Landwirtschaft und Natur

Raus in den Garten Nach dem Neubau des Hauses sehnen sich viele Besitzer nach einer eigenen grünen Oase zum Wohlfühlen

Ein steiniger Weg zum perfekten Rasen

Archivartikel

Der Holzliegestuhl ist ein wenig in die Jahre gekommen, wackelig, aber gemütlich. Die Sonne steht über den dunklen Bäumen am Horizont. Ein Flugzeug zieht einen weißen Kondensstreifen an den blauen Himmel. Der Blick streift über das Grün. Eine traumhafte Idylle. Wären da nicht diese kleinen braunen Flecke.

Kleine braune Hügel

Kleine braune Hügel, die nicht größer als zehn Zentimeter sind, einem in diesem Moment aber mindestens wie eine Landschaft in den Alpen, wenn nicht sogar Anden vorkommen.

Ich versuche sie auszublenden, doch fast schon magisch fokussieren meine Augen immer wieder die kleinen Gebilde. Es erinnert ein wenig an Loriots Nudel am Kinn. Nur, dass mir gar nicht nach Spaßen zu Mute ist. Denn bei den Hügeln handelt es sich um kleine Wohnungen. Heimstätten winziger Nager, besser gesagt Quälgeister. Selbstgefällige Störenfriede, die nicht nur das satte Grün meines Gartens in eine Art Schachfeld verwandeln, sie zerstören eine Art Lebenswerk. Zumindest kommt mir die tagelange Arbeit in meinem Garten auch Wochen nach der Prozedur als nichts anderes vor.

Bei dem Nager handelt es sich zweifelsohne um eine Wühlmaus. Das erkennt man unter anderem an der Art der Hügel, die sich doch wesentlich von den Bauten süßer Maulwürfe unterscheidet. Allerdings auch an der Neugier. Denn beim Rasenmähen streckte sie mir das Köpfchen entgegen – und wenn mich nicht alles täuscht, hat sie mich dabei auch angelacht.

Das Problem mit den Quälgeistern, sie zerstören nicht nur den Rasen, sie fressen auch die Wurzeln der umliegenden Bäume ab. Es gibt also ein weiteres Opfer zu beklagen.

Bei dem frisch eingepflanzten Apfelbaum handelt es sich mittlerweile um einen trockenen, braunen Stiel – ohne Blüten, ohne Äste, ohne Leben. Offenbar habe ich der Wühlmaus beim Anlegen meines neuen Rasens ein wohliges Umfeld geschaffen – ein schwacher Trost.

Rückblick: Es ist Frühling. Der Winter steckt dem Boden vor unserem Neubau noch in den Knochen. Er ist steintrocken. Ausgehobene Muttererde sowie ein ehemaliger Acker vermischen sich mit Überbleibseln des Hausbaus. Zu diesem Zeitpunkt ist es kaum vorstellbar, dass auf dieser unebenen Fläche schon in wenigen Wochen Rasen liegen soll. Rasen, so waagerecht und auf acht Millimeter gekürzt, dass die Wimbledon-Green-Keeper vor Neid erblassen würden. Soweit die Theorie.

In der Praxis ist der Weg zum perfekten Rasen allerdings ein steiniger. Vor der Arbeit müssen zunächst andere wichtige Entscheidungen getroffen werden: Wie kommt der Rasen überhaupt auf den unebenen Untergrund? Darf es Rollrasen am Stück oder doch lieber Saat sein? Die Unterschiede liegen auf der Hand: Der Rollrasen ist einigermaßen schnell verlegt, während die Saat Wochen bis Monate benötigt, bis sie ihre volle Pracht entwickelt. Doch Zeit bedeutet bekanntlich Geld. So ist der Rollrasen um einiges teurer. Und darf man dem benachbarten Bauern Glauben schenken, bedarf das zugeschnittene Grün auch einen erheblichen Pflegeaufwand.

„Da habt ihr mal richtig Spaß mit“, sagt er mit einer gehörigen Portion Freude in der Stimme. „Und erst mit der Wasserrechnung im Sommer.“ Dennoch gewinnt der Rollrasen das Rennen. Der Nachwuchs will schließlich endlich den Ball über den Rasen schießen. Der Junior wird allerdings ausgebremst: Rasen ist nämlich nicht gleich Rasen.

Es gibt Unterschiede in der Dichte, in der Strapazierfähigkeit, in der Wachsgeschwindigkeit, ob es sich eher um ein Schattengewächs ode nicht handelt und die Pflegeintensität ist bei der Wahl auch nicht zu vernachlässigen. Als gewissenhafter Sportjournalist mit bewegungslustigem Nachwuchs und wälzfreudigem Labrador ist die Wahl einfach: Der Sport- und Spielrasen soll es sein, ohne jedoch zu wissen, worum es sich dabei genau handelt.

