Leserbrief

Leserbrief Zu "Hausarzt-Versorgung auf sehr gutem Niveau" (FN/TZ, 25. August)

Aussagen von Professor Reinhart geradezu konterkariert

Eine markige Aussage, und schon sind alle Bürger zufrieden? So scheint hier die Intention von MdL Professor Reinhart zu sein. Warum, wenn nicht aus parteipolitischen Zwecken, wird so kurz vor der Bundestagswahl eine gleichsam inhaltslose wie am Kern des Problemes der ländlichen hausärztlichen Versorgung vorbeigehende Aussage getroffen? Nicht mehr als Beschwichtigungen durch den Politiker im Rahmen des Wahlkampfes stellt der Inhalt des Artikels dar (wer kennt nicht noch die berühmte Blüm'sche Aussage "die Rente ist sicher!"). Offensichtlich erkennen Volksvertreter jene Signale nicht, die das gemeine Volk schon mit gesundem Menschenverstand sehen kann: nicht die aktuell bestehende Zahl der Hausärzte im Kreis ist von Bedeutung - die ist in der Tat sehr gut und ausreichend. Von Interesse für die Bürger ist aber doch, ob sie in fünf bis zehn Jahren auch noch einen Hausarzt vor Ort haben werden! Genau hier liegt aber das Problem begraben: Aus eigener Recherche für einen Vortrag ergibt sich für den Altkreis Mergentheim eine in der Tat düstere Prognose: 2015 waren hier 24 Ärzte in hausärztlicher Versorgung tätig - nach ihrer Altersstruktur sind bis 2025 davon 14 im Rentenalter (und somit wahrscheinlich im Ruhestand). Von den damals 14 Kollegen ist mittlerweile leider Kollege Pingel aus Niederstetten verstorben - erwartungsgemäß ohne eine Nachbesetzung seiner Praxis. Somit werden 2025 wohl über 62 Prozent der jetzt tätigen Hausärzte ihre Praxistüre hinter sich abgeschlossen haben. Nachwuchs zu finden ist, selbst bei großem Engagement in der Weiterbildung, immens schwer geworden: Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin sind rar - Weiterbildungsstellen, gerade im ländlichen Raum, gibt es "wie Sand am Meer". Derzeit sind drei Ärzte in Weiterbildung in der hiesigen Region tätig, andere Kollegen suchen aber schon seit langer Zeit erfolglos ausbildungswillige Kollegen. Selbst das berüchtigte "Milchmädchen" erkennt aber schnell, dass diese Lichtblicke nicht für die Deckung unseres hausärztlichen Bedarfes in den kommenden Jahrzehnten ausreichen werden. Bundesweit sehen die Zahlen indes nicht anders aus: nach Daten der KBV (Ärztemonitor 2016) planen 27 Prozent der Hausärzte bundesweit ihre Tätigkeit in den kommenden fünf Jahren aufzugeben. Auch die Altersstruktur passt dazu: jeder dritte Hausarzt ist über 60 Jahre alt. In Deutschland haben 2016 indes ca. 1300 Nachwuchsmediziner ihre Facharztprüfung Allgemeinmedizin als Voraussetzung einer Niederlassung abgelegt. Im selben Jahr waren rund 43 600 Hausärzte tätig.

Wenn die Nachwuchsgewinnung weiter so schleppend verläuft, können wir innerhalb der fünf Jahre, in denen sich nach oben aufgeführten Zahlen 27 Prozent zur Ruhe setzen werden, gerade mal 6500 Praxen mit jungen Kollegen nachbesetzen - und das ist schon sehr optimistisch gedacht, da ein nicht geringer Anteil der jungen Allgemeinmediziner viel lieber in Anstellung arbeiten würde. Somit wird die Aussage von MdL Reinhart geradezu konterkariert.