, Flug- und Schienenfahrzeuge und einer sich ausbreitenden Zersiedelung der Landschaft mit einem Meer an Beleuchtungen sowie durch Funkmasten und Windrädern eine nicht zu ermittelnde Anzahl an Insekten und Vögeln getötet, die im Umland geboren wurden. Durch unsere Lebensweise sterben Tag für Tag Insekten und Vögel, auch an den Tagen und Wochen, an denen kein Landwirt seine Felder betritt.

Wir haben zwischenzeitlich ein engmaschiges Straßennetz mit am Tag aufgeheizten Bodenbelägen und nur wenige Kilometer Luftlinie auseinanderliegenden Siedlungen in denen die Nächte weniger abkühlen. Aus den zwischenliegenden Feldern und Wäldern haben die Insekten in alle Himmelsrichtungen zu den verlockenden Lichtern und zu der sich wärmer anzufühlenden Gefilden nicht mehr weit. Fatal ist, dass viele erst flügge gewordenen Insekten sich schon auf die Todesreise machen, noch bevor sie für Nachkommen sorgen konnten. Wie sollen da Populationen sich aufbauen? Die Ausweitung von Blühmischungen und Brachflächen sowie das Verbot von Pflanzenschutzmittel alleine löst das Problem des Insektensterbens nicht. Wir müssen die durch unseren Wohlstand verursachte „Vernichtungsmaschinerie“ einstellen und nicht die Lebensmittelproduktion.