Lauda / Königshofen

Runder Geburtstag Der ehemalige Drogist Berthold Scholz aus Königshofen wird 95 / Als Soldat im Zweiten Weltkrieg

Zu Fuß vom Norden nach Oberlauda

Archivartikel

Königshofen.Den meisten dürfte Berthold Scholz aus Königshofen noch als Einzelhändler bekannt sein. Von 1958 bis 1987 führte er an verschiedenen Standorten in der Hauptstraße in Königshofen eine Drogerie (zuletzt am Standort der früheren Bäckerei Erbacher). Anfang der Siebziger bis 1988 unterhielt er zudem eine Filiale in Beckstein. Nun wird er 95 Jahre alt.

Ursprünglich stammt Berthold Scholz aus Oberlauda. Er wuchs jedoch in Görlitz auf. Dort hatte sein aus Schlesien stammender Vater Richard Reinhard Scholz eine Apotheke. Nach der Volksschulzeit absolvierte der Jubilar eine dreijährige Lehre zum Drogist. Nach der Ausbildung musste er zunächst den Reichsarbeitsdienst absolvieren und wurde im besetzten Sudetenland (heute Tschechien) als Waldarbeiter eingesetzt.

1942 wurde er zum Wehrdienst eingezogen und im französischen Revigny-Le-Duc in Lothringen zum Bordfunker der Luftwaffe ausgebildet. Danach schickten ihn die Oberbefehlshaber direkt ins baltische Kriegsgebiet. Er selbst war jedoch nie direkt an Kampfhandlungen beteiligt. Als Bodenbordfunker der Nahaufklärungsstaffel empfing er die Funksprüche der deutschen Aufklärungsflieger und morste die russischen Truppenbewegungen weiter. An das Ende seines Einsatzes erinnert sich Scholz noch ganz genau. „Kurz vor der deutschen Kapitulation trat der Kompaniechef vor uns und sagte: ,Meine Herren, der Krieg ist für Sie beendet.’ Ab diesem Zeitpunkt waren wir vogelfrei“, berichtet Scholz. Gemeinsam mit einigen Kameraden schlug er sich zu Fuß unter ständiger Bedrohung durch russische Jagdflieger in die Hafenstadt Libau (heute Liepaja, Lettland) durch. „Als die Russen uns beschossen, sprangen wir in die Schützengräben“, berichtet er.

Als einer der letzten Deutschen schaffte Scholz die Flucht aus dem Kriegsgebiet. Auf einem kleinen Mienensucher trat er im Mai 1945 die Heimreise an und erfuhr auf hoher See von der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Kurz darauf wurde die 50 Schiffe große Flotte – darunter Mienensucher, Kanonenboote und Kreuzer – von britischen Truppen aufgegriffen. So geriet Scholz in britische Kriegsgefangenschaft. Von Mai bis Juli 1945 war er dann im Gefangenenlager in Heiligenhafen interniert.

Dort arbeitete er als Funker für die britische Armee und verdiente sich so zusätzliche Kekse und Tee zu den kargen Mahlzeiten hinzu. „Wir hatten oft so großen Hunger, dass wir Brennnesseln kochten und aßen“, erinnert er sich.

Am 21. Juli 1945 wurde er dann vom Royal-Army-Captain D. A. Litchfield aus dem Gefangenenlager entlassen. Anschließend trat er zu Fuß die Heimreise vom norddeutschen Heiligenhafen ins 670 Kilometer entfernte Oberlauda an. Denn er wusste, dass er dort bei Verwandten unterkommen könnte. Um schneller voranzukommen, versteckten er und seine mitreisenden Heimkehrer sich hin und wieder auf Güterzügen. Nach neun Tagesmärschen kam er am 30. Juli in Oberlauda an.

Später fand er in der Drogerie Dörr (heute Taubertal-Apotheke) in der Altstadt in Lauda wieder Arbeit und heiratete 1949 seine Frau Veronika, mit der er die Töchter Ursula, Gabriele und Brigitte sowie Sohn Wolfgang großzog. 1952 machte er sich selbstständig und übernahm eine Drogerie in Winterhausen (Landkreis Würzburg).

Da seine Frau jedoch das Heimweh plagte, kehrten er und seine Familie 1957 ins Taubertal zurück, wo er in Königshofen zunächst eine Drogerie pachtete und 1965 seinen eigenen Laden eröffnete, den er bis 1987 führte.

Anschließend arbeitete er noch einige Jahre im Handelshof in Igersheim. 1974 und 1985 musste Berthold Scholz zwei harte Schicksalsschläge verkraften. Zunächst starb seine Tochter Gabriele in Folge eines Verkehrsunfalls, elf Jahre später starb nach schwerer Krankheit auch seine Frau. Heute lebt Berthold Scholz im Haus von Tochter Brigitte in Königshofen auf dem Turmberg. Während er in früheren Tagen gerne auf Reisen ging und viel fotografierte, liest er heute trotz seiner Sehschwäche sehr viel, insbesondere die Fränkischen Nachrichten, Zeitschriften und hin und wieder auch Sachbücher.

Darüber hinaus hat er Gefallen an Hörspielen gefunden, die er jeden Abend vor dem Schlafengehen hört. Die geplante Geburtstagsfeier im Kreise der Familie muss aufgrund der aktuellen Corona-Krise leider ausfallen, was er sehr bedauert, hatte er sich doch so darauf gefreut.

Neben seinen Kindern hat Berthold Scholz sieben Enkelkinder und sechs Urenkel – das siebte ist bereits auf dem Weg. Die Fränkischen Nachrichten schließen sich den sicherlich zahlreichen Glückwünschen an. jer

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