Leserbrief

Leserbrief Freistellung von Dr. Gerhard Schüder (FN 19. November)

Herber Verlust fürs Krankenhaus

Mit großer Sorge habe ich von der Freistellung Dr. Gerhard Schüders durch die Leitung der Wertheimer Rotkreuzklinik gelesen. Der Fall scheint mir ein weiterer Beweis für den schleichenden Niedergang des Krankenhauswesens zu sein. Auch aus anderen Städten hört man immer wieder Klagen darüber, dass Kliniken zu rein Ökonomie-getriebenen Institutionen verkommen und sich immer weiter entfernen von dem Ideal einer patientenorientierten, humanen Praxis.

Der Wertheimer Fall scheint mir diese Tendenz auf ebenso exemplarische wie einzigartige Weise zu bestätigen. Statt für einen geregelten Weggang zu sorgen, der für Personal und Patienten den ohnehin schweren Verlust eines renommierten Arztes leichter verkraftbar macht, hat man sich im Fall Dr. Schüder für Prinzipienreiterei entschieden, die zwar rechtlich ok sein mag, menschlich aber ein trübes Licht auf die Verantwortlichen wirft.

Herrn Dr. Schüder, der sich für einen Wechsel nach Tauberbischofsheim entschieden hat, deshalb von heute auf morgen freizustellen, bedeutet, dass er bis zu seinem Amtsantritt in Tauberbischofsheim im Januar 2017 als Operateur weder hier noch dort tätig sein kann. Dies wiederum führt dazu, dass in Wertheim bereits fest verplante OP- Termine gestrichen werden müssen. Auch ich stand kurz vor einer sehr komplexen OP, die ich nur vom Arzt meines Vertrauens, eben Dr. Schüder, durchführen lassen wollte.

Macht sich die Klinikleitung einen Begriff davon, was es für einen ohnehin schon verängstigten Patienten bedeutet, kurz vor dem Termin erfahren zu müssen, dass der Chirurg, mit dem man monatelang im Kontakt gestanden und dessen Fähigkeiten und menschliche Qualitäten man schätzen gelernt hat, nicht mehr zur Verfügung steht?

Oder sind solche Überlegungen einem auf Effizienz und Durchsetzung von wirtschaftlichen Zielen getrimmten Management bereits wesensfremd? Und wäre es nicht angebracht, dass man sich auf den Verwaltungsetagen fragt, ob der Weggang eines derartig renommierten Arztes eventuell etwas mit den Verhältnissen an der Klinik zu tun hat? Das schönste und neueste Krankenhaus nützt nichts, wenn die Menschen, die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die darin arbeiten, keine Wertschätzung bekommen für ihre Arbeit, die sie in einem auf Kante genähten Personalstock leisten müssen.

Es spricht für Herrn Dr. Schüder, dass er sich nach seiner Freistellung weiterhin verantwortungsvoll zeigte, und sich bestens um mich und andere Patienten kümmerte. Mir besorgte er in kürzester Zeit einen Ersatz-OP-Termin in Würzburg. Als Operateur aber kann er natürlich nicht an meiner Seite sein.

Mit Herrn Dr. Schüder verlässt ein Arzt Wertheim, der es verstand, seine herausragende fachliche Qualifikation auf wunderbare Weise mit seinem einfühlsamen menschlichen Wesen zu verbinden - eine Kombination, die offensichtlich selten geworden und in einem durchrationalisierten Klinikwesen auch kaum noch gefragt ist.