Lauda / Königshofen

Digitale Neuheiten Familienbetrieb aus Lauda entwickelte ein Küchenkontrollsystem für das Futurium-Museum in Berlin / Auch die Lufthansa gehört zum Kundenstamm

„Familien-Think Tank“ für die Küche 4.0

Archivartikel

Rainer Herrmann und seine beiden Söhne Florian und Benedikt entwickeln die Küche 4.0. Mit ihrem System lässt sich die Einhaltung von Hygienevorschriften bis ins letzte Detail überwachen.

Lauda. Unsere Welt wird immer digitaler: der Unterricht auf dem Tablet, autonomes Fahren, Bewerbungen per E-Mail und auch der gelbe Schein wird wohl bald durch eine Online-Variante ersetzt. Rainer Herrmann erlebte diesen Wandel von der ersten Stunde an. Schon vor der Zeit von Smartphones und dem World-Wide-Web war er an der Entwicklung der ersten vernetzten Kaffeemaschine beteiligt. Heute arbeitet er mit seinen beiden Söhnen Florian und Benedikt an der „Küche 4.0“.

Mit ihrem Unternehmen „m2m systems“ mit Sitz in Lauda haben sie ein System geschaffen, mit dem sich die Einhaltung von Hygienevorschriften in Küchen bis ins letzte Detail dokumentieren lässt. Eines der letzten Projekte des Familienbetriebs war das von der Bundesregierung geförderte und erst vor kurzem eröffnete Futurium in Berlin.

„Ich hatte in den 1990er–Jahren durch meinen Beruf als Softwareentwickler mit damaligen Apple-Managern wie Mike Markkula zu tun. Sie waren damals schon sehr weit in Sachen Digitalisierung. Sie haben mich sozusagen ,infiziert’“, blickt Rainer Herrmann mit einem Lächeln zurück.

Kaffeeautomaten blieben Herrmanns „Baustelle“, auch als er 2004 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Für Röstereien entwickelte er den sogenannten „Paychecker“. Die Software kontrollierte den Verbrauch bei Kaffeeautomaten in Gastronomiebetrieben. Das Heikle an diesem Überwachungssystem: Der Paychecker hielt auch fest, welche Kaffeesorten die Gastronomen verwenden. Das war für die Röstereien deshalb interessant, weil sie vertragliche Vereinbarungen mit den Betrieben hatten. „Das war problematisch. Die Gastronomen waren nicht gerade erfreut“, erinnert sich Rainer Herrmann. „Wir stellten das System dann auf eine reine Verbrauchserfassung um.“

Überwachen der Reinigung

Mit dem Unternehmen Ecolab gewann „m2m systems“ dann einen wichtigen Kunden. Die Firma ist der weltweit führende Anbieter von Produkten und Dienstleistungen im Bereich der industriellen Reinigung von zum Beispiel Hotels und Krankenhäusern und auch Flugzeugen. „Ecolab kümmert sich für ,Lufthansa Sky Chefs’, dem Catering-Tochterunternehmen der Deutschen Lufthansa, um die Reinigung“, erklärt Herrmann. „Das Problem von Ecolab war, wie sie die Einhaltung der Hygienevorschriften in dem 15 Meter langen Spülsystem überwacht.“

Da kamen Rainer Herrmann und seine Söhne Florian und Benedikt ins Spiel: Temperatur, Wasser- und Reinigungsverbrauch – die Software der Herrmanns zeichnete die Spülvorgänge genauestens auf.

2008 dachte das Familienunternehmen dann noch eine Nummer „größer“. Das ZDF-Casino in Mainz nutzte bereits die Software für die Überwachung der Spülvorgänge. „Die Verantwortlichen dort fragten uns dann: ,Könnt ihr das auch für die gesamte Küche entwickeln?’ Mit dieser Aufgabenstellung fing alles an“, erläutert Florian Herrmann.

Mit der „Küche 4.0“ könne die Einhaltung von HACCP, der allgemeingültigen Lebensmittelvorschriften, im „Ökosystem“ Küche bis auf den letzten Wassertropfen überwacht und dokumentiert werden. „Ist eine Kühltür zum Beispiel nicht richtig geschlossen oder eine Herdplatte nicht abgeschaltet, leuchtet das System rot auf.“

Das bedeute eine große Entlastung für die Gastronomen. „Die Handhabung ist nicht sehr aufwendig“, beschreibt „Küchenvisionär“ Rainer Herrmann.

Systemgastronomen, Lebensmittelketten, Verteiler- und Krankenhausküchen zählen zu den Kunden von „m2m systems“.

Auf einer Herstellermesse in Stuttgart sagte auch der Architekt des Futuriums in Berlin: „Das brauchen wir für unser Museum.“ Für Rainer Herrmann war der Beitrag des Familienunternehmens am „Haus der Zukunft“ ein Herzensanliegen.

„Was dort gebaut wurde, ist wirklich großartig. Mit dem Futurium wurde ein besonderer Ort geschaffen, an dem sich jeder ausprobieren kann.“ Rainer Herrmann genoss es immer wieder, das Gebäude am Alexanderufer zu besuchen.

Jeden Produktionsschritt im Blick

Die nächste Innovation von „m2m systems“ ist schon in der Umsetzung. In Kooperation mit der Hochschule Fulda schufen Florian und Rainer Herrmann das Messsystem PIPS (Product Information Push System), welches die Produktion von Lebensmitteln vom ersten Herstellungsschritt bis zum Endverbraucher festhält. „Wir erstellen einen ,digitalen Zwilling’ von allen Produkten und verfolgen bei diesem dann Schritt für Schritt die Einhaltung der Hygienevorschriften wie zum Beispiel des richtigen Garfaktors“, nennt Florian Herrmann die Möglichkeiten der Neuentwicklung.

Unabhängigkeit bewahren

Rainer Herrmann geht davon aus, dass die digitale Dokumentation der Einhaltung von Hygienevorschriften immer mehr zur Pflicht wird. „Das wäre natürlich ein willkommenes Geschäft für uns, dadurch würden wir aber natürlich mehr Konkurrenz bekommen.“

Bald steigt ein Gesellschafter bei den Herrmanns ein, mit dem sich vor allem die Vertriebsstrukturen erweitern sollen.

Rainer Herrmann betont aber, dass das Familienunternehmen weiter unabhängig bleiben möchte: „Wir sind ein Familien-Think Thank. Das fehlt den größeren Unternehmen.“

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