Landwirtschaft und Natur

Blick ins Ausland Einige Staaten Europas praktizieren die Mast von Jungebern seit langem, was auf traditionelle Vermarktungsformen zurückzuführen ist

Neue Regeln für Ferkelkastration

Bonn.Einige Staaten Europas praktizieren die Mast von Jungebern seit langem, was in der Regel auf traditionelle Vermarktungsformen zurückzuführen ist. In anderen Ländern spielt sie wiederum gar keine Rolle.

Am 1. Januar 2021 wird das Verbot zur betäubungslosen Ferkelkastration in Deutschland in Kraft treten. Bis dahin müssen Schweinehalter hierzu eine Alternative für ihren Betrieb gefunden haben. Eine mögliche Alternative ist die Mast von Jungebern. Ob sie sich in Deutschland durchsetzen wird, ist fraglich. Es mangelt vor allem an Vermarktungschancen für Eberfleisch; die Aufnahmemöglichkeiten des Marktes für Jungeberfleisch sind nach Einschätzung der großen Schlachtunternehmen weitestgehend erreicht.

Eber entwickeln mit dem Eintritt der Geschlechtsreife ab einem Alter von etwa fünf Monaten einen typischen Geruch. Fleisch mit Ebergeruch wird von Konsumenten als mehr oder weniger unangenehm empfunden. Schlachtet man Eber vor der Geschlechtsreife, weisen sie keinen Ebergeruch auf.

