Landwirtschaft und Natur

Im Gespräch Dr. Wilhelm Schäkel wendet bei seiner 130-köpfigen Mutterkuhherde das Low-Stress-Stockmanship-Konzept an

Tieren Respekt, Sicherheit, Vertrauen vermitteln

Archivartikel

Dr, Wilhelm Schäkel wendet bei seiner 130-köpfigen Mutterkuhherde das Low-Stress-Stockmanship-Konzept an. Das Anfassen der Tiere oder gar der Einsatz von Stöcken sind dabei tabu. Stattdessen geht es darum, den Tieren Vertrauen, Respekt und Sicherheit zu vermitteln. Laut Schäkel funktioniert das sehr gut. Das Treiben der Herde dauert nur noch halb so lang, es gibt so gut wie keine Unfälle mehr und auch die Mastleistung hat sich verbessert.

Der Bio-Landwirt führt die Bio-Ranch Zempow in Brandenburg. Seit vielen Jahren wendet er auf seinem Betrieb das Konzept beim Umgang mit seiner Herde an. Ursprünglich wurde dieser Ansatz in den USA entwickelt.

Inzwischen bietet er für professionelle Tierhalter auch Kurse und ein Intensivtraining zur praktischen Anwendung der Stockmanship-Regeln an. Auch Laien können Kurse bei ihm buchen, zum Beispiel zum Thema „Kuhflüstern – Kommunikationstraining mit Kühen“. Der Experte äußert sich im Interview.

Herr Dr. Schäkel, Sie wenden das Stockmanship-Verfahren seit vielen Jahren bei Ihrer eigenen Mutterkuhherde an. Woran erkennen Sie, dass das Konzept funktioniert?

Dr. Schäkel: Etwa alle sechs Wochen wiegen wir unsere 130 Tiere auf einer Waage mit Gittern drumherum. Das zieht oft Gäste aus unseren Ferienwohnungen an. Doch die gehen häufig wieder nach ein paar Minuten, weil absolut nichts passiert. Die Rinder gehen seelenruhig auf die Waage und wieder herunter, als wäre das total selbstverständlich. Aber das ist alles andere als selbstverständlich. Allein im letzten Jahr gab es über 16 000 Unfälle in Deutschland beim Umgang mit Tieren.

Was macht den Ansatz des Stockmanship so besonders?

Dr. Schäkel: Grob gesagt geht es darum, die Herde ruhig und stressfrei zu führen, indem man als ranghöheres Mitglied der Herde betrachtet wird. Man baut Vertrauen zu den Tieren auf und gibt ihnen Sicherheit, statt ihnen Angst zu machen und sie mit Stöckern zu bedrohen oder gar zu schlagen. Beim Stockmanship berührt man die Tiere nicht einmal. Man gibt Impulse, um sie zum Beispiel auf der Weide in die gewünschte Richtung zu treiben. Voraussetzung dafür ist, dass man die Kuhsprache versteht und in dieser Sprache auch vermitteln kann, was man von den Tieren möchte. Soweit das als Mensch möglich ist.

Woher stammt das Konzept ursprünglich?

Dr. Schäkel: Das Standardwerk dazu stammt vom Amerikaner Steve Cote. Er hat vor etwa 30 Jahren versucht, die Kuhsprache der Viehherden für die Betriebe im Bundesstaat Idaho zu übersetzen und praktische Empfehlungen für den Umgang mit Rindern daraus abzuleiten. Dabei ging es ihm vor allem darum, stressfreie Wege für das Treiben der Herde zu entwickeln, die sich deutlich vom oft machohaften Umgang der Cowboys mit den Tieren unterscheiden.

Was genau ist mit Kuhsprache gemeint?

Dr. Schäkel: Darunter versteht man alle Signale, die zum Aufbau von Vertrauen beim Kontakt mit der Herde beitragen, die Sicherheit und Respekt vermitteln. Das fängt schon damit an, den vom Tier erwünschten Abstand einzuhalten und zu erkennen, wann man ihn überschreitet. Wichtig sind auch ruhige, fließende Bewegungen und kein direkter Blick auf einzelne Tiere. Denn das interpretieren Kühe als Raubtiersprache. Überhaupt gilt es, Verhaltensweisen von Raubtieren zu vermeiden. Neben dem gezielten Fixieren einzelner Tiere gehört dazu auch ein sich klein machen und ducken oder einkreisende Bewegungen um die Herde herum, wie es etwa ein Wolfsrudel bei der Jagd macht. All das macht Rinderherden instinktiv unruhig.

Wie verhält man sich also konkret, wenn man zum Beispiel eine Herde von einer Weide auf die andere treiben möchte?

Dr. Schäkel: Man nähert sich der Herde aufrecht und mit gleitenden Bewegungen, nimmt Kontakt auf, ohne einzelne Tiere zu fokussieren. Wichtig ist, die Reaktion der Tiere abzuwarten und ihnen damit Respekt zu zeigen. Haben die Rinder die Anwesenheit registriert, ohne unruhig zu werden, geht es weiter. Um die Herde in die gewünschte Richtung zu bewegen, bewegt man sich im Gegensatz zu Raubtieren in Zick-Zack-Bewegungen hinter der Herde und gibt den Tieren so einen Impuls, sich in Bewegung zu setzen. Der Impuls wirkt immer im 90-Grad-Winkel zur eigenen Laufrichtung. So kann man die Richtung bestimmen, in die sich die Herde bewegen soll.

