Landwirtschaft und Natur

Derzeit noch Nischenprodukte Milch und Fleisch von Höfen mit kuhgebundener Kälberaufzucht könnten in Zukunft mehr Beachtung erhalten

Mehraufwand kann sich für die Landwirte lohnen

Archivartikel

Bonn.Milch und Fleisch von Höfen mit kuhgebundener Kälberaufzucht gelten zurzeit noach als Nischenprodukte. Wie wird sich dies weiter entwickeln?

Mit einer gut geplanten regionalen Vermarktungsstrategie kann sich der Mehraufwand für die landwirtschaftlichen Betriebe und ihre Handelspartner lohnen. Stephan Scholz, Naturland-Fachberater, und Simone Frey, Gründerin der „Bruderkalb-Initiative“ berichten von ihren Erfahrungen.

In der Milchviehhaltung gibt es zwei Formen der kuhgebundenen Kälberaufzucht. Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht bleibt das Kalb nach der Geburt bei der Mutter, bei der Ammenhaltung versorgen Kühe neben dem eigenen Kalb noch weitere Kälber.

Derzeit wird die Milch aus mutter- oder ammengebundener Haltung zum Teil über eigene Hofläden verkauft, meistens wird sie an Molkereien geliefert. Dort wird die Milch oft nicht separat erfasst und abgefüllt, so dass für Kunden nicht erkennbar ist, ob sie diese alternative Haltungsform unterstützen. Vor zehn Jahren machte der Rengoldshausener Hof und der Völkleswaldhof mit Vorzugsmilch aus muttergebundener Kälberaufzucht den Start im Einzel- und Großhandel.

Hälfte wird vermarktet

Mechthild Knösel vom Rengoldshausener Hof erzählt aus ihren Erfahrungen: „Etwa die Hälfte der Milch vermarktet das Hofgut über den eigenen Hofladen oder ein Bio-Kistensystem. Die andere Hälfte wird an einen nur fünf Minuten vom Hof entfernt gelegenen Bio-Großhändler vertrieben.“

Seit einigen Jahren gibt es in Schleswig-Holstein die „Vier-Jahreszeitenmilch“ aus muttergebundener Kälberaufzucht von „De Öko Melkburen“. Hier wird die Milch von drei nahe Hamburg gelegenen Höfen, die allesamt die muttergebundene Kälberaufzucht betreiben, in einer Molkerei getrennt abgefüllt und zu Milch und Joghurt verarbeitet. Zu kaufen gibt es die Milch der „Öko Melkburen“ in Geschäften in Schleswig-Holstein und Hamburg, zum Teil auch in Supermarkt-Ketten. Begleitet wird ihr Projekt seit zwei Jahren von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“.

Immer noch handelt es sich bei der kuhgebundenen Kälberaufzucht um eine besondere Haltungsform. Es gibt aber mittlerweile etliche Betriebe, vor allem in Baden-Württemberg und in Bayern, die Kälber alternativ aufziehen, darunter auch Naturland-Betriebe, die mit sehr unterschiedlichen Ansätzen arbeiten. Die Naturland-Fachberatung unterstützt diese Betriebe in ihrem Vorhaben.

Für Naturland-Fachberater Stephan Scholz hat die kuhgebundene Kälberaufzucht grundsätzlich den Vorteil, dass sie der natürlichen Aufzucht von Kälbern entspreche. Das Kalb werde nicht durch den Menschen geprägt und getränkt, sondern durch die Mutter. „Die größten Vorteile sehe ich im sozialen Bereich der Prägung und auch im gesundheitlichen Bereich der Kälberaufzucht.“

Die Haltungsform selbst habe im Vergleich zur herkömmlichen Kälberaufzucht auch einige Nachteile. Die Ställe, „die wir bis heute für die Milchviehhaltung bauen, sind nicht darauf ausgerichtet. Insofern entstehen zusätzliche Kosten für die Betriebe, die neu in diese Haltungsform einsteigen“. Sie müssten separate Stallungen oder Begegnungsflächen schaffen. Dann gebe es das Problem der Trennung von Mutter beziehungsweise Amme und Kalb in einer Phase, in der die Bindung schon stark gewachsen sei. Das sei bei der muttergebundenen Aufzucht nochmals deutlich stärker als bei der Amme. Es gebe mittlerweile Tricks, wie man das gut managen könne, ohne dass Kälber und Kühe tagelang trauerten.

