Leserbrief

Leserbrief Zu "Sorgen und Ängste haben zugenommen" (FN/TZ 14. Januar)

"Leider keine repräsentative Stichprobe aus der Bevölkerung"

Auf einer ganzen Seite berichten die Fränkischen Nachrichten/Tauber-Zeitung über eine Projektarbeit von fünf jungen Studenten der Hochschule für Verwaltung in Ludwigsburg. Mit zwei Meinungsumfragen wollen sie eine drastische Zunahme von Sorgen und Ängsten in der Bevölkerung wegen der Zuwanderung von Flüchtlingen ermittelt haben. Leider weist diese Arbeit - trotz des damit betriebenen hohen Aufwands - eklatante methodische Fehler auf. Aus diesem Grund ist es schlicht unmöglich, die berichteten Schlussfolgerungen zu ziehen.

Eine Meinungsumfrage gibt nur dann die Ansichten der Bevölkerung zuverlässig wieder, wenn die befragte Stichprobe repräsentativ ausgewählt worden ist. Dazu müssen die Befragten nach einem Zufallsverfahren aus der Grundgesamtheit, zum Beispiel den Bewohnern des Main-Tauber-Kreises, ausgewählt werden. Dann kann man aus dem Ergebnis der Stichprobe auf die Meinungen der Menschen im Main-Tauber-Kreis schließen. Hat jeder Befragte dieselbe Chance gehabt einbezogen zu werden, genügt auch eine weit kleinere Stichprobe, um verlässliche Aussagen zu treffen. Professionelle Meinungsforschungsinstitute befragen zum Beispiel nur 1000 aus ganz Deutschland repräsentativ ausgewählte Personen, um etwa Wahlergebnisse auf Bundesebene relativ genau vorherzusagen. Ein Fehler bei der Auswahl kann aber auch durch eine noch so große Anzahl von Befragten nicht kompensiert werden.

Die Studenten haben bei ihrer Projektarbeit leider keine repräsentative Stichprobe aus der Bevölkerung gezogen, sondern vor allem Personen aus ihrem Umfeld befragt. Deshalb ist es unmöglich, aus den Befragungsergebnissen auf die Verteilung bestimmter Meinungen in der Bevölkerung zu schließen. Hätten sie wenigstens bei der Wiederholungsbefragung alle Personen aus der ersten Befragung erneut befragt, könnte man zumindest auf eine Meinungsänderung über die Zeit schließen. Die zweite Stichprobe unterschied sich aber deutlich von der ersten, so dass auch dies nicht möglich ist.

Für eine Projektarbeit von Studenten ist das beschriebene Vorgehen sicher ausreichend und in Ordnung. Bedenklich ist jedoch, wenn die Befragungsergebnisse von der Zeitung ohne Hinweis auf die methodischen Schwächen und deren dadurch eingeschränkte Interpretierbarkeit berichtet werden. Es wird damit der Eindruck erweckt, als handle es sich um repräsentative Befragungen mit verlässlichen Ergebnissen, aus denen die politische Forderung abgeleitet werden kann, die Zuwanderung von Flüchtlingen zu begrenzen. Einer seriösen Zeitung wie den Fränkischen Nachrichten/Tauber-Zeitung sollte so etwas eigentlich nicht passieren.