Leserbrief

Leserbrief Zum derzeitigen Umgang mit den Asylbewerbern

Die Stimmung scheint am Kippen

Ich bin erschrocken, wie sehr die Stimmung gegenüber den Asylbewerbern gerade nach dem Brand in Wertheim am Kippen ist. Die Wortwahl ändert sich, man redet immer mehr von ihnen als "Schmarotzer", "Bimbos" und anderes. Es ist erstaunlich, wie breit dieses abfällige Reden geworden ist und wie sehr man sich an Stammtischen damit zu profilieren sucht.

Der oder die Brandstifter von Wertheim haben im Geiste vieler anderer, die sonst sich öffentlich nicht äußern, gehandelt, Sätze wie "Gut so!" machen nun die Runde.

Wenn ich mir die Menschen betrachte, die so abwertend über die Asylbewerber erzählen, so sehe ich bei keinem, dass er bislang auch nur auf einen Cent verzichten musste, sie mussten keinen Handschlag für sie tun, viele haben gar keinen Kontakt zu ihnen, was typisch für das Wachsen von Vorurteilen ist.

Man rechnet wieder und wieder die Kosten für die Flüchtlinge als Verschwendung auf. Wenn ein Banker Boni in Millionenhöhe erhält, weil er hunderte von Menschen arbeitslos gemacht hat, dann ist das keinen Kommentar wert. Die Liste derart destruktiver und teurer Strukturen ließe sich über Seiten fortsetzen, aber irgendwie haben wir uns daran gewöhnt oder glauben, daran doch ein wenig mitprofitieren zu können. Gegen Asylbewerber wird dagegen gnadenlos "'argumentiert".

Ich bin weit davon entfernt, alles gut zu heißen und über alles die Hand halten zu wollen, aber wenn wir in Deutschland beginnen auf Respekt und Empathie für die Asylbewerber zu verzichten, dann erklären wir sie zu seelenlosen Wesen oder Tieren, die nur noch bedrohlich wirken und gegen die man letztlich auch mit Gewalt vorgehen darf und schließlich sogar muss.

Das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit in der Bevölkerung ist sehr groß, auf Störungen wird sehr feinfühlig und heftig reagiert. Anders kann ich mir diese Entwicklung nicht erklären. Diese Beunruhigung gibt es nun mal - hier wie überall in der Welt -, das muss man als Teil der Realität akzeptieren, und es gilt, politisch darauf zu reagieren. Die Parole "Wir schaffen das!" hilft da überhaupt nicht.

Die Politik auf allen Ebenen versäumt es aber, diese Lage aufzugreifen und ein überzeugendes Gesamtkonzept für ein gedeihliches Miteinander vorzulegen. So können Fantasien ins Kraut schießen, alles Schlimme scheint möglich.

O.K., die Politiker haben es nicht gelernt, derartige Konzepte zu entwickeln, aber sie könnten sich Fachleute holen und ihnen einen entsprechenden Auftrag zur Entwicklung eines Konzeptes erteilen. Tun sie aber nicht, so bleibt ein politisches Vakuum, das jeder nach seinem Gutdünken füllt.

Ob sie wollen oder nicht, durch dieses Nicht-handeln werden Geburtshelfer für Brandstifter. Ich nenne diese Unterlassungen politisch verantwortungslos.

Zu so einem Konzept gehört für mich auch Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit über die Asylbewerber bei sozial unangepasstem Verhalten. Es schadet dem Vertrauen, wenn die problematische Wahrheit an der Pressestelle oder in der Redaktion rausgefiltert wird. Nur in der Auseinandersetzung mit der ganzen Realität kann es zu Gemeinsamkeiten kommen, alles andere schafft Chaos und Unsicherheit und jeder spürt, dass die offizielle geschönte Lesart nicht stimmen kann.