Wie viele Treiber braucht man dafür?

Dr. Schäkel: Das funktioniert im besten Fall ganz allein, auch ganz ohne Stock oder andere Hilfsmittel. Entscheidend ist der Ansatz, dass eine Kuh für mich gehen soll, weil ich sozusagen das ranghöhere Tier bin. Sie soll nicht laufen beziehungsweise weglaufen, weil ich ihr Angst mache. Es kommt auch darauf an, richtig zum Tier zu stehen, also am besten schräg hinter der Kuh. Läuft man häufiger vor der Kuh hin und her, heißt das für sie: Da will jemand die Rangordnung klären.

Wie schafft man es in die Position des ranghohen Tieres?

Dr. Schäkel: Indem man angstfrei agiert und von innen heraus den Anspruch nach außen zeigt, dass man ranghöher ist. Das ist auch eine Art von Persönlichkeitstraining. Wer den Anspruch an den Status des Ranghöheren nicht vermittelt kann, der wird auch bei den Kühen nichts bewegen.

Funktioniert das Konzept nach Ihren Erfahrungen auch im Stall mit Einzeltieren?

Dr. Schäkel: Grundsätzlich ja. Allerdings haben wir in der Stallsituation das Problem, dass die Respekt- beziehungsweise Nahzone des Tieres, also ein Abstand von drei bis fünf Metern, sehr oft unterschritten wird. Wie beim Umgang mit der ganzen Herde wendet man auch bei einzelnen Tieren die Schritte „Aufmerksamkeit herstellen“, „Bereitschaft erkennen“ und „Durchlässigkeit abwarten“ an, um das Rind zur gewünschten Handlung zu bewegen.

Wie sieht es beim Umgang mit Deckbullen aus? Gibt es hier einen speziellen Ansatz?

Dr. Schäkel: Die Angst vor Bullen sitzt tief auf vielen Betrieben und wird oft über Generationen weitergegeben. Aber Angst ist gerade beim Umgang mit Bullen ein schlechter Ratgeber. Denn das zieht ihn an. Auch hier geht es wieder darum, Respekt zu zeigen, indem man ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit gibt und auf eine bestimmte Weise sogar ignoriert. Viel Aufmerksamkeit ist für einen Bullen eine Aufforderung zum Spielen. Auf der Weide darf man ihn nicht einzeln bearbeiten wollen. Ein Bulle muss Teil der Herde sein, dann läuft er auch automatisch mit. Denn nicht er bestimmt, wohin die Herde zieht, sondern die Leitkühe. Dafür braucht es auch manchmal Geduld. Absolut tabu ist es, Druck zu erzeugen, etwa indem man ihn bedrängt. Druck erzeugt beim Tier immer Angst und vor allem Gegendruck, den man gerade beim Bullen unbedingt vermeiden möchte.

Sie sprechen oft von Geduld und Abwarten beim Umgang mit den Tieren. Ist das Stockmanship zeitaufwendiger als das konventionelle Treiben mit Stock?

Dr. Schäkel: Ganz im Gegenteil, die Arbeitszeit für das Treiben halbiert sich! Wenn man das System verinnerlicht hat, geht das Treiben einer Herde viel schneller und stressfreier für die Rinder. Denken Sie nur an mein Eingangsbeispiel mit dem Wiegen der Tiere. Wenn das alles mit Druck und Unruhe passieren würde, würde es mindestens doppelt so lange dauern und alle Beteiligten wären nachher gestresst.

Welche Vorteile bietet das Verfahren noch?

Dr. Schäkel: Neben der Zeitersparnis und dem geringeren Bedarf an Treibern erhöht es vor allem die Sicherheit beim Umgang mit Rindern. Nicht umsonst bucht die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft häufiger meine Kurse zum Stockmanship-Konzept. Ich bin mir auch sicher, dass der besonders stressfreie Umgang mit den Tieren auch die Mastleistung positiv beeinflusst, auch wenn hier natürlich noch andere Faktoren wie etwa die Fütterung mit reinspielen. Ich habe zum Teil Tageszunahmen von bis zu 1800 Gramm pro Tier und Tag. Und ich habe eine topp Fleischqualität, die mir leider vom Großabnehmer nicht honoriert wird. Aber aus der Direktvermarktung weiß ich, wie sehr die Kunden diese Qualität zu schätzen wissen.

Wie lange dauert es denn überhaupt, bis man das Konzept anwenden kann?

Dr. Schäkel: Ich denke, man braucht etwa zwei Jahre Erfahrung, bis man das Ganze gut verinnerlicht hat und anwenden kann. Entscheidend ist, ganz viel mit den Tieren zu arbeiten, am besten auf der Weide. Aus meiner Sicht ist es eine absolut sinnvolle Investition in den Betrieb, mithilfe des Stockmanship-Konzepts einen Bezug zur eigenen Rinderherde aufzubauen. Am Anfang ist dies mit einigem Aufwand verbunden, langfristig macht es sich aber absolut bezahlt für den Betrieb.