Ein Blick auf deutsche Nachbarländer zeigt: Die Situation in Europa gestaltet sich abhängig von Traditionen sowie nationalen Tierschutzbestimmungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Großbritannien: In Großbritannien werden mehr als 99 Prozent der männlichen Schweine als Eber gemästet. Geschlachtet werden die Tiere mit einem geringen Gewicht von weniger als 80 Kilogramm. Nach Auskunft von Experten der britischen National Pig Association wird dies voraussichtlich in den kommenden Jahren so bleiben; ein Abweichen von der Praxis der Jungebermast ist nicht zu erwarten. „Tierschutz ist für die Briten von großer Bedeutung“, so die Meinung der Fachleute. Spanien/Portugal: Auch in Spanien und Portugal werden Schweine mit einem niedrigen Lebendgewicht geschlachtet. Die Jungebermast macht hier circa 80 Prozent der gesamten Schweinemast aus. Die restlichen 20 Prozent der Tiere werden kastriert. Die kastrierten Tiere werden in der Regel zur Herstellung von Produkten mit geschützter Herkunftsbezeichnung verwendet. Ein Beispiel ist die Mast von Iberico-Schweinen. Die Tiere werden speziell für die Herstellung des so genannten Iberico-Schinkens gezüchtet. Ziel ist es, ein besonders fein marmoriertes Fleisch zu erzeugen. Dazu müssen die Tiere langsam wachsen und werden entsprechend lange gemästet (mindestens ein Jahr), weshalb nur kastrierte Tiere verwendet werden. Niederlande: Die Niederländer schlachten pro Woche etwa 10 000 Eber. Diese Tiere sind vor allem für den lokalen Markt und für den Export in das Vereinigte Königreich bestimmt. Die Mehrheit der in den Niederlanden gemästeten Schweine wird jedoch weiter kastriert. Die niederländischen Landwirte handeln pragmatisch: So lange der Markt das Fleisch von kastrierten Schweinen abnimmt, wird man diese Nachfrage bedienen. Belgien: In Belgien mästen 20 Prozent der Betriebe Jungeber. Ansonsten ist die Immunokastration weit verbreitet. Das liegt daran, dass viele große Handelsketten nur Schweinefleisch von nicht chirurgisch kastrierten Tieren annehmen. Frankreich: In Frankreich liegt der Anteil der Ebermast bei circa sieben Prozent. Einige Handelsunternehmen testen den Verkauf von Jungeberfleisch. Ungefähr 90 Prozent der Tiere werden jedoch kastriert und mit postoperativen Schmerzmitteln behandelt. Dies ist Voraussetzung, um am französischen Schweinefleischprogramm VPF (von französisch Viande Porcine de France; französisches Schweinefleisch) teilzunehmen, das die Anwendung einer verlängerten Analgesie fordert. Circa 95 Prozent der französischen Schweinehalter beteiligen sich an diesem Programm. Dänemark: In Dänemark werden nur fünf Prozent der Schweine als Eber aufgezogen. Der Rest der Tiere wird kastriert und mit postoperativen Schmerzmitteln behandelt. Der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration wird in Dänemark nicht thematisiert. Schweden: Schwedens Betriebe mästen im Übrigen nur ein bis zwei Prozent ihrer Schweine als Eber. Die meisten Landwirte führen beim Kastrieren selbst eine Lokalanästhesie durch. In Schweden ist diese Methode seit 2016 erlaubt – im Gegensatz zur Praxis in Deutschland, wo die Schmerzausschaltung durch örtliche Bestäubung keine Alternative darstellt. Italien: Nach wie vor kastrieren die Italiener ihre männlichen Ferkel meist ohne Betäubung. Die Kastraten werden für die Herstellung typisch italienischer Produkte wie dem Parma Schinken verwendet. Für diesen naturbelassenen luftgetrockneten Rohschinken werden Schweine geschlachtet, die älter als neun Monate sind und mehr als 140 Kilogramm wiegen. Norwegen: In Norwegen wird die Jungebermast kaum praktiziert. Die Tiere werden vom Tierarzt kastriert und erhalten postoperative Schmerzmittel. Obwohl in Norwegen seit längerem über den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration diskutiert wird, steht hierfür noch kein konkreter Termin fest. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt zur Evaluierung der Alternativen. Es untersucht die Meinungen der Verbraucher zur betäubungslosen Ferkelkastration sowie die züchterische Bearbeitung des Ebergeruchs. Darüber hinaus sollen Methoden für die Geruchsdetektion am Schlachtband erarbeitet werden. Österreich: In Österreich findet die Mast von unkastrierten Schweinen so gut wie gar nicht statt. Auch das Bestreben, die Ebermast in die praktische Schweinemast zu implementieren, geht gegen Null. Der Hauptgrund für das fehlende Interesse der österreichischen Branche an der Ebermast ist die Sorge um den auftretenden Ebergeruch. Weil die Abnehmer österreichischer Schlachtschweine nicht für die Verarbeitung von intakten Ebern ausgestattet sind, haben potenzielle Ebermäster Preisabschläge zu erwarten. Dazu kommt, dass das Schlachtgewicht in Österreich mit knappen 96 Kilogramm traditionell über dem Schlachtgewicht von Ländern liegt, die intakte Eber mästen. Das erhöht die Möglichkeit des Auftretens von Ebergeruch. Auch Sorgen um eine höhere Arbeitslast bei der Haltung von Ebern und das potenziell aggressivere Verhalten der Tiere im Stall spielen eine Rolle. Schweiz: In der Schweiz wird die Ebermast nicht praktiziert. Hier setzt man seit 2010 das Narkosemittel Isofluran zur Betäubung von Ferkeln ein. Die Alpenrepublik ist bislang das einzige europäische Land, das diese Methode großflächig anwendet. Die Gründe hierfür liegen unter anderem in den kleingliedrigen Strukturen der Schweizer Agrarwirtschaft. Dazu kommt, dass die Schweizer Handelsunternehmen – vor allem die Migros-Gruppe und die Konsumgenossenschaft Coop – nur die Narkotisierung mit Isofluran akzeptieren. Nach Meinung Von Experten gibt es für den Markt in der Schweiz zurzeit schlichtweg keine Alternative. Osteuropäische Länder: In osteuropäischen Ländern wie Tschechien, Slowakei, Estland, Litauen, Slowenien, Ungarn und Polen werden die Tiere vergleichsweise schwer geschlachtet. Die Ferkel werden dort ohne Betäubung oder Schmerzmittelgabe kastriert und die Mast von Jungebern spielt keine Rolle. Insgesamt wird in vielen osteuropäischen Staaten weniger Wert auf eine tierschutzgerechte Haltung und Schlachtung gelegt. ble