Lauda / Königshofen

Königshöfer Messe Die Kinder der Schausteller sind und waren als Klassenkameraden auf Zeit immer sehr beliebt / Persönliche Erinnerungen

Freundschaften und Freikarten waren sicher

Archivartikel

Jeder Königshöfer erinnert sich bei der Mess’ an einmalige und aufregende Erlebnisse von „früher“. Berthold Schäffner hat vor allem immer wieder die Kinder der Schausteller im Gedächtnis.

Königshofen. Als ich Anfang der 60er Jahre die Grundschule besuchte, kamen im September immer Schaustellerkinder zu uns in die Klasse. Da, wo heute in der Kirchstraße der „Kulturschock“ untergebracht ist, lag meine erste Schule. Danach wechselten wir in ein altes, inzwischen abgebrochenes Gebäude an der Hauptstraße (heutige ARAL-Tankstelle), danach in das Anwesen der Familie Popp an der Ziegelhütte, schließlich in die nagelneue Turmbergschule.

Wir Königshöfer Schüler waren stolz und neugierig, neue Klassenkameraden zu bekommen, die in unserem Alter schon viel herumgekommen sind. Was haben die für ein tolles Leben, dachten wir, keine feste Schule, alle paar Wochen woanders, keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten, keinen Druck, bei allen beliebt usw. Die konnten alle Attraktionen fahren, so oft und so lang sie wollten.

Kerstin Keller von der gleichnamigen Schaustellerdynastie (Kettenkarussell, Schiffschaukel, Schießwagen) erinnert sich sehr gut und gern an ihre damalige Königshöfer Grundschulzeit. Jedes Jahr erschien sie hier mit ihrem „Schulbesuchsausweis“. Die Stammschule dokumentierte darin, welche Schule und welche Klasse sie bisher besuchte und legte auch einen individuellen Lernplan bei.

Schulsekretärin Brendel nahm die Anmeldung entgegen und händigte die benötigten Schulbücher aus. Da die Schaustellerkinder aber an unterschiedlichen Tagen eintrafen, kamen fast täglich neue Mitschüler in die Klassen.

Freudiges Wiedersehen

Auch für Kerstin Keller gab es stets ein freudiges Wiedersehen, weil sie immer in die ihr vom Vorjahr bekannte Klasse kam und bei der gleichen Tischnachbarin Brigitte sitzen durfte. Alle Namen kommen ihr heute noch in den Sinn.

Sport in der Schule sei so schön gewesen, besonders das Geräteturnen. Unvergesslich auch ihre Rolle „kleine Meerjungfrau“ in der Theatergruppe. Eine große Abneigung hatte sie gegen Handarbeit. Aber den Kreuzstich, den lernte sie damals in der Königshöfer Grundschule. Sie und die anderen Schaustellerkinder wollten nie nur rumsitzen, sondern was Vernünftiges lernen. Von Kerstin könnten die Mitschüler sich eine Scheibe abschneiden, meinte so mancher Lehrer.

Mich als Zehnjähriger hat immer der riesige Wohnwagen der Kellers magisch angezogen. Er war wie ein rollendes Haus. Kerstin meint sogar, besser als ein Haus. Wasch- und Spülmaschine, Toilette und sogar eine kleine Badewanne gehörten zur Einrichtung. Das Wohnzimmer wurde mit Zentralheizung warm gehalten. Ein Erker und eine Veranda kamen zum Komfort auch noch dazu. Manchmal durften Schulkameraden, ja ganze Klassen, dies alles besichtigen.

Was für uns Königshöfer Kinder selbstverständlich und Alltag war, bedeutete umgekehrt für die Schaustellerkinder etwas ganz Besonderes, z.B. das Spielen an der Tauber. Kerstin fand auch die alte Mühle wahnsinnig geheimnisvoll, magisch, bäuerlich. Gebannt schaute sie zu, wie sich das große Mühlrad drehte. Im Düstern und Dunklen innerhalb der engen Mauern konnte man sich oft nur mühsam fortbewegen. Modergeruch erfasste einen und auch die Wasser- und Mahlgeräusche sind unvergesslich.

Wie unsere Kirchenglocken klingen, hören wir Königshöfer täglich. Für Kerstin war das Geläut besonders faszinierend und wunderschön melodisch, sagt sie glückstrahlend noch heute.

Neben den Freundschaften in der Klasse gab es auch sonstigen Kontakt zu den Königshöfern. Bei Schuh-Schad gab’s neue Schuhe, Heizöl wurde bei der Firma Herm besorgt. Bei meinen Eltern in der Hauptstraße kauften die Kellers Äpfel, Zwetschgen, vor allem aber Kartoffeln für den kommenden Winter.

Handwerker halfen

Wenn es technische Schäden an den Fahrgeschäften gab, haben örtliche Firmen und Handwerker wie selbstverständlich mit Rat und Tat geholfen. „Zusammenhalt“ ist dafür die treffende Beschreibung.

Zu Werner Keppners Familie entwickelten die Kellers eine besonders herzliche Freundschaft. Kerstin wohnte ab 1977 tatsächlich sieben Jahre lang hier, um die Grundschule und dann sechs Jahre die Realschule in Lauda zu besuchen. An den Wochenenden (also samstags nach der Schule) holte sie der Vater manchmal vom jeweiligen Messeplatz von weit her ab.

Dann hieß es, im Wohnwagen zu übernachten. Am Sonntagabend ging’s dann wieder zurück nach Königshofen. Keppners entwickelten sich für das junge Schaustellerkind zur „zweiten Familie“ und so sieht sich Kerstin bis heute wie eine mindestens halbe Königshöferin.

Fragt man die heutige Schulleiterin, Frau Ott, so ist auch sie sehr angetan von den Schaustellerkindern. Sie gehören zur Schulgemeinschaft und singen begeistert das Lied der Turmbergschule mit. Schließlich kommt in allen sechs Strophen die Mess’ vor. Wenn das Thema „Briefe schreiben“ auf dem Lehrplan steht, so adressieren die Königshöfer ihren Brief an die Schaustellerkinder. Oft antworten sie dann auch.

Fazit: Die Königshöfer Mess’ war und ist Zeit des Glücklichseins. Wir Grundschulbuben und -mädchen der 60er Jahre freuten uns riesig über die exotischen Schaustellerkinder der Kellers, Gerstmeiers und anderen, denn sie schenkten uns obendrein viele Gutscheine und Freikarten.

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