Lauda / Königshofen

Lesung Spiegel-Bestseller-Autor Frank Goldammer stellt am Freitag, 20. März, in Lauda sein neues Buch „Juni 53“ um Kommissar Max Heller vor

„Schreiben ist Lebenselixier und Zwang“

Archivartikel

Frank Goldammer hat es mit seinem ersten Roman um seinen Ermittler Max Heller auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft. Nun kommt er zur Lesung nach Lauda.

Lauda-Königshofen. Der Bestseller-Autor Frank Goldammer liest am Freitag, 20. März, um 19.30 Uhr im Rathaussaal in Lauda. Im Interview erzählt der Malermeister aus Dresden von seiner Leidenschaft, die Zwang und Elixier zugleich ist, von Ost-West-Beziehungen und seinen Schwächen.

Herr Goldammer, Sie führen quasi ein Doppelleben: Malermeister und Spiegel-Bestseller-Autor. Was macht für Sie den Reiz des Schreibens aus?

Frank Goldammer: Schreiben ist für mich im Prinzip wie Atmen, ich muss das machen. Einerseits erfüllt es mich, andererseits ist es wirklich fast zwanghaft. Ich bin sehr ungehalten, wenn Umstände mich zwingen, auch nur einen Tag auszulassen. Die andere Arbeit ist eher Mittel zum Zweck.

Werden Sie von den Kunden oft auf Ihre Bücher angesprochen oder nach Autogrammen gefragt?

Goldammer: Es gibt in meinem Kundenstamm einige Firmen, in denen sich regelrechte kleine Fangruppen gebildet haben. Die kommen auch schon mal mit dem neuesten Buch und wünschen ein Autogramm. Oft erzählen sie mir, wen sie in ihrer Familie oder im Freundeskreis von mir „bekehrt“ haben. Gelegentlich kommt auch ein Neukunde und fragt schüchtern, ob ich derjenige wäre.

Sie schreiben vor allem abends, wenn die Zwillinge im Bett sind. Viele andere würden es sich dann auf dem Sofa bequem machen…

Goldammer: Wie gesagt, es ist Lebenselixier und Zwang zugleich. Mein Tag ist erst zu Ende, wenn mein Pensum erledigt ist, mindestens vier Seiten am Tag.

Im jüngsten Krimi „Juni 53“ steht zwar ein Mord im Mittelpunkt, aber eigentlich auch das deutsch-deutsche Schicksal und die Beweggründe für den Aufstand am 17. Juni, die Unzufriedenheit der Menschen und die möglichen Folgen.

Goldammer: Meine Max Heller Reihe lebt von Anfang an nicht allein von den Kriminalfällen, sondern auch von der Beschreibung der Umstände und Max Hellers privatem Leben. Viele Menschen sind sogar mehr interessiert daran. Dabei nehmen die Menschen in Ost und West das meist unterschiedlich wahr. Während die meisten Ostdeutschen vieles wiederentdecken, sich oder die Geschichten ihrer Großeltern bestätigt fühlen, zeigen sich die meisten westdeutschen Leser offen und interessiert für die Lebensumstände in der DDR.

Sie verarbeiten in Ihren Büchern bewegende Momente in Ihrer Heimatstadt, angefangen mit der Bombardierung kurz vor Kriegsende im ersten Band „Der Angstmann“. Warum ist Dresden als Schauplatz für Sie wichtig?

Goldammer: Zuerst ist Dresden meine Heimatstadt, mit all ihren Facetten, den guten wie den schlechten, ich gehöre dazu, bin mitten drin. Darüber hinaus ist Dresden wohl die bekannteste unter den ostdeutschen Städten, sehen wir von Berlin ab. Und gerade in Dresden lässt sich vieles so beispielhaft erklären, was in den jungen Jahren der DDR geschah.

Mit Max Heller haben Sie einen gewieften und geradlinigen Kriminalinspektor skizziert, der sich nach dem Nazi-Regime in der DDR mit seiner Familie ein neues Leben aufbaut und wieder am System zweifelt. Stecken in Ihren Figuren auch ein bisschen autobiografische Züge?

Goldammer: Ich bediene mich natürlich gern an Episoden aus meinem Leben oder an Personen, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe, jedoch ist nichts wirklich Autobiographisches in den Büchern. Ich selbst war 14 zur Wende und bis dahin ein ganz braver Schüler, der das System niemals hinterfragt hätte. In Heller habe ich einen Mann mit festen Idealen geschaffen, geradlinig bis hin zur Sturheit, jedoch auch immer wieder scheiternd, denn die Realität lässt kaum Ideale zu. Und in gewisser Weise ist Heller trotzdem mein Ideal. Im Prinzip ist es so, wie ich mich gern sähe.

