Landwirtschaft und Natur

Kükentöten voraussichtlich ab 2022 verboten Was sind die Auswirkungen für die Öko-Eiererzeugung?

Zweinutzungsrassen sind das Ziel

Archivartikel

Bonn.In Deutschland werden jedes Jahr Millionen männlicher Küken nach dem Schlupf getötet, weil die Geflügelwirtschaft keine Verwendung für sie hat. Auch in der ökologischen Eiererzeugung ist das noch gängige Praxis. Nach einem aktuellen Gesetzentwurf soll das Kükentöten nun ab 2022 flächendeckend verboten werden. Was bedeutet das für die ökologische Geflügelhaltung?

Unter die Lupe genommen

Etwa 95 Prozent der Öko-Eier werden von Öko-Hennen gelegt, deren männliches Geschwister als Küken getötet wird – so schätzt Leo Frühschütz, der die Zahlen für das Magazin der Bio-Messen 2020 kritisch unter die Lupe genommen hat.

Die Praxis des Kükentötens steht schon seit Langem in der Kritik, wurde aber bislang toleriert, weil man befürchtete, dass die Brütereien mangels geeigneter Alternativen ins Ausland abwandern. So entschied das Bundesverwaltungsgericht im Juni 2019, dass „das Töten männlicher Küken tierschutzrechtlich übergangsweise zulässig“ bleibt. So lange, bis geeignete Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei zur Verfügung stehen.

Inzwischen steht den Betrieben – neben der Aufzucht von Bruderhähnen und dem Einsatz von Zweinutzungshühnern – ein marktreifes Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei zur Verfügung. Weitere sind in der Entwicklung. Daher will das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ab 2022 das Kükentöten nun flächendeckend verbieten. Anfang September hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner einen entsprechenden Gesetzentwurf dazu vorgelegt.

Die Bio-Branche begrüßt das aktuelle Ziel der Bundesregierung, spätestens ab 2022 keine männlichen Küken mehr zu töten. Doch wie steht die Branche zur Geschlechtsbestimmung im Ei?

Die EU-Öko-Verordnung macht grundsätzlich keine Vorgaben zum Umgang mit männlichen Legehennen-Küken. Demnach darf die Geschlechtsbestimmung im Ei, die mit den derzeitig gegebenen Verfahren möglich ist, auch im Ökolandbau angewendet werden.

Das gilt jedoch nicht für alle Bio-Betriebe. Denn die meisten Öko-Verbände lehnen die Geschlechtsbestimmung im Ei ab. Nach Meinung der Verbände verlagere die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung die Tötung männlicher Küken lediglich in das erste Drittel der Brut, sie verhindere sie aber nicht. Das eigentliche (ethische) Grundübel sei die Selektion auf Mast- oder Legelinien. Dabei werden die Tiere genetisch auf ein so hohes Leistungsniveau gebracht, dass sie mit ökologischen Futterkomponenten nicht mehr ausgefüttert werden können. Diese einseitige Zucht würde aus Sicht der Verbände durch die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung nur noch weiter zementiert.

Die Verbände beklagen zudem, dass durch die teure und aufwendige Geschlechtsbestimmung im Ei ein technologischer Flaschenhals geschaffen würde, der dazu führt, dass Bio-Brütereien und Bio-Aufzuchtbetriebe in eine noch stärkere Abhängigkeit von Großkonzernen getrieben würden.

Die Öko-Verbände setzen darum langfristig auf die Züchtung von Zweinutzungsrassen. Demeter und Bioland haben unter anderem dafür 2015 die Ökologische Tierzucht gGmbH (ÖTZ) gegründet. Die Gesellschaft etabliert erstmalig eigenständige konzernunabhängige Strukturen zur Zucht von Geflügel mit dem Schwerpunkt Zweinutzung. Ziel sind robuste Hennen und Hähne, die mit regionalen Futterkomponenten und Reststoffen der Nahrungsmittelerzeugung gut zurechtkommen. Mit der ökologischen Zucht von Zweinutzungstieren wird man sowohl der weiblichen als auch der männlichen Seite gerecht und erhält damit eine ausgewogene Leistung.

Zucht in den Anfängen

Die Zucht auf Zweinutzung steckt derzeit allerdings noch in den Anfängen. Laut Inga Günther, Geschäftsführerin der ÖTZ, wurden 2019 etwa 65 000 Zweinutzungsküken verkauft – zur Hälfte jeweils männlich und weiblich. Bei aktuell fünf Millionen Bio-Legehennen in Deutschland sind das weniger als ein Prozent. Die Nachfrage steigt allerdings an, sodass Günther davon ausgeht, dass 2022 etwa 100 000 Zweinutzungsküken in ökologischen Geflügelställen stehen werden.

Dennoch werden Zweinutzungshühner kurz- bis mittelfristig nicht die Lösung sein. Wollen die Verbandsbetriebe nach dem gesetzlichen Ausstieg aus dem Kükentöten ohne die Geschlechtsbestimmung im Ei auskommen, bleibt ihnen vorläufig nur die Aufzucht der Bruderhähne.

Seit etwa zehn Jahren gibt es Initiativen in Deutschland, die sich dafür einsetzen, die Brüder der Legehennen – die sogenannten Bruderhähne – aufzuziehen und zu mästen. Die größten und bekanntesten unter ihnen sind die Bruderhahn-Initiative Deutschland (BID) – hier werden jährlich rund 40 000 Bruderhähne aufgezogen – und das „Hähnlein“-Konzept der Erzeugergemeinschaft Fürstenhof. Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Initiativen. Die Mast der Hähne wird durch einen Zuschlag auf die Eier – in der Regel rund vier Cent pro Ei – quersubventioniert.

Auf Anfrage gaben zwei der mitgliedsstärksten Anbauverbände Naturland und Demeter an, dass inzwischen mehr als 50 Prozent ihrer Legehennen haltenden Mitgliedsbetriebe Bruderhähne mästen. Bioland schätzt, dass Bruderhähne derzeit für rund 25 Prozent der erzeugten Bioland-Eier aufgezogen werden.

Noch ist unklar, ob alle Verbände den Umstieg auf Bruderhahnmast bis Ende 2021 auch tatsächlich schaffen. Das größte Problem, mit dem die Verbandsbetriebe derzeit zu kämpfen haben, sind laut Günther die fehlenden Stallkapazitäten beziehungsweise deren übergeordnete Koordination. Es gebe bislang auch zu wenig Schlachtereien, die die Hähne schlachten und Verarbeitungsunternehmen, die sie zu interessanten Produkten verarbeiten. Die Situation würde zudem noch durch die neue EU-Öko-Verordnung verschärft, die ab 2022 auch für Junghennen Grünauslauf vorsieht, was die Kapazitäten zusätzlich verknappt.

Suche nach Betrieben

„Die Öko-Verbände suchen daher dringend Bio-Aufzuchtbetriebe für Junghennen und Bio-Mastbetriebe für die Bruderhähne“, sagt Günther. Ungewiss ist auch, ob alle Bruderhähne biologisch gemästet werden. „Bislang hat nur Demeter festgelegt, dass die Hähne nach verbandsinternen Richtlinien aufgezogen werden müssen. Bei allen anderen Verbänden ist das noch nicht geklärt“, so die Bio-Züchterin.

Ein Dilemma sei auch, so Günther, dass die meisten Kundinnen und Kunden zwar ethisch einwandfreie Eier kaufen möchten, der Hahn aber nicht als dazugehörendes Produkt wahrgenommen wird. „Wer aber ethisch einwandfreie Eier essen möchte, muss konsequenterweise auch einmal im Jahr einen Hahn kaufen.“ ble