Leserbrief

Leserbrief Zu "Im Wald sieht es gut aus" (FN 8. November)

Lasst Brennnesseln übrig

Vor einigen Tagen konnte man in dieser Zeitung lesen: "Im Wald sieht es gut aus". Ich gehe einmal davon aus, dass der Verfasser dieses Satzes nicht die rund 80 Prozent verschwundener Insektenarten gemeint hat, für deren Verschwinden die Forstverwaltungen leider mit verantwortlich sind. Die Ränder von Waldwegen werden teilweise mehrmals jährlich gemäht. Weichholzarten wie Zitterpappel und Salweide werden gnadenlos abgeholzt. Mit ihnen lässt sich ja kein Geld verdienen. Sie sind aber die Futterpflanzen der Raupen unsere schönsten Waldschmetterlinge wie Großer Eisvogel die beiden Schillerfalterarten und auch des Großen Fuchses, immerhin der Schmetterling des kommenden Jahres 2018.

Wer so geehrt wird, dem kann es nicht gut gehen. Auch seltene Orchideen wie die Breitblättrige Stendelwurz, fallen diesen "Säuberungsaktionen" zum Opfer. An den Wegrändern gibt es daher immer weniger Brennnesseln, Disteln und Wasserdost.

Auf ihnen suchen aber Fliegen, Schwebfliegen, Schmetterlinge und unzählige Käferarten Pollen und Nektar. Nicht zuletzt dienen diese lebendigen Wegesränder der Biotopvernetzung.

Was für den Wald gilt, gilt natürlich auch für die offene Feldflur. Auch hier - und zwar noch stärker als im Wald - wird vom zeitigen Frühjahr bis zum Herbst mehrmals jährlich gemäht. Soweit der Mäharm reicht, werden Wege und Straßenränder sowie Böschungen, kahl rasiert. Obwohl keinerlei Beeinträchtigung des Straßenverkehrs erkennbar ist, bei Feldwegen sowieso nicht. Wem dient also diese ausgeräumte Feldflur? Doch wohl nur den Landwirten, deren Beitrag am Zurückgehen der Artenvielfalt wohl unbestritten ist.

Etwas weniger ist für die Natur oft mehr. Auch hier wird eine Biotopvernetzung zunichtegemacht. Bundesumweltministerin Barbara Hendriks stellte bereits fest, dass es zu wenig Blühstreifen und Hecken gibt. Die Verantwortlichen in Stadt und Land tun alles dafür, um die letzten Blühstreifen auch noch zu vernichten. So wird eine ehemals intakte Fauna und Flora immer mehr zu Grabe getragen.

Eine einmal verschwundene Insektenart ist nur sehr schwer wieder anzusiedeln, gebraucht werden aber alle. Jede hat oder hatte ihre Aufgabe. Lasst noch ein paar Brennnesseln übrig.