Lauda / Königshofen

Kriegsende vor 75 Jahren Am Palmsonntag 1945 erfolgten schwere Luftangriffe auf die Bahnhöfe Schweigern, Lauda und Bad Mergentheim

Jagdflieger brachten vielen den Tod

Eisenbahn und Luftangriffe – der Palmsonntag am 25. März 1945 markiert hier einen blutigen Höhepunkt im Verlauf des Zweiten Weltkriegs im Gebiet des heutigen Main-Tauber-Kreises.

Lauda/Schweigern/Bad Mergentheim. Eisenbahnzüge waren ab dem Spätjahr 1944 immer häufiger Ziel von Luftangriffen. Max Thoma notiert über die „Jabos“ (Jagdbomber, schnelle Kampfflugzeuge): „Sie traten bei uns erst in Tätigkeit, als unsre Front im Westen zerkracht war. Sie legten die Eisenbahn völlig lahm, störten den Autoverkehr und machten bei Tage ein Passieren größerer Ansammlungen unmöglich. Von Lauda bis Neckarelz konnte kein Zug mehr unbeschossen fahren.“

Karl Wissinger ergänzt: „Bahnzüge passierten Boxberg, am letzten Waggon eine Flakstaffel angehängt. Sie beschossen die feindlichen Jabos, meist eine Formation von sechs bis sieben Bomber, was nicht ohne Gegenangriff blieb. Kein Monat verging ohne Verwundete und Tote.“

Zum blutigen Höhepunkt eskalierte der 25. März 1945. Im Dreieck Schweigern – Lauda – Bad Mergentheim verzeichnete man binnen fünf Stunden gleich vier Fliegerattacken, davon drei mit hoher Todeszahl.

Der morgendliche Angriff auf einen gekennzeichneten Lazarettzug bei Unterschüpf – an der Gemarkungsgrenze zu Schweigern – verlief noch glimpflich. Laut Rolf Rüdiger gab es „nur“ zahlreiche Verwundete. Die Unterschüpfer Sanitätsgruppe versorgte sie nach besten Kräften. Bereits um 16 Uhr konnte der Zug weiterfahren.

Bahnhof Schweigern

Im Bahnhof Schweigern kommt es zu Todesopfern. Hubert Schürle berichtet über den Palmsonntag: „Um 8 Uhr früh stoppte, von Boxberg kommend, der planmäßige Personenzug Heidelberg-Würzburg. Er war vollbesetzt mit Soldaten und Zivilisten. Zeitgleich läutete die Glocke der katholischen St. Kilianskirche zum Gottesdienst. Schweigerner Einwohner waren auf dem Weg zur Messe. Plötzlich tauchten zwei P-47 Thunderbolt-Jagdbomber der US-Air-Force auf. Sie näherten sich von Südosten. Bedingt durch die Bahnhofsgebäude konnten sie den Zug nicht beschießen. Sie überflogen Bahnhof und Zug in Richtung Epplingen, um sich in eine bessere Schussposition zu bringen.

,Tiefflieger, alle Personen den Zug verlassen!’, riefen Schaffner und Bahnhofsvorsteher. Die Reisenden stürzten fluchtartig aus dem Zug und suchten in den Kellern der umliegenden Häuser Schutz. Einige sprangen bis zur 500 Meter entfernten Umpfer. Beim zweiten Anflug wurden vier Bomben abgeworfen, die ihr Ziel, den Zug, nur knapp verfehlten. Ein dritter Angriff folgte von Norden.

Dabei wurden der Kessel der Dampflok, der Bahnhof und umstehende Wohnhäuser durch Geschosse getroffen und beschädigt. Selbst im 800 Meter entfernten Ortskern waren noch Einschüsse zu verzeichnen. Tender und Lok waren durchlöchert wie ein Sieb.“

Der sechsjährige Hubert Schürle war mit Eltern und Geschwistern in den bombensicheren Hauskeller geflüchtet. Auch viele Zugreisende suchten hier Schutz. „Wir hatten alle große Angst, was passieren wird. Als der Spuk vorbei war, eilte mein Vater nach oben in die Wohnung. Erst meinte er, es brenne, da ihm dicke, graue Wolken entgegen kamen. Doch es waren „nur“ Staubwolken, die durch Geschosse und herabfallenden Gips entstanden waren. Vater stellte 36 Einschüsse am Haus fest.“

Das ganze Ausmaß des grauenvollen Geschehens zeigte sich am Bahnhof, der Bahnböschung und dem Feld. Zwölf Tote, zum Teil entsetzlich verstümmelt, lagen dort. Viele Leicht- und Schwerverletzte, schreiend, stöhnend, nach Hilfe suchend – Männer, Frauen und Kinder.

