Lauda / Königshofen

Theater Relatief Premiere von „Hilde brennt“ / Tobias Endres mutet mit seinem Stück dem Zuschauer viel zu

Alle Charaktere sind in irgendeiner Form beschädigt

Archivartikel

Königshofen.Väter haben kein gutes Image mehr. Laut feierte der Zeitgeist die vaterlose Familie als eine ohne Angst, Gewalt und Missbrauch. Ein Trugschluss. Welche verheerenden Folgen es hat, wenn ein Vater verschwindet, zeigt eindrucksvoll Tobias Endres mit seinem Theater Relatief. Gestern hatte das Stück „Hilde brennt“ Premiere im Kulturschock.

„Es gibt keine Kompromisse!“ So lautet eines der Dogmen, die Tobias Endres seinem ersten eigenen Werk vorangestellt hat. Kompromisslos und mit existentialistischer Wucht entfaltet sich auf der Bühne das Drama. Es handelt von einem Vater (Martin Weißenberger als Herbert), der nicht nach Hause zurückkehrt. Er steigt aus und verweigert sich der überlieferten Tragödie. Seine Abwesenheit wird zum Konvergenzpunkt der Sehnsüchte, Einsamkeiten und Verlassensängste der Zurückgelassenen und ihrer bisweilen tragisch-komischen Versuche, mit dieser Leerstelle zurechtzukommen.

Es ist viel, was Tobias Endres in sein Theaterstück gepackt hat. Es ist viel, was er dem Zuschauer zumutet. Wer sich aber darauf einlässt, wird reich beschenkt. Starke Charaktere sind zu erleben. Sie alle sind in irgendeiner Form beschädigt und gehen unterschiedlich mit ihren Deformationen um.

Da ist Friedrich, der Sohn, spindeldürr und mit großer Verzweiflung gespielt von Lothar Lempp. Er flieht in Mittelalterphantasien und fürchtet eine Wiederholung der Hildebrandsgeschichte. Das Hildebrandslied kommt hier ins Spiel. Das früheste Textzeugnis in deutscher Sprache liefert die Folie und den mythologischen Hintergrund, vor dem die Tragödie sich abspielt.

Daneben gibt es noch Svenja, die Tochter (Sophia Endres). Ihre Wut auf den abwesenden Vater zielt ins Leere. Einander sind die Geschwister auch kein Halt. Und Ruth, die Mutter, (Barbara Ernst-Hofmann) verliert sich in ihren projizierten Sehnsüchten.

Das Stück wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft auf den Verlust ihrer Helden und Mythen reagiert. Die archaische Gewalt und die Verrohung der verschworenen Jägergemeinschaft machen deutlich, dass das Haltbarkeitsdatum ihrer überlieferten Glaubenssätze längst abgelaufen ist.

Zusehends verwischen die Grenzen zwischen Gegenwart und mythologischer Vergangenheit, zwischen Realität und Spiel. Als das gesamte Dorf zur Suche aufbricht, eskaliert die Suche nach dem abwesenden Vater. Es sind die Männerfiguren, die die Gewalt ins Spiel bringen. Andreas Berge als Wolfgang entwickelt unverhohlene Gewaltphantasien. Er sorgt für einen kleinen Skandal, weil er nackt auf der Bühne zu sehen ist. Die Entdeckung des Abends ist Matthias Weber. Sein Werner ist die Verkörperung ungezügelter Brutalität und macht mit seinem verstörenden Auftritt deutlich, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist.

Eine Komödie hat Tobias Endres sein Stück im Untertitel genannt. Und so gibt es neben größter Grobheit auch viel Humor, gepaart mit Ironie und feinem Wortwitz. Der Humor bricht die Gewalt und lässt sie erträglich erscheinen. Das macht „Hilde brennt“ zu einem Drama der Humanität.

Sichtbar wird das auch an Endres’ Umgang mit dem Hildebrandslied oder der nordischen Edda. Bei ihm ist die Mythologie nicht Metaphysik, sondern Artistik, nicht raunende Bedeutungsschwere, sondern ein subjektives Spiel mit Bedeutungen.

Ironisch gebrochen wird die Gewalt auch durch den Pfleger Trauf. Hiner Ali, aus Syrien geflohener Kurde, spielt augenzwinkernd mit der Migrantenrolle. Mit Christoph Adam gerät zudem ein Aphasiker ins Stück, Symbol für alle Sprachlosen, Sprachverweigerer und Sprachflüchtlinge.

Das ist einige von Tobias Endres’ zahlreichen Inszenierungsideen. Eine weitere sind die im Stück als Regisseure agierenden Kinder Luisa (Luisa Waldecker) und Amelie (Amelie Waldecker). Ihr Eingreifen macht deutlich, dass das Schicksal immer auch eine andere Wendung nehmen kann. Darüber darf am Ende sogar das Publikum entscheiden. Endres hat zwei Schlussvarianten ausgearbeitet, welche der Zuschauer erleben möchte, kann er selber entscheiden.

Die nächste, allerdings schon ausverkaufte Aufführung der Komödie findet am Samstag, 9. November, statt. Weitere Termine sind: am Sonntag, 10. November, Freitag, 15. November, Freitag, 22. November, Samstag, 23. November, und Sonntag, 24. November. Die Aufführungen beginnen freitags und samstags jeweils um 19 Uhr, sonntags um 18 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf bei Moritz und Lux in Lauda (Tel. 09343/65530) und unter www.theater-relatief.de im Internet.

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