Leserbrief

Leserbrief Zu "Hausarzt-Versorgung auf sehr gutem Niveau" (FN/TZ, 25. August)

Der Ärztemangel ist real und wird sich verstärken

Wieder einmal werden nackte Zahlen herangezogen, um zu statuieren, dass der ländliche Raum, der Main-Tauber-Kreis, eine überdurchschnittlich gute Versorgung an Haus-, Fach- und Klinikärzten habe.

Der ein oder andere Bürgermeister wird sich vor Verwunderung die Augen reiben. Professor Reinhart betont zu Recht, dass zukünftig weiter die flächendeckende Versorgung gewährleistet werden soll, und es ist gut, dass er sich dafür einsetzt. Denn die genannten Zahlen spiegeln mitnichten die Realität wieder. Trotz großer Anstrengungen der Ärzteschaft und auch der Kommunen ist es nicht gelungen, die Versorgung in der Fläche aufrecht zu erhalten. Dies gilt besonders für den südlichen Bezirk des Main-Tauber-Kreises. Die Altersstruktur der niedergelassenen selbstständigen Ärzte im Altkreis Mergentheim besagt, dass ein Drittel (!) in den kommenden fünf Jahren in Rente gehen wird. Diesen Aspekt der demographischen Entwicklung hat die Landesregierung in ihrem Statement nicht bedacht.

Im stationären Bereich haben die Akutkrankenhäuser Mühe, die Stellen zu besetzen. Immer öfter werden die Lücken mit Ärzten aus anderen Nationen gefüllt, die sich unter großen Anstrengungen die notwendigen Sprach- und Fachkenntnisse anzueignen versuchen. Der Ärzte-Aderlass anderer EU-Staaten zu unseren Gunsten ist nicht nachhaltig und ungerecht. Zum Glück erlaubt es das Arbeitszeitgesetz heute nicht mehr, dass Klinikärzte 36 Stunden am Stück arbeiten und die Erwartungshaltung bezüglich des immer verfügbaren eigenen Hausarztes hat sich auch verändert. Auch deswegen brauchen wir heute mehr Ärzte als noch vor 15 Jahren. Und ja - die Liegezeiten in den Krankenhäusern haben sich stark verkürzt, und es gibt immer weniger Betten. Aber gleichzeitig stieg die Zahl der stationär behandelten Fälle stark an und der wirtschaftliche Druck auf die Kliniken ebenso. Deshalb: Nein, die ärztliche Versorgung ist weder im niedergelassenen noch im stationären Bereich "hundertprozentig". Es wäre falsch, sich auf dieser Fehlinterpretation des "rechnerischen Versorgungsgrades" auszuruhen. Vielmehr versuchen Ärztevertreter seit mehreren Jahren gemeinsam mit der (Kommunal-)Politik für die Attraktivität des Main-Tauber-Kreis für Ärzte zu sorgen und für unsere Region zu werben (Masterplan Studium Humanmedizin; Lehrstühle Allgemeinmedizin; Finanzierung Lehrpraxen; Wiedereingliederung; Stipendien; Landesförderprogramme. . .).

Der Ärztemangel ist real, und er wird sich verstärken.