Lauda / Königshofen

Umwelt Als Ausgleich für die Errichtung einer Windkraftanlage werden in Gerlachsheim Trockenmauern saniert / Alte Handwerkskunst soll erhalten bleiben

Bedeutend für Ökologie und Landschaft

Archivartikel

Gerlachsheim.Trockenmauern zählen neben Steinriegeln zu den prägenden und charakteristischen Elementen der traditionellen Kulturlandschaft des „Lieblichen Taubertals“. Derzeit werden oberhalb von Gerlachsheim im Herzen des Herrenbergs alte Weinbergmauern des Demeter-Weingutes Baumann restauriert und wieder neu errichtet.

Bereits in der Vergangenheit wurden dort Teile der Trockenmauern saniert. Die Maßnahmen an dem jetzigen Abschnitt sind ein erforderlicher, naturschutzfachlicher Ausgleich der juwi AG aus Wörrstadt (Landkreis Alzey-Worms) für die Errichtung einer Windkraftanlage. Durchgeführt werden die Arbeiten durch drei praxiserfahrene Fachkräfte des Maschinenrings Östlicher Tauber-Kreis.

Dass der Ausgleich in Form einer Trockenmauersanierung erfolgt, basiert auf einem Vorschlag des Kommunalen Landschaftspflegeverbandes Main-Tauber (KLPV). Der Verband, ein gemeinnütziger Verein mit Geschäftsstelle im Landratsamt in Tauberbischofsheim, hat sich die Pflege der Kultur- und Erholungslandschaft im Main-Tauber-Kreis zum Ziel gesetzt, um zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und zur Stärkung des ländlichen Raums beizutragen.

4000 Kilometer Natursteinmauern

„Nach meinen Schätzungen gibt es im Main-Tauber-Kreis rund 4000 Kilometer solcher Natursteintrockenmauern“, berichtete bei einer Vor-Ort-Besichtigung KLVP-Geschäftsführer und Diplom-Agrarbiologe Lorenz Flad, der die Sanierungsarbeiten am Herrenberg ebenso betreut wie vorherige entsprechende Maßnahmen im Kreisgebiet. „Jährlich werden davon etwa 200 bis 300 Quadratmeter in Stand gesetzt. Das Problem ist allerdings, dass es immer weniger Fachkräfte gibt, die noch fundierte Kenntnisse haben, um dies umsetzen zu können“, bedauerte er. Deshalb arbeite der KLPV seit diesem Jahr neben dem Maschinenring zusätzlich mit zwei regionalen und auf diesem Sektor erfahrenen Unternehmen zusammen.

Bis 2017 habe man nach einer erfolgreichen Premiere ebenfalls am Gerlachsheimer Herrenberg für mehrere Jahre regelmäßig in Kooperation mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) Heidelberg Praxiskurse zur Sanierung von Trockenmauern an verschiedenen Stellen im Kreis durchgeführt, die unter anderem von Winzern, Landschaftsgärtnern und privaten Interessenten besucht worden seien. Inzwischen habe die LVG die Kurse jedoch in anderen Regionen verlagert, um auch dort entsprechende Angebote zu schaffen.

Normalerweise würden 70 Prozent der Gesamtkosten einer Trockenmauersanierung durch Naturschutzmittel des Landes bezuschusst, den Rest trage zu 24 Prozent die betroffene Kommune und zu sechs Prozent der Landkreis. „Trockenmauern sind bei den Städten und Gemeinden sehr beliebt, auch wenn deren Sanierungen und Erhalt mit nicht unerheblichen Kosten verbunden sind“, resümiert Flad Erkenntnisse vergangener Jahre.

Neben ihrer Bedeutung für die Kulturlandschaft des Taubertals haben die Jahrhunderte alten Natursteinmauern eine sehr hohe ökologische Bedeutung als Lebensräume und Refugien für eine große Vielfalt an zum Teil geschützten Tieren und Pflanzen. Schmetterlinge wie etwa Zitronenfalter, Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge, die in den Trockenmauern überwintern, sowie zahlreiche Heuschrecken- und Reptilienarten nannte Flad als Beispiele für Kleintier- und Insektenarten am Herrenberg, zudem Wimpernperlgras, Glockenblumen, Deutsche Schwertlilie, Wilder Thymian und Scharfer Mauerpfeffer für dort charakteristische Pflanzenarten.

Auch deshalb gelte es, die gemäß Bundesnaturschutzgesetz geschützten Mauerbiotope zu erhalten und zu sichern. Eine Sanierung sei vor allem dort sinnvoll, wo Mauern zumindest in Abschnitten noch erhalten oder lediglich teilweise schadhaft seien. „Etwa 90 Prozent der Schadens- oder Einsturzursachen resultieren daraus, dass die unterste Steinschicht als Grundlage und Hauptlastträger kippt sowie damit die Mauerabschnitte ‘kalben‘, sprich sich wölben, und dann alles Weitere nachrutscht“, erklärte Flad.

Eine der besten Reblagen

Der Gerlachsheimer Herrenberg hat mit seinen süd- und südwestexponierten Steillagen eine ganz besondere Bedeutung für den Weinbau im Taubertal und zählt zu den besten Reblagen Tauberfrankens. Daher wurden Weinbau und Weinhandel schon früh in Gerlachsheim erfolgreich betrieben, so dass viele Bürger zu Wohlstand und Ansehen gelangten. Um 1820 habe Fürst Salm-Reifferscheidt eine Versuchsanlage mit teuren und hochwertigen Rebsorten wie etwa Riesling, Traminer, Weißburgunder und Ruländer errichtet, um den Qualitätsweinbau voranzubringen, erläuterten Matthias und Michael Baumann, Inhaber des Demeter-Weinbaubetriebs und des Gasthauses „Zur Sonne“. Im sechsten Teil seines insgesamt siebenbändigen Werks „Weinbau in Süddeutschland“ beschrieb der badische Weinbaupionier, Apotheker, Natur- und Vegetationskundler sowie Autor Johann Philipp Bronner 1839 die dortigen Lagen als eine der besten in der ganzen Taubergegend.

Andererseits erfordere sowohl der Weinbau an den Steilhängen des Herrenbergs als auch der Bioweinbau erheblichen Aufwand und fast ausschließlich Handarbeit, betonten dei beiden. „1200 bis 1400 Stunden pro Hektar sind nötig, um dort Weinbau betreiben zu können, wobei Maßnahmen zu Sanierung und Erhalt der rund ein Kilometer betriebseigner Trockenmauer noch nicht eingerechnet sind.“ Zugleich unterstrichen die Inhaber und Flad, dass dies der einzige Weinberg auf Muschelkalk in der Tauberregion sei, dessen Rebflächen nicht flurbereinigt wurden.

Begonnen haben die Sanierungsarbeiten des über 30 Meter langen und bis zu fast drei Meter hohen Mauerabschnitts Anfang September, bis Ende Oktober oder Anfang November sollen sie abgeschlossen werden. Zur Instandsetzung muss die Mauer in diesem Bereich aufwendig und kostenintensiv per Handarbeit komplett abgetragen und neu aufgebaut werden. „Ich weiß, wie es geht und wie mühsam es ist, denn ich habe Ende der 80er Jahre selber zusammen mit unserem Vater an Trockenmauern gebaut“, erzählte Michael Baumann, der zusätzlich als Biodiversitätsberater wirkt. „Das Traditionshandwerk des Trockenmauerbaus und die Erfahrung darin muss erhalten bleiben“, wünschen sich die Brüder Baumann und Flad.

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