Lauda / Königshofen

Zeitzeuge Berthold Scholz widersetzte sich Befehl

Jungen das Leben gerettet

Archivartikel

Königshofen.An viele Einzelheiten des Zweiten Weltkrieges kann sich Zeitzeuge Berthold Scholz 75 Jahre nach Kriegsende nicht mehr erinnern. Ein traumatisches Ereignis hat sich bei dem 95-Jährigen jedoch eingebrannt und er kann davon noch sehr genau berichten.

„Ende Oktober 1944 waren wir auf einem großen Gutshof in Lettland einquartiert. Unsere Funkstelle lag etwa einen halben Kilometer entfernt. Es war nach Dienstschluss und wir waren auf unserer Stube im zweiten Stock. Plötzlich kam der Feldwebel mit einer Liste in der Hand aufs Zimmer. Er rief zahlreiche Namen auf. Darunter auch meinen“, erzählt Scholz.

Die Aufgerufenen hätten nun 20 Minuten Zeit, sich ihre Uniform anzuziehen und mit Gewehr und Munition auf dem Appellplatz vor dem Gutshof zu erscheinen. „Etwa 20 Kameraden mussten antreten. Dann schwang der Hauptmann (Kompaniechef) eine Rede. Es seien etwa 20 Partisanen aufgegriffen worden. Feinde, die uns von hinten überfallen und unsere Einheit dezimieren wollen, so der Hauptmann.“ Und dann kam der schockierende Befehl: „Ihr habt jetzt die Aufgabe, die Leute zu erschießen. Und wehe, es schießt einer daneben. Der kann sich gleich dazustellen“, drohte der Hauptmann.

Selbst gemeldet

Daraufhin habe sich ein Unteroffizier gemeldet. Unter den aufgegriffenen Personen sei auch ein zehnjähriger Junge. „Was machen wir mit dem?“, fragte der Unteroffizier. „Der wird auch erschossen“, antwortete der Hauptmann. „Ich war schockiert und habe mich reflexartig gemeldet, um zu versuchen, den Jungen zu retten“, berichtet Scholz. „Herr Hauptmann, das übernehme ich“, sagte Scholz. Der Kompaniechef sei dann vor Scholz getreten und habe diesen mit kritischem Blick von oben bis unten gemustert. „Es war eine Grabenstille.“ Zuerst sagte sein Blick, wie ich es wagen könne, ihn anzusprechen. Doch dann stimmte er zu. „Nehmen Sie ihn und führen Sie den Befehl aus!“

„Der Junge stand, an den Händen gefesselt, bei den anderen Gefangenen. Ich habe ihn dann mit in den Steinbruch genommen, wo wir auch unsere Schießübungen gemacht haben. Er lag etwa 500 Meter von unserem Quartier entfernt.“ Scholz lief mit dem Jungen den Steinbruch nach ganz oben. „Der Junge schluchzte und weinte vor Angst. Oben angekommen warf er sich vor mir auf die Knie und sagte mit osteuropäischem Akzent: ‚Soldatt, nicht schießen´.“ Scholz signalisierte ihm, er werde nicht schießen. „Ich löste ihm die Fessel und legte meinen Zeigefinger auf den Mund, um ihm Stillschweigen zu signalisieren. Er erwiderte das Zeichen, ging nochmal auf die Knie, um sich zu bedanken und rannte in den Wald hinter dem Steinbruch. Nur einen Augenaufschlag später war er weg.“ Scholz beteuert, wenn das rausgekommen wäre, hätte es ihn den Kopf gekostet. „Um meine Aktion zu tarnen, feuerte ich mit meinem Gewehr, einem Mauser Karabiner 98 k, zwei Mal in die Luft.“

Anschließend habe er sich beim Kompaniechef zurückgemeldet: „Herr Hauptmann, Befehl ausgeführt. Exekution durchgeführt.“ „Wieviel Schuss?“, habe der Hauptmann gefragt. „Zwei, Herr Hauptmann“. „Kammer öffnen“, forderte der Hauptmann. Es fehlten zwei Schuss. Danach roch der Hauptmann am Lauf. Als er die Schmauchspuren roch, befahl der Hauptmann nur: „Wegtreten!“

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