Paula Beck, ehemalige Rotkreuz-Helferin, erinnerte sich 1995: „Mit wenigen einfachen Medikamenten und Verbandsmitteln leistete der Rotkreuztrupp von Schweigern einen aufopferungsvollen Dienst. Die Schwerverletzten und Toten haben wir mit einem Holzkarren von Schreinermeister Gustav Appel zum Rathaus gefahren.

Dort erhielten die Hilfsbedürftigen im Rathaussaal durch uns die erste Hilfe, bis sie am nächsten Tag über Königshofen nach Bad Mergentheim ins Lazarett gebracht wurden.“

Zwei Schwerstverletzte wurden sofort ins Boxberger Bezirksspital gebracht, wo sie noch am Vormittag starben. Am Mittwoch in der Karwoche wurden 14 Tote auf dem Friedhof Schweigern beerdigt.

Bahnhof Bad Mergentheim

Im Bahnhof Bad Mergentheim trifft der Tiefflieger-Tod zur Mittagsessens-Zeit einen Lazarettzug. Meinrad Heck berichtet: „Im Unteren Graben hat die Familie Ulshöfer ihr Mittagessen beendet. Mutter und Sohn spülen Geschirr. Es ist 12.30 Uhr, der zehnjährige Fritz schaut aus dem Fenster und sieht als erster die drei Flugzeuge. ‚Kuck mal, Mutti!’ ruft er noch. Im Sturzflug stoßen die Flieger auf Bad Mergentheim hinunter und der Junge sieht unter den Maschinen plötzlich ‚lauter kleine Pünktchen’. Dann kracht es.

Die Maschinen haben es auf einen im Bahnhof stehenden vollbesetzten Truppentransporter abgesehen. Während die Familie Ulshöfer in den nächsten Luftschutzkeller stürzt, versuchen die Soldaten aus dem Zug unter den Waggons in Deckung zu gehen. Aber die Flugzeuge schießen nicht nur aus Maschinengewehren, sondern sie werfen auch Splitterbomben – und da gibt es kaum Deckungsmöglichkeiten.

Nach wenigen Minuten ist der Angriff vorbei. Fritz Ulshöfer traut sich bald danach auf den Bahnhof. Er sieht zum ersten Mal in seinem Leben Tote. Blutige Körperteile liegen auf dem Bahnsteig, zerschossene Waggons stehen auf den Gleisen. 18 Tote und 22 Verwundete werden gezählt.“

Bahnhof Lauda

Der schlimmste Angriff findet im Bahnhof Lauda statt. Lauda war als Eisenbahn-Knotenpunkt ein strategisch wichtiger Standort. Die Stadt war daher mehr als benachbarte Städte und Gemeinden von militärischem Interesse. Durch den Bahnhof wurde sie immer wieder zur Zielscheibe von Fliegerangriffen. So hatte man zwischen 1942 und 1945 schon fünf größere Fliegerangriffe erlebt. Doch der schwerste sollte am Palmsonntag 1945 erfolgen.

Zeitzeugen berichten von einem strahlend blauen Frühlingstag. Der Eilzug Würzburg-Heidelberg hat am späten Vormittag planmäßig den Bahnhof erreicht, als Fliegeralarm ausgelöst wird. Die Reisenden können die Wagen verlassen. Aber am Zug angehängt sind zwei verriegelte Güterwägen, vollgepfercht mit russischen Kriegsgefangenen. Sie sollen von Ostdeutschland nach Württemberg verlegt werden.

