Lauda / Königshofen

Versuchter Mord 29-Jähriger attackiert Mann in Gemeinschaftsunterkunft mit Messer / Schwurgericht ordnet Unterbringung in psychiatrischem Krankenhaus an

Angeklagter ist nicht schuldfähig

Februar: Die Gemeinschaftsunterkunft in Lauda-Königshofen wird Schauplatz einer Tat, die einem 45-jährigen Syrer das Leben hätte kosten können. Nun wurde vor Gericht verhandelt.

Lauda-Königshofen/Mosbach. Selbst nach der Verurteilung läuten bei der Justiz im Fall des 29-jährigen Hassan M. noch die Alarmglocken. Dem Eritreer wurde im Prozess vor dem Mosbacher Landgericht zur Last gelegt, er habe versucht, einen 45-jährigen Mitbewohner syrischer Herkunft in der Lauda-Königshöfer Gemeinschaftsunterkunft umzubringen. Vor Gericht zeigt sich der Beschuldigte uneinsichtig, gar feindselig – sogar seinem Opfer gegenüber. Der durchdringende Blick des Angeklagten wird durch ein höhnisches Grinsen unterstrichen. „Du brauchst gar nicht so zu lachen!“, ruft der Geschädigte während seiner Aussage. Der psychiatrische Gutachter hat keine Zweifel: Bei Hassan M. liegt ein schwerwiegendes seelisches Leiden vor.

Der Rückfall in die Straffälligkeit, er sei bei dem Eritreer quasi vorprogrammiert. Und schon vor der Tat waren die Alarmzeichen mehr als deutlich.

Keiner erbarmt sich

Es ist morgen, als Hassan M. bei seinem Opfer klopft. Der Beschuldigte und der Syrer kennen sich seit etwa zwei Wochen. M. ist in der Flüchtlingsunterkunft unbeliebt. Er fällt durch sein seltsames mitunter aggressives Verhalten auf. Auf der Suche nach Tabak grast er einmal die gesamte Bewohnerschaft ab, steht vor jedem einzelnen Zimmer. Nicht einer erbarmt sich, ihm eine Zigarette zu überlassen. Nicht so der 45-jährige Syrer. Er hilft ihm immer wieder mit kleinen Geldbeträgen und Naturalien (meist in Form von Tabak) aus, lädt ihn zum Essen ein. Und das, obwohl Hassan M. auch ihm gegenüber immer wieder ungehalten wird, ihn beispielsweise mitten in einem normalen Gespräch unvermittelt als einen „scheiß Araber“ bezeichnet.

So schöpft der 45-jährige Syrer auch keinen Verdacht, als Hassan M. am Morgen des 3. Februar vor seiner Tür steht. Nicht einmal, als er bemerkt, dass der Eritreer seinen rechten Arm hinter dem Rücken versteckt. Er bittet ihn einfach hinein, so wie er es in den vergangenen zwei Wochen immer tat.

Im Innern zückt M. das Messer. Aufgeregt fuchtelt er mit der 17 Zentimeter langen Klinge vor dem Syrer herum. „Es liegen drei Messer in der Gemeinschaftsküche. Er hat das größte und schärfste genommen“, sagt das 45-jährige Opfer immer noch sichtlich betroffen im Zeugenstand.

Der Beschuldigte schlägt dem Syrer die Klinge des Messers an den Kopf als wäre es ein Beil. Die Wucht ist so groß, dass die Tatwaffe zerbricht.

Dennoch gelingt es dem Opfer, seinen Kontrahenten zu überwältigen, ihn in einem Klammergriff zu fixieren. Ein weiterer Bewohner hört die Auseinandersetzung. Er eilt hinzu und hilft, M. in Schach zu halten, bis die Polizei eintrifft. Dieser wird alsbald wieder ruhig. Bis die Beamten ankommen, verhält er sich friedlich.

„Warum?“

„Warum? Sag es mir, warum hast Du das gemacht?“, fragt der Syrer den Eritreer im Zeugenstand. Er wird von dem Beschuldigten keine zufriedenstellende Antwort erhalten. Das psychiatrische Gutachten des Sachverständigen zeigt, dass das Leben und der seelische Zustand des Geflüchteten schon seit einer Weile aus den Fugen geraten waren. Die Alarmzeichen waren, wie eingangs erwähnt, schon vor der Tat im Februar vorhanden. Einiges wurde bei dem Eritreer versäumt. Zwar verweigert der 29-Jährige die Zusammenarbeit mit dem Psychiater. Doch kann er bei der medizinischen Akte des Angeklagten aus dem Vollen schöpfen.

Schweres seelisches Leiden

Nicht nur einmal versucht der Geflüchtete, sich das Leben zu nehmen. Im Tauberbischofsheimer Bahnhof greift er gefährlich in den Verkehr ein, will sich auf die Gleise werfen, als der Regionalzug einfährt. Die Bahn kann nicht mehr bremsen, Hassan M. überlebt jedoch mit einem Oberschenkelbruch. Schon vor diesem Vorfall wird er in das Psychiatrisches Zentrum Nordbaden eingewiesen. Dort beobachtet das medizinische Personal, wie M. Dialoge mit halluzinierten Stimmen führt. Dennoch streitet er ab, krank zu sein. Medikamente nimmt er nur widerwillig ein. Nach seiner Entlassung setzt er sie wieder ab.

Hassan M., so der psychiatrische Gutachter, meinte, ein weißer Mann habe ihm gesagt, er solle vor den Zug springen. Derselbe Mann habe laut Angabe von Hassan M. einmal versucht, homosexuelle Handlungen an ihm zu vollführen. Der Angriff auf den 45-jährigen Syrer sei auch die Idee des eingebildeten Unbekannten gewesen. An der „krankhaften Motivation der Tat“ gebe es keinen Zweifel, so das Fazit des Gutachters.

„Das Strafrecht kommt hier an seine Grenzen“, so der Verteidiger des Beschuldigten. Er schließt sich der Meinung des Staatsanwaltes an, der eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus forderte. Die Vorsitzende Richterin urteilte entsprechend, Hassan M. sei aufgrund seiner anhaltenden schizophrenen Verfassung nicht schuldfähig.

Hassan M. hat das letzte Wort. Er erkennt das Urteil des Mosbacher Landgerichts nicht an.

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