Lauda / Königshofen

Jazz in der Aula Die „Barrelhouse Jazz Gala“ begeisterte einmal mehr mit vier virtuosen Solisten das Publikum

Kollektiv mit individueller Note

Archivartikel

Einen großartigen Auftakt in die Saison 2019/2020 bescherte die „Barrelhouse Jazz Gala“ den Zuhörern in der Aula des Martin-Schleyer-Gymnasiums in Lauda.

Lauda-Königshofen. Volles Haus einmal mehr für die jüngste „Barrelhouse Jazz Gala“, dem traditionellen Auftakt und der zugleich für den Etat wichtigsten Veranstaltung der „Jazz in der Aula“ Reihe, die inzwischen in ihr 42. Jahr gegangen ist. Es war zugleich eine Bestätigung für das treue Engagement des Kunstkreises um Hannelore Schifferdecker und die (zumindest vorläufige) Widerlegung der Unkenrufe, die vor allem im Hinblick auf den wachsenden Altersdurchschnitt der Aula-Besucher der Konzertreihe ein Ende in nicht allzu ferner Zukunft vorausgesagt hatten.

Schließlich gibt es die Barrelhouse Jazz Band, die an diesem Abend traditionsgemäß wieder den Reigen eröffnete, schon 66 Jahre, auch wenn nicht alle von der Originalbesetzung mehr dabei sind. Sie präsentierte sich bei ihrem jüngsten Auftritt in der Aula so quicklebendig wie eh und je, mit dem von Klarinettist Reimer von Essen angeführten „altgedienten“ Trio, dessen weitere Stützen Trompeter/Posaunist Horst Schwarz und Frank Selten als Saxofon-Faktotum bilden. Dazu die formidable von Pianist Christof Sänger angetriebene Rhythmusgruppe, zu der Roman Klöcker am Banjo die folkloristische Note beisteuert, und Bassistin Lindy Huppertsberg und Schlagzeuger Michael Ehret das locker und doch straff swingende Fundament liefern.

Mit einem launigen „When my dream boat comes home“ ging’s los, eine bluesig-gemütliche Herbstballade aus der Feder von Horst Schwarz sorgte zwischendurch für besinnliche Stimmung, gefolgt von gepfefferten Calypso-Rhythmen aus Guadaloupe und einer Version des unsterblichen Beatlestitels „Let it be“ mit Roman Klöcker als gefühlvollem Solisten an der Gitarre. Den brillanten Schlusspunkt setzte das Septett dann mit dem ebenso unsterblichen Ellington-Klassiker „Caravan“ und einem inspirierten, ideensprühenden Schlagzeugsolo von Michael Ehret.

Naturgemäß stehen die in der Regel nicht-deutschen Gaststars – wie meist auch auch dieses Mal vier Instrumentalisten und eine Sängerin – im Mittelpunkt. Eine – wenn man so will – Ausnahme davon bildete an diesem Abend der aus Ungarn stammende Saxofonist Tony Lakatos, der seit vielen Jahren in Frankfurt ansässig ist. Dazu kamen seine Kollegen: Der junge Trompeter Malo Mazurié aus Paris, der polnische Posaunist Marek Michalak, der New Orleanser Vibraphonist und Perkussionist Jason Marsalis und –last but not least – die gleichfalls in der Deltastadt aufgewachsene Tricia Boutté, wie Marsalis Abkömmling einer dort ansässigen bekannten Musiker(innen)-Dynastie, die in Gestalt ihrer Tante Lilian Bouttée in der Aula gleichfalls schon vertreten war.

Was macht das Besondere dieser Gastmusiker aus? Sie bringen eine persönliche und individuelle Note zum ansonsten vom Ensemblegeist geprägten Barrelhouse-Philosophie, und liefern die „Highlights“ der Gala, an denen es auch an diesem Abend nicht fehlte: Etwa in Form der wunderbar mühelosen, eleganten und pointierten, irgendwie mediterran klingenden Phrasierung des smarten, gut aussehenden Youngsters Mazurié (zum Beispiel in dem Opener „That’s a plenty“), der auch kleine Zwischenmoderationen besorgte.

Das genaue Gegenstück dazu bildete der kleine, kauzige Posaunist Michalak. Er scheint sich bei jedem seiner sparsamen, expressiven Soli voll Kraft und Leidenschaft Herz und Seele aus dem Leib blasen zu wollen, so in der Ballade „Memories of you“.

Tenorist Lakatos wiederum pflegt einen sonor leuchtenden, substantiellen Ton mit einem fast beiläufig wirkenden Parlandostil zu verbinden so in dem Ella Fitzgerald Titel „Lullaby of Broadway“.

Mit einem lapidaren, aufs Wesentliche reduzierten und zugleich enorm konzentriertem Spiel auf den Vibraphonplatten wartete Jason Marsalis, Bruder des berühmten Wynton, auf. Ein hochgewachsener, zurückhaltend wirkender Intellektuellentyp, mit Brille und in elegantem dunklen Anzug, bei dem keine Note zufällig und keine überflüssig ist – seine lyrischen, meditativen Botschaften sind ihm wichtiger als eine zur Schau gestellte Virtuosität, über die er selbstverständlich ebenfalls verfügt.

Auch seine gelegentlichen Beiträge als Drummer waren perfektes Understatement.

Tricia Bouttée, die Sängerin und Entertainerin des Abends, ist gleichfalls musikalisches Urgestein aus New Orleans, eine eher kleine, etwas füllige Frau mit rundem Gesicht, heller, ekstatischer Stimme und hitzigem Temperament, das bei ihrem Auftritt nur manchmal ein wenig zu sehr in Richtung Klamauk überbordete - jedenfalls eine Klassesängerin im Jazz, Blues- und Gospelbereich, mit perfekter Phrasierung und Stimmkontrolle, wie sie eindrucksvoll bei Billie Holidays „Me myself and I“ und der Erfolgsnummer von Dinah Washington „What a difference a day makes“ bewies.

Ein echter Knaller war auch ihre Version von Fats Dominoes „I’m walking“, zu dem die glänzende Rhythmusgruppe der Barrelhouse Jazz Band, und besonders Pianist Christof Sänger, ebenfalls ihren Teil beitrug.

Zum großen, gemeinsamen Finale tanzten die Akteure mit der obligatorischen Mardi gras Nummer „The second line“ durch die dicht besetzten Stuhlreihen, und so darf man getrost hoffen, dass man sich nächstes Jahr in alter Frische wieder trifft. the

Zum Thema