Durchaus Potenzial

Scholz sieht darin durchaus Potenzial. „Aktuell dürften wir in Deutschland nicht mehr als 200 Betriebe haben, die diese Haltungsform praktizieren.“ Das langfristige Potenzial liege sicher bei bis zu 20 Prozent der Ökobetriebe, aber mit unterschiedlichen Ansätzen und vielleicht auch nur partieller Umsetzung. Bei der Umsetzung könnten vor allem eine spezielle Förderung für Stallbauinvestitionen helfen. „Und natürlich helfen die Kunden, die das wertschätzen.“

Seit vielen Jahren gibt es die „Kuh + Kalb“-Initiative „Völkleswaldhof“ von Anja Frey. Alle auf dem Völkleswaldhof geborenen Kälber können seit über 20 Jahren zwölf Wochen bei der eigenen Mutter aufwachsen. Alle männlichen Kälber werden regional als Bio-Fleisch vermarktet. Ein Teil der Milch liefert der Völkleswaldhof nach Schrozberg, den anderen Teil füllt er selbst ab und vermarktet diesen als Vorzugsmilch mit dem Hinweis „aus muttergebundener Kälberaufzucht“ im regionalen Einzelhandel sowie dem Naturkostgroßhandel.

Um auch für viele andere Demeter- und Biolandbetriebe die Bullenkälbervermarktung weiter zu entwickeln, gründete Anja Frey vom Völkleswaldhof 2019 die „Bruderkalb“ Initiative – Bio-Kalbfleisch aus kuhgebundener Aufzucht mit eigenem Siegel. Inzwischen gibt es bereits eine Vielzahl von Demeter- und Biolandbetrieben, die bei diesem Projekt mitmachen. Diese Betriebe liefern ihre Milch zur Molkerei Schrozberg und zur Dorfkäserei Geifertshofen.

Für artgerechte Aufzucht

Ziel der Bruderkalb-Initiative ist die artgerechte Kälberaufzucht aller auf den angeschlossenen Bio-Milchviehbetrieben geborenen Kälber. Die Tiere, die nicht für die Nachzucht behalten werden, werden entweder an Mastbetriebe in der Region verkauft oder geschlachtet und als „Bruderkalb“ vermarktet. Für die Kalbfleischprodukte soll eine regionale Wertschöpfungskette aufgebaut werden. Die Bruderkälber werden vom Hof zum nahe gelegenen Schlachthof gefahren. Das Bio-Kalbfleisch wird verarbeitet und an den Handel und die Gastronomie verkauft. Im Sinne der Ganztiervermarktung können die Handelspartner Pakete von halben Tieren kaufen.

Eine erste Version der Verpackung und die derzeitige Produktpalette des Bruderkalbfleischs wurde auf der Biofach 2020 vorgestellt. Erhältlich sind jeweils acht verschiedene Kalbfleischprodukte. Seit 2019 kooperiert der Lebensmittelvollsortimenter Kaufland mit Demeter-Herstellern und -Erzeugern und hat seine Bio-Range deutlich erweitert.

Langfristig dürfte die Nachfrage seitens der Konsumenten nach Milch oder Fleisch aus mutter- oder ammengebundener Kälberaufzucht steigen und sich ein entsprechender Markt herausbilden.

Noch ist es vielen Kunden nicht klar, dass auch in der ökologischen Milchwirtschaft Kuh und Kalb meist wenige Stunden nach der Geburt getrennt werden. Im Handel sollten Produkte aus dieser Haltungsform klar erkennbar sein und separat beworben werden.

Weitere Betätigungsfelder dürften in der Zukunft der Ausbau der Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen sein, damit die hochwertigen Produkte zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern gelangen. Spannend dürfte in diesem Zusammenhang das BÖLN-Projekt „Milk & Calf – Vermarktung von Produkten aus kuhgebundener Haltung“ sein. Die Wissenschaftler des Thünen Instituts gehen der Frage nach, wie Betriebe, die ihre Kälber kuhgebunden aufziehen, ihre Milch und auch die Bullenkälber vermarkten und ob diese Produkte ein größeres Vermarktungspotenzial haben.

Erste Ergebnisse aus dem Projekt wurden bereits 2019 vorgestellt. Demnach wurden bundesweit 45 Betriebe, die kuhgebundene Aufzucht praktizieren, in Form von qualitativen Interviews befragt. Lediglich fünf der Betriebe kennzeichneten ihre Produkte direkt mit dem Hinweis, dass es sich um Milch aus kuhgebundener Kälberaufzucht handelt.

Die höchsten Erlöse wurden durch Direktvermarktung, die niedrigsten durch die Abgabe an Molkereien erzielt. Dennoch bewerteten vor allem Betriebe, die ihre Milch lediglich an Molkereien zu ökologischen Preisen vermarkteten, ihr Vorgehen als gewinnbringend. böln