Leserbrief

Leserbrief Zum Anschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft

Kein Synonym für Wertheim

Nun ist es also leider auch in Wertheim passiert, dass ein feiger Brandanschlag auf eine Notunterkunft für Asylsuchende mit unserer Stadt verbunden wird, die in den vergangenen Tagen so vorbildlich und großartig eine Aufgabe angenommen hat, die eigentlich kaum zu bewältigen war und dank der vielen freiwilligen Helfer und der positiven Einstellung unserer Stadtverwaltung doch so beeindruckend gestemmt werden konnte.

Was immer der oder die Täter an abstrusen Motiven für sich in Anspruch nehmen will, es ist abstoßend, inakzeptabel und darf nicht als Synonym für Wertheim stehen. Nicht für ein Wertheim, das sich so weltoffen und hilfsbereit gezeigt hat, dass man Stolz empfinden durfte, und das im besten Sinne humanitär handelt.

Gleichwohl, nicht wenige Menschen empfinden Angst und Unsicherheit angesichts einer Flüchtlingswelle, die alle bekannten Dimensionen sprengt. Darüber muss man reden, im Gespräch bleiben. Sorgen müssen ernst genommen werden.

Leicht wird das nicht, was da auf uns zukommt. Und doch, haben wir in der Geschichte unserer Republik nicht bereits ähnliche Mammutaufgaben bewältigt? Beinahe zwölf Millionen Heimatvertriebene in der Nachkriegszeit, die Öffnung der deutschen Grenze und die Eingliederung der neuen Bundesländer, den Zuzug der Spätaussiedler - allein nach der Grenzöffnung waren das 2,8, seit 1950 4,5 Millionen.

Deutschland war und ist ein Einwanderungsland. Und hat sich nicht vielleicht gerade deshalb hier eine so stabile Demokratie und Wertegesellschaft entwickelt? Und wer weiß, wenn uns Integration gut und vernünftig gelingt, Regeln, Strukturen und eine vernünftige Eingliederung in Schul- und Arbeitssysteme vorausgesetzt, es kann ein Weg sein, unsere fragilen Renten- und Sozialsysteme aufzufangen, die bereits in wenigen Jahren an ihre Grenzen stoßen würden, weil jährlich 530 000 Menschen fehlten. Die Industrie hat das längst begriffen.

Gewiss, es ist keinesfalls alleine eine Frage technischer Hochrechnungen. Wer Häuser anzündet, schreckt auch irgendwann nicht vor noch schlimmeren Taten zurück. Angst vor einer Überflutung unserer Kultur, unseres Wertesystems? Welche Werte kann man mit dem Zündholz verteidigen? Ganz viele Menschen haben in den vergangenen Tagen geholfen, einfach nur geholfen, mit ihrem Engagement, mit Geld- oder Sachspenden. Sie haben nicht nachgerechnet, nicht abgewogen, nicht Bedenken in den Vordergrund gestellt, sondern die besten Werte unserer Kultur gelebt. Darauf darf man stolz sein und dankbar.