Leserbrief

Leserbrief Zur Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht vor der Tauberbischofsheimer St. Martinskirche

130 Menschen sind einfach ein bisschen wenig

Noch ein paar Gedanken zur Gedenkveranstaltung am 9. November .2018 vor der Stadtkirche in Tauberbischofsheim.

Die Bevölkerung wurde von der katholischen Kirchgemeinde eingeladen, an dem Gedenken teilzunehmen. Rund 130 Menschen fanden den Weg zum „Ölberg“ vor der Stadtkirche.

Stimmungsvoll eingerahmt vom Männergesangverein, sprach Dekan Gerhard Hauk über die unsäglichen Geschehnisse in der damaligen Nacht und deren Folgen. Vorab: Ich bin froh, dass überhaupt so etwas stattfand, vielerorts gab es leider gar nichts. Den Teilnehmenden sei mein Dank ausgesprochen.

Aber 130 Menschen sind für Tauberbischofsheim und Umgebung nicht viel, das zeugt schon davon, dass das Thema die meisten nicht mehr interessiert oder sie nicht erinnert werden wollen.

Für meinen Geschmack hätte Dekan Hauk auch etwas eindringlicher sprechen können, etwas deutlicher und markant formulieren, Namen und Zahlen nennen vor dem Hintergrund dessen, dass heute wieder eine Partei im Deutschen Bundestag sitzt, die Adolf Hitler und seine Schergen als „Muckenschiss der Geschichte“ bezeichnen, und deren Abgeordnete mit rechtem Mob marschieren, die sich auch nicht scheuen, wieder den Hitler-Gruß zu zeigen. So geschehen in Chemnitz vor einigen Wochen.

Und wäre es nicht schön gewesen, es wären alle 106 Namen von Tauberbischofsheimer Bürgern vorgelesen worden, die man deportiert und meist auch zu Tode gebracht hat? Das hätte das Grauen nachfühlbarer gemacht, persönlicher. Denn es geht uns alle an, was damals war und was heute leider schon wieder passiert. Wehret den Anfängen. Und vielleicht könnte die Stadt auch, als verspätete Wertschätzung und Respektbezeugung, Stolpersteine vor die entsprechenden Häuser in den Boden einlassen.