Leserbrief

Leserbrief Zu "Reporter wurden des Saales verwiesen" (FN 5. März)

Ein Schreckgespenst ausgemalt?

Refugees Welcome - zum wiederholten Male bot sich in Wertheim das gleiche Bild: Hier die Guten, dort die vermeintlich Bösen. Selbstverständlich steht es allen Bürgern zu, gegen jeden und alles zu demonstrieren. Trotzdem war mir bei der Szenerie am vergangenen Freitag nicht so ganz klar, wo eigentlich das feuerspeiende Schreckgespenst war, gegen das man ins Feld zog?

Nach der Silvesternacht von Köln wurde man überall darüber belehrt, dass man von ein paar wenigen kriminellen Flüchtlingen nicht automatisch auf alle schließen darf.

Im umgekehrten Fall nimmt man es mit den Pauschalisierungen aber offensichtlich nicht so genau. Angefangen von kriminellen Neonazis über Pegida-Aktivisten bis hin zu allen, die nicht hundertprozentig hinter dem Motto "Refugees Welcome" stehen, hat man sich in einem Rundumschlag ein Schreckgespenst ausgemalt: Die AfD. Nach aktuellen Umfragen (Tagesschau.de vom 5. März 2016) käme die AfD bei der Landtagswahl auf einen Stimmenanteil von 13 Prozent. Würde sich diese Prognose in einem Wahlergebnis niederschlagen, wären dies bei 7,7 Millionen Wahlberechtigten in Baden-Württemberg und einer vermutlich hohen Wahlbeteiligung etwas weniger als eine Million Wähler.

Sind diese AfD-Wähler in den Augen der Wertheimer Friedensaktivisten dann auch automatisch Rassisten, die zusammen mit Frau Petry an den Landesgrenzen auf Flüchtlinge schießen wollen?

Wovor fürchten sich Richard Diehm und seine Mitdemonstranten eigentlich so sehr? Anstatt medienwirksam durch Wertheim zu ziehen, sollte man vielleicht doch etwas besonnener der Realität ins Auge schauen: Die AfD wird weder mit absoluter Mehrheit die neue Landesregierung stellen, noch in einer Regierungskoalition hauptverantwortlich einen Ministerposten besetzen.

Sie wird allerdings als legitim gewählte Oppositionspartei einer neuen Landesregierung auf die Finger schauen - ganz im Sinne der Wähler, die ihr die Stimme geben werden.

Richard Diehm und die Grünen können laut Prognose dem Wahltag entspannt entgegensehen: Mit Winfried Kretschmann werden sie erneut ein historisch gutes Ergebnis einfahren. Gedanken machen sollten sich eher die Sozialdemokraten, deren Fahne beim Wertheimer Friedensmarsch auch zu sehen war. Wer laut Umfrage fast gleichauf mit der AfD liegt, sollte sich lieber an die eigene Nase fassen und darüber nachdenken, weshalb sich die Wählerschaft abgewendet hat.

Die Christdemokraten werden sich die Frage gefallen lassen müssen, weshalb das Pflänzchen AfD überhaupt erst rechts neben ihr aufgehen konnte.

Guido Wolf hat es als geklonte Marionette von Frau Merkel von Anfang an versäumt, sich in der Flüchtlingspolitik gegen die Bundeskanzlerin zu positionieren.

Vier verletzte Polizisten sind die Bilanz des vergangenen Freitags. Schon ein verletzter Polizist ist in meinen Augen zu viel, wenn es Andersdenkenden offensichtlich nicht mehr gelingt, politische Gegner mit Sachverstand und Argumenten zu widerlegen.

"Refugees Welcome" - aber bitte mit Maß und Ziel und nicht kopflos und ohne Plan.

In Artikel 20 des Grundgesetzes heißt es: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Wer gute Politik macht, wird vom Wähler bestätigt, wer einen bestimmten Anteil des Wahlvolkes nicht mehr repräsentiert, wird abgewählt.