Fliegeralarm! Die deutschen Bewacher suchen Schutz und lassen die Eingesperrten in den Waggons hilflos zurück. Die Sprengbomben der amerikanischen Flieger richten ein entsetzliches Blutbad an! Ein Teil der ausgehungerten Gefangenen überlebt und flüchtet in die Wälder der Umgebung. Die meisten werden noch am gleichen Tag wieder aufgegriffen, teilweise in Unterschüpf und Epplingen.

Eine Viertelstunde dauert der Fliegerangriff. Hildegard Weber, damals Säuglingsschwester im Laudaer Krankenhaus, hat den anschließenden Rettungseinsatz am Bahnhof beschrieben: „Die Helfer kamen mit Pferdefuhrwerken, mit Handwagen, Schubkarren und so weiter. Pfarrer Mohr fuhr auf einem Pferdewagen neben dem alten Bauern zum Bahnhof. Auf dem Wagen lag eine dicke Schicht Stroh, auf die man die Toten zum Abtransport legte. Er ging auch in die zerschossenen Waggons hinein, betete mit den Verletzten und spendete ihnen sicher auch die Sterbesakramente. Verstanden haben sie ihn nicht, aber sicher doch die Liebe über die Grenzen hinweg gespürt.

Alle Einwohner halfen mit, die Verletzten in das Krankenhaus zu bringen. Es war nicht leicht, die Verletzten aus den kaputten Waggons heraus zu bringen. Unvergesslich ist mir der Anblick eines Russen, der von einer Frau mit einem Leiterwagen ins Krankenhaus gebracht wurde. Der eine Arm hing blutend herunter, man sah, dass er oben abgetrennt war. Das eine Bein war nur noch eine blutende zerquetschte Masse, aber in der gesunden Hand hielt er ein Marmeladenbrot, in das er mit Appetit und eigentlich ganz zufriedenem Gesichtsausdruck hinein biss. Was muss er zuvor Hunger gelitten haben.

Im Krankenhaus stand in den Gängen eine Pritsche neben der anderen. Die wenigen Ärzte, die es zu jener Zeit in der Heimat noch gab, und die Leute vom Roten Kreuz halfen den schwer verletzten Russen, so gut es eben ging.

Die Leichtverletzten knieten vor den Bahren der Sterbenden und beteten laut mit ihnen. Wenige nur durften überleben, auf dem Friedhof wurden 78 Gräber gegraben und die Toten beigesetzt.“

Traurige Bilanz

Über die Anzahl der Opfer gibt es keine genauen Daten, dazu war das Chaos von Leichenteilen, Sterbenden und Schwerverletzten zu schrecklich.

Einige Zeitzeugen sprachen von etwa 40 Toten, Dekan Richard Mohr gab etwa 70 Getötete an. Tatsache ist, dass die meisten Opfer in einem Massengrab auf dem alten Laudaer Friedhof beerdigt wurden. Der Grabstein über dem Sammelgrab trägt eine russische Inschrift, die übersetzt besagt: „Hier ruhen 35 Menschen, russische Kriegsgefangene, verunglückt 25. März 1945. Friede sei mit Ihnen!“

Die amtliche „Gräberliste für öffentlich gepflegte Gräber auf der Grundlage des § 5 Abs. 1 Gräbergesetz“ (Stadtteil Lauda) meldet zum Sammelgrab: Familienname: „53 Unbekannte“ / Todestag und Todesort: „25.03.1945 Lauda“ / Staatsangehörigkeit: „Zivilpersonen UdSSR“ / Angehörige: „unbekannt“ / Grabfläche: „24.40 qm“.

Säuglingsschwester Weber abschließend: „Viele der Angehörigen in Russland wissen sicher nicht, dass der Mann, der Sohn in Lauda auf dem Friedhof seine letzte Ruhe gefunden hat. Im ganzen Tumult kam es im Krankenhaus fast noch zu einer Panik.

Irgendeiner wollte erfahren haben, dass die Russen an Ruhr erkrankt seien und auf dem Weg in Quarantäne waren. Es waren ja alle Betten mit Kranken belegt, auch Wöchnerinnen darunter. Der Verdacht hat sich, Gott sei Dank, nicht bestätigt. Auch dieser schreckliche Tag ging vorüber.“

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