Lauda / Königshofen

Erinnerung Wie Berthold Scholz die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebte

Mit 18 als Funker an Ostfront geschickt

Archivartikel

Einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die die schrecklichen Kriegsgeschehnisse noch aktiv miterleben mussten, ist Berthold Scholz aus Königshofen.

Königshofen. Am heutigen 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Die Fränkischen Nachrichten sprachen mit Berthold Scholz (Bild), wie er den Nationalsozialismus und den Krieg erlebte.

Bereits mit zehn Jahren wurde Berthold Scholz, der in Oberlauda geboren wurde, aber in Görlitz aufwuchs, zum Deutschen Jungvolk geschickt, mit 14 dann zur Hitlerjugend. Eine Wahl hatte er nicht. Die Mitwirkung an den Jugendorganisationen des Nationalsozialismus war Pflicht. „Beim Jungvolk hatten wir Singstunden und Geländespiele und lernten das Exerzieren“, berichtet er. Bei der Hitlerjugend seien dann auch Schießübungen dazugekommen. Zudem erlernte er dort das Morsen.

1939, mit 14 Jahren, begann Scholz zudem eine Berufsausbildung zum Drogist in Görlitz. Jedoch musste er während der Ausbildung ein vierwöchiges Wehrertüchtigungslager im preußischen Landkreis Guhrau antreten. „Dort wurden wir am Kompass, am Maschinengewehr, mit Handgranaten und Handwaffen ausgebildet“, so Scholz.

Nach der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zum Drogist 1942 musste er zunächst zum Reichsarbeitsdienst antreten. Hierfür wurde er drei Monate lang in besetztes tschechisches Gebiet nach Arnau (heute Hostinné) verlegt. „Ich musste dort vor allem Erd- und Waldarbeiten ausführen. Bäume fällen, Wurzeln ausgraben und Ähnliches“, erinnert er sich.

Nach kurzer Heimkehr nach Görlitz erhielt er mit 18 Jahren im Frühjahr 1943 den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. „Mit Handköfferle bepackt und der Fahrkarte in der Hand ging es mit dem Zug von Görlitz in die Luftwaffenkaserne in Augsburg-Pfersee.“ Seine militärische Ausbildung zum Bord-Boden-Funker erhielt er in der Maginot-Kaserne im besetzten Revigny-sur-Ornain in Lothringen (Frankreich).

Nach der lediglich dreimonatigen Militär-Ausbildung wurde Scholz im Herbst 1943 mit der gesamten Kompanie von Revigny-sur-Ornain direkt an die Ostfront in Russland verlegt. „Nach kurzem Aufenthalt in Deutschland fuhren wir drei Tage lang mit dem Güterzug von Herzogenaurach nach Russland in die Nähe von Leningrad (heute St. Petersburg)“, sagt Scholz und erinnert sich: „Es war eine sehr primitive Fahrt. Wir saßen alle in Güterwagen. Es war dunkel und sehr, sehr kalt. In der Mitte stand ein gusseiserner Kanonenofen, dessen Wärme man aber nur spürte, wenn man direkt danebenstand.“ Als Schlafunterlage diente Stroh.

Mit dem Güterzug nach Russland

„Wie man sich fühlt, wenn man in einen Kriegseinsatz zieht? Ich war sehr in mich gekehrt, fühlte mich aus der Familie gerissen und hatte Heimweh. Eigentlich wollte keiner von uns dorthin. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt.“

In Russland angekommen, bezog die Kompanie von Scholz zunächst Quartier in besetzten russischen Baracken. Danach erfolgte die Einteilung zu Truppen. „Wir wurden einer Luftwaffentruppe zugeteilt. Genauer gesagt einer Jagdstaffel direkt hinter der Front. Eigentlich war ich als Funker an Bord von großen, mehrmotorigen Fernaufklärern, wie der Junker Ju 86 und der Ju 88, vorgesehen. Doch weil Sprit bereits Mangelware war, konnten diese schon nicht mehr starten“, betont Scholz. Daher habe die Wehrmacht zu dieser Zeit bereits nur noch kleine Nahaufklärer vom Typ Messerschmidt 109 eingesetzt. Er wurde deshalb als Bodenfunker eingesetzt und nahm die Funksprüche der Nahaufklärer entgegen.

Funksprüche lauteten beispielsweise: „Auf der Straße Richtung Wyborg wurden Truppen von Panzern mit einer Stärke von 50 Fahrzeugen in Richtung Hauptkampflinie gesichtet.“ Diese nahm Scholz entgegen und notierte sie handschriftlich. Ein direkt neben ihm sitzender Kamerad tippte den Funkspruch in die Verschlüsselungsmaschine Enigma ein und gab ihn so an die Bodentruppen weiter.

