Leserbrief

Leserbrief Zu „Als ’Verrückter’ 36 Jahre lang im Turm“ (FN 23. Juni)

Hölderlin wirklich entdecken

In der Reihe Straßennamen (Teil 19) wird der Dichter Friedrich Hölderlin als ’Verrückter’ und ’Geisteskranker’ mit ausführlicher Schilderung seiner Krankheitsgeschichte der Leserschaft vorgestellt.

Es ist äußerst fraglich, ob der Mergentheimer Gemeinderat im Jahr 1954 aus diesem unschmeichelhaften Grund eine Straße im Weberdorf nach dem schwäbischen Dichter benannt hat.

Großes Werk nicht erwähnt

Wie soll der Straßenname „für uns Heutige“ eine Chance sein, einen ’Verrückten’ und ’Geisteskranken’ neu zu entdecken?

Dass der nur in einer Bildunterschrift erwähnte ’Weltruhm’ des Dichters fortlaufend mit seiner Krankengeschichte verbunden wird, ist wohl eher als Ironie, wenn nicht als Fehlgriff zu bezeichnen.

Von dem großen geistigen Werk, das Hölderlin vor seinem Krankheitsausbruch geschaffen hat, ist in dem Bericht von Joachim W. Ilg mit keinem Wort die Rede. Dies ist umso bedauerlicher, als der ehemalige Tübinger Stiftler zu den ganz großen Dichterpersönlichkeiten der deutschen Geistesgeschichte zählt.

Gegen den Egoismus

Hölderlin verkörpert als Dichter den Seher und Künder des Heiligen. Er war durchdrungen von der Vision eines goldenen Zeitalters der Zukunft, geprägt von Harmonie, Schönheit und Dankbarkeit als elementare Lebensmächte. Seine Kritik an „dürftiger Zeit“ des ausgehenden 18. Jahrhunderts erweckte in ihm die Gabe des Volks- und Menschheitserziehers. Unermüdlich pries er „die heilige Herrschaft der Liebe und Güte“ gegen den Egoismus seiner Zeit.

Besonders anrührend die Hölderlins pantheistische Naturfrömmigkeit. So vertrat er den Glauben und die Hingabe an die „Seele der Natur“. Seine unverkennbare Wahlverwandtschaft mit dem antiken Griechentum drängte ihn zuletzt dazu, eine Versöhnung zwischen christlichem Glauben und hellenischer Naturreligion anzustreben – eine selten gewagte Synthese im Verlauf der abendländischen Geschichte.

All’ diese oder ähnliche positiven Aspekte des trotz seiner Krankheit reichen Dichterlebens finden in dem groß aufgemachten Bericht keinen Niederschlag.

Wer Hölderlin wirklich „entdecken“ möchte, der wird es nicht über die Krankenanalyse dieses Mannes erreichen, vielmehr ausschließlich über die Lektüre und Auseinandersetzung mit seinem tiefsinnigen Werk in Poesie und Prosa, welches seinen wahren Weltruhm begründet und ’uns Heutigen’ noch so manches zu lehren vermag.