Schnell geordert

Vor lauter frühsommerlicher Euphorie ist der Rasen schnell geordert – stellt den fleißigen Bornheimer Green-Keeper aber umgehend vor das nächste Problem: Die 500 Rasenstücke müssen innerhalb weniger Stunden nach Schnitt verlegt werden. So weit so gut. Nur werden die ein Quadratmeter großen Rollen am nächsten Morgen geliefert und der Untergrund ähnelt noch einem steinigen Gebirge.

„Während der Bautätigkeit wird im Umfeld der Baustelle der anstehende Boden oft als Lager und Standfläche benutzt und mit schwerem Gerät bei Wind und Wetter befahren“, sagt Thorsten Kuth, Gärtnermeister in Wesseling-Urfeld. „Dadurch ist meistens der Boden verdichtet worden und beim Abräumen nicht mehr tiefgründig aufgerissen. Das erschwert die Arbeit.“ So auch in unserem Fall. Der Boden erinnert an eine trockene Mondlanschaft.

Glücklicherweise gibt es einen Garten- und Landschaftsbauer im Freundeskreis, der uns für das horrende Salär von vier Mettbrötchenhälften tatkräftig unter die Arme greift.

„Fräst mir den Boden und ebnet ihn, der Rest ist ganz einfach“, sagt Daniel Schmitz. Eine deutliche Ansage, die trotz aller Klarheit Fragezeichen hinterlässt. Wie ebnet man eine Hügelgegend, die sei Wochen keinen Tropfen Wasser gesehen hat? Ganz einfach: Mit schwerem Gerät. Eine Fräse ist schnell bei einem Fachbetrieb in der Nähe bestellt.

So weit so gut. Allerdings wiegt sie rund 150 Kilogramm und ist damit keine Option für das Familienauto und ein Van ist an diesem Abend nicht mehr zu leihen.

Dorf macht erfinderisch: Das Tuckern eines kräftigen Dieselmotors offenbart eine ungeahnte und doch so naheliegende Lösung. Ein Traktor. Der benachbarte Bauer ist für ein kleines Trinkgeld bereit, den Boden vorzubereiten. Nur glätten kann er ihn nicht. Da eine schwere Walze an ähnlichen Problemen scheitert wie die Fräse, ist erneut Kreativität gefragt. Alte Holzpaletten, beschwert mit dicken Steinen, helfen, die Fläche zu ebnen.

Insgesamt sind es sieben Paletten, die die Hausfront am nächsten Morgen zieren. „Eben ist der Boden aber nicht“, lautet der fachmännische Kommentar des Experten, der mit diesen Worten eine langjährige Freundschaft fahrlässig aufs Spiel setzt. Immerhin bessert er nach seiner „Mett-Stärkung“ eigenhändig mit einem Rechen nach. Und ja, er hat recht. Eben war der Boden tatsächlich nicht.

An die richtigen Stellen

Stück für Stück werden die Rollen an die richtigen Stellen gebracht, versetzt an das Nachbarstück angelegt und mit leichtem Übersatz schließlich angedrückt.

Die nächste Reihe wird im Versatz angelegt. Nach und nach entsteht eine Rasenfläche und damit ein befriedigendes Gefühl, etwas geleistet zu haben. Innerhalb eines Tages ist die 500 Quadratmeter große Fläche gelegt. Bis der Ball allerdings rollt, sollen noch 14 Tage vergehen. So lange darf der Boden nicht belastet werden.

Der Blick ist leer, die Augen glasig. Dennoch spinkst der kleine Nager fast schon friedlich aus dem winzigen Loch, das er sich in mühevoller Kleinarbeit aus einem Gang erarbeitet hat, hervor.

Neben dem Mäuseloch befindet sich ein kleiner Erdhügel. Nur wenige Meter weiter: ein Apfelbaum. Nein, ein ehemaliger Apfelbaum. Denn das Tier mit den scharfen Zähnchen hat es sich nicht nehmen lassen, sämtliche Wurzeln des Baumes abzunagen. Mit Leichtigkeit kann ich den Stamm aus dem Boden ziehen.

Aus Wehmut über das erste bisschen Leben, das dieser Garten je gesehen hat, darf er bis zum nächsten Sommer stehenbleiben.

Der kleinen Wühlmaus ist es allerdings ähnlich ergangen wie dem trostlosen Baum. Sie hat das Zeitliche gesegnet. Die kleinen braunen Stellen sind geblieben. „Das wächst sich im nächsten Sommer zu“, sagt Daniel Schmitz. „Stell doch einfach deinen Liegestuhl drüber.“ Eine gute Idee. Dann gilt die Aufmerksamkeit nur noch der Gartenidylle.