Fünf Max-Heller-Krimis in vier Jahren. Sind Sie ein Workaholic?

Goldammer: Das reicht noch gar nicht. Ich schreibe im Jahr zwei bis drei Romane, meist bleibt einer davon liegen und wird nicht veröffentlicht. Einfach weil es zu viel wäre. Vielleicht sollte ich es mit einem Pseudonym versuchen. Aber als einen Workaholic würde ich mich nicht bezeichnen.

Die Menge ergibt sich einfach aus meinem Pensum. Ich kann mir ziemlich genau ausrechnen, wie viel Zeit ich für einen Roman brauche. Ideen für Geschichten fliegen mir immerfort zu.

Der letzte Krimi der Reihe soll zur Zeit des Mauerbaus spielen, wenn Heller in Pension geht. Doch damit sind die deutsch-deutschen Konflikte nicht gelöst…

Goldammer: Deshalb freue ich mich umso mehr, als dass ich mit meinem Verlag den Vertrag für einen neue Buchreihe unterzeichnen konnte, die sich mit einem weiteren Kapitel deutsch-deutscher Beziehungen und Konflikte beschäftigt.

Woher nehmen Sie die Energie, um Beruf, Familie und Schreiben unter einen Hut zu bringen?

Goldammer: Oh, hier ist eine sehr tiefgreifende Antwort vonnöten. Ich will versuchen, es ganz kurz zu formulieren. Ich muss das alles tun, um nicht allzu sehr und allzu lang über den Sinn des Lebens nachzudenken, das täte mir nicht gut.

Wie oft passiert es, dass Ihnen auf der Baustelle die Ideen für die Geschichte kommen?

Goldammer: Es passiert überall. So auch auf der Baustelle, beim Fahren im Auto oder im Zug, im Bett, beim Versuch in den Schlaf zu finden – und manchmal auch während einer Lesung.

Seit 20 Jahren schreiben Sie Bücher, Max Heller hat Ihnen die Spiegel-Bestseller-Liste beschert. Was lesen Sie selbst gerne? Oder bleibt dafür kaum noch Zeit?

Goldammer: Meistens lese ich Sachliteratur. Wenn ich mir tatsächlich mal ein Buch zu meinem Vergnügen herannehme, lege ich mich gar nicht auf ein Genre fest. Ich mag Erzählungen, aber auch Reiseberichte, Biografien, populärwissenschaftliche Bücher, aber auch Satire. Nur Krimis lese ich nicht.

Hat Frank Goldammer auch Schwächen?

Goldammer: Meine schlimmste Schwäche sind wohl meine Ungeduld und mein ewiges Zweifeln und Hadern.

Sie sind derzeit auf Lesetour unterwegs. Muss man in Westdeutschland mehr über die Befindlichkeiten der Ostdeutschen erklären – gerade auch im Hinblick auf rechte politische Strömungen?

Goldammer: Ich glaube, es gibt sehr viel Redebedarf. Es gibt wirklich viele Dinge, die einer Erklärung bedürfen, ohne jedoch jedwede rechte Strömung zu entschuldigen zu wollen. Gerade nach der Wende gab es vieles, was man hätte besser machen können und wo große Chancen vergeben wurden. Ich weiß von meinen Lesungen, aber auch von Emails, die ich fast wöchentlich bekomme, dass viele Westdeutsche sich noch kein objektives Bild vom Leben im Osten vor und nach der Wende machen konnten (das gilt natürlich auch umgekehrt!) – und unter anderem durch meine Romane einen ersten Einblick vermittelt bekommen über die Zustände unter sowjetischer Besatzung, hinter der Mauer, mit all den wirtschaftlichen Nöten. Es ist an der Zeit, darüber sachlich und ohne Vorhaltungen zu sprechen, einfach, um zum besseren gegenseitigen Verständnis beizutragen. Denn meiner Meinung nach herrscht bei den Vorwendegeborenen noch immer eine recht klare Trennung zwischen Ost und West und trägt noch heute zu Vorurteilen bei.

Am 20. März sind Sie in Lauda zu Gast. Haben Sie schon mal geschaut, wo das Taubertal liegt?

Goldammer: Natürlich. Meine Bücher erlauben es mir, kreuz und quer durch das Land zu reisen und Orte zu entdecken, die ich sonst wohl nie besucht hätte. So ist bei jeder Anfrage meine erste Handlung nachzusehen, wohin mich die Reise führen wird. Aber ich schaue nur, wo sich der Ort auf der Karte befindet, von allem anderen lasse ich mich gern überraschen. Auf Lauda-Königshofen bin ich sehr gespannt.

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