Nie in Kämpfe verwickelt

Während seines gesamten Kriegseinsatzes wurde Scholz nie selbst in aktive Kämpfe verwickelt und musste auch nie jemanden verletzten oder gar töten. „Wir Funker waren immer etwa 30 Kilometer hinter der sogenannten Hauptkampflinie“, erzählt er. Als einfacher Gefreiter hatte er auch keine Befehlsgewalt, sondern musste tun, was ihm befohlen wurde. Einem direkten Befehl widersetzte er sich aber und rettete so einem zehnjährigen Letten das Leben (siehe weiteren Artikel).

Da Scholz erst spät in den Zweiten Weltkrieg berufen wurde, war die Wehrmacht bereits in die Defensive geraten und wurde von der Roten Armee immer weiter zurückgedrängt. Das ging mit häufig wechselnden Standorten einher. „Manchmal waren wir nur wenige Wochen oder Tage an einem Standort und zogen uns dann weiter zurück.“ An die einzelnen Standorte kann er sich daher auch nicht mehr erinnern. „Wir waren meist in der Nähe von kleinen Ortschaften in Estland und Lettland stationiert“, weiß er noch.

In den letzten Kriegsmonaten wurde es für Scholz nochmal brenzlig. „Wir wurden dem Luftwaffen-Sturm-Bataillon Rademacher Nähe Riga (Lettland) zugeteilt und fürchteten zum Schluss nochmal in heftige Kampfhandlungen verwickelt zu werden, obwohl bereits absehbar war, dass der Krieg bald endet“, so Scholz.

Doch in der Kurlandschlacht drängte die Rote Armee die Wehrmacht immer weiter zurück in Richtung Hafenstadt Libau (Liepaja) und es kam für Scholz nicht mehr zum Einsatz. „Noch vor dem 8. Mai 1945 trat der Hauptmann vor uns, teilte die Soldbücher aus und erklärte: Für Sie ist der Krieg zu Ende. Ab sofort sind Sie vogelfrei.“ Ab diesem Zeitpunkt ging es für Scholz nur noch darum, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. „Wir schlugen uns auf eigene Faust in die Hafenstadt Libau durch, denn wir waren bereits von der Roten Armee eingeschlossen.“ In Libau habe das reinste Chaos geherrscht. Die Rote Armee habe Luftangriffe geflogen, doch da die Flugabwehrkanonen (Flak) noch funktionierten, drehten die russischen Flieger meist wieder ab. Scholz ergatterte einen Platz auf einem Minensuchschiff, das ihn unversehrt mit zurück nach Deutschland nahm. Doch auch das gelang nur mit viel Glück. Einmal sei das Schiff von Kampfflugzeugen angegriffen worden und er habe noch mit eigenen Augen gesehen, wie auf See eine Ju 52 abgeschossen wurde.

Drei Tage lang habe die Rückfahrt über die Ostsee gedauert. Geschlafen habe er unter einem Vierlingsgeschütz auf dem Oberdeck. Und das obwohl es nachts noch unter Null Grad hatte. Eine Decke hatte er nicht. Nur seinen Mantel. Zu essen gab es hin und wieder Schiffszwieback. Von der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 habe er dann auf See erfahren. Diese Nachricht habe er als Wohltat und Befreiung aufgenommen. „Wir waren alle froh, dass der Krieg vorbei ist.“ Kurz darauf wurde das Schiff von britischen Truppen aufgegriffen. So geriet Scholz in Kriegsgefangenschaft. Von Mai bis Juli 1945 war er dann im Gefangenenlager in Heiligenhafen interniert.

Als Funker für die Briten

Dort arbeitete er als Funker für die britische Armee und verdiente sich so zusätzliche Kekse und Tee zu den kargen Mahlzeiten hinzu. „Wir hatten oft so großen Hunger, dass wir Brennnesseln kochten und aßen“, erinnert er sich. Am 21. Juli 1945 wurde er dann vom Royal-Army-Captain D. A. Litchfield aus dem Gefangenenlager entlassen. Anschließend trat er zu Fuß die Heimreise von Heiligenhafen in seinen fast 700 Kilometer entfernten Geburtsort Oberlauda an. Er wusste, dass er dort bei Verwandten unterkommen könnte. Zu seiner Mutter ins russisch besetzte Görlitz traute er sich nicht. Nach neun Tagesmärschen kam er am 30. Juli in Oberlauda an.

Dort lebte Scholz, bis er 1949 in Königshofen baute und dort viele Jahre eine eigene Drogerie führte.

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