Landwirtschaft und Natur

Seminar für Einsteiger zur regenerativen Landwirtschaft Für die Teilnehmer war es wichtig, sich Wissen über Ackerböden und Bodenbiologie anzueignen

„Boden in allen Dimensionen verstehen lernen“

Archivartikel

Gailenkirchen.Auf dem landwirtschaftlichen Betrieb Reber in Gailenkirchen bei Schwäbisch-Hall fand ein Bodenseminar für Einsteiger statt. Betriebsinhaber und Seminarleiter Michael Reber bewirtschaftet den Familienbetrieb in sechster Generation. Die ursprüngliche Ausrichtung des Betriebes auf Schweine-Herdbuchzucht geriet in den ersten Jahren des Hofnachfolgers durch Krankheitseinbrüche im Tierbestand und starke Preisschwankungen am Ferkelmarkt so stark ins Wanken, dass Michael Reber den Betrieb grundlegend neu aufstellen musste.

In dieser krisenreichen Zeit inspirierten ihn bei seiner Suche nach neuen Wegen die Gedanken zur sogenannten regenerativen Landwirtschaft, wie sie in den USA von Gabe Brown (Brown 2018) und anderen verbreitet werden. Auf der Suche nach deutschen Vorreitern zu dem Thema wurde Reber auf die Methode von Friedrich Wenz, Dietmar Näser und Ingrid Hörner (www.gruenebruecke.de) aufmerksam und besuchte deren Bodenkurse. Inzwischen hat er das damals gewonnene Wissen auf seinem eigenen Betrieb jahrelang erprobt und in eine eigene Richtung weiterentwickelt. Um die persönlichen Erfahrungen und neuen Ansätze an seine Berufskollegen weitergeben zu können, bietet auch Michael Reber inzwischen Bodenseminare an.

Boden verstehen

Die Teilnehmer des Seminars sind überwiegend junge Betriebsleiter, die den elterlichen Betrieb gerade übernommen haben oder mit eingestiegen sind und ihn erfolgreich in die Zukunft führen möchten. Alle sind gut ausgebildet, befinden sich auf dem Weg zur Meisterprüfung oder haben schon einen Hochschulabschluss in der Tasche. Dennoch ist nach ihren Aussagen das Wissen über Ackerböden und Bodenbiologie zu kurz gekommen.

In der Ausbildung nimmt die Betrachtung der Bodenfunktion als Standort für die Kulturpflanze und Speichermedium für Wasser und Nährstoffe meist einen großen Raum ein. Auch der Einsatz von Landtechnik und die Art und Weise, wie man den Boden möglichst tiefgreifend lockern und bearbeiten kann, wird im Unterricht oder in Vorlesungen vermittelt. Umso verblüffender ist die Aussage von Michael Reber, dass die Art der Bodenbearbeitungsgeräte bei ihm nicht an erster Stelle kommt. Viel wichtiger sei es, den „eigenen Boden in allen Dimensionen verstehen zu lernen“. Wie können die Umsetzungsprozesse durch das Bodenleben den Boden verändern? Welche Rolle spielen dabei Nährstoffe und deren chemisches Gleichgewicht, lebende Pflanzenwurzeln und eine ganzjährige Bodenbedeckung?

Humusreiche Böden

Die Seminarteilnehmer kamen aus ganz Deutschland und brachten Fragen mit, auf die sie bisher keine befriedigende Antwort gefunden hatten: Es sind die Probleme, die der Klimawandel im Ackerbau verursacht – fehlende oder ungleichmäßig verteilte Niederschläge oder die Zunahme von Hitzetagen. Aber auch die gesetzlichen Regelungen, Nährstoffbilanzen und aus der Zulassung fallende Wirkstoffe im Pflanzenschutz stellen die Praktiker vor große Probleme. Fast alle Teilnehmer haben schon erste Erfahrungen mit konservierender Bodenbearbeitung gemacht und schnell gemerkt, dass auch hier die Erträge zurückgehen. Die neue Bewirtschaftungsform verspricht Lösungswege auch für den konventionellen Anbau, wobei der Austausch zwischen den konventionell wirtschaftenden Betrieben und den Biobetrieben in der Seminargruppe besonders spannend war.

Die Informationsfülle zu den Schlagworten „regenerative Landwirtschaft“ oder „Humusfarming“ ist enorm und das Bedürfnis, ganz praktisch von und mit Berufskollegen zu lernen, daher groß. Dabei wird schnell klar, dass es nicht die eine, richtige Vorgehensweise gibt, um organischen Kohlenstoff im eigenen Boden zu binden. Das Erreichen von höheren Humusgehalten ist eine komplexe Herausforderung mit vielen, betriebsindividuellen Lösungsmöglichkeiten. Kennenzulernen und konkret erfahren zu können, wie humusreiche und restaurierte Ackerböden aussehen und sich anfühlen, ist in den Seminaren der Schlüsselmoment und motiviert, diesen fruchtbaren Bodenzustand auch auf den eigenen Flächen anzustreben.

Bodeninventur

Da jeder Betrieb auf seinen Flächen eine andere Ausgangssituation hat, muss zunächst eine gründliche Bodeninventur erfolgen. Hierbei sind genaue Kenntnisse über die Verhältnisse der einzelnen Nährstoffe und Spurenelemente zueinander erforderlich, um effektive Maßnahmen für die jeweiligen Flächen ergreifen zu können. Für solch detaillierte Bodenanalysen bieten sich beispielsweise Untersuchungen nach dem Albrecht/Kinsey-Verfahren (Kinsey, 2015) an. Michael Reber zieht hier Parallelen zur Tierhaltung, wo es selbstverständlich ist, bis auf das Niveau einzelner Aminosäuren die Futterrationen für den Tierbestand genau zu bestimmen. Seiner Auffassung nach muss auch der Boden hinsichtlich seiner Nährstoffe mit Sorgfalt und Detailtiefe untersucht und versorgt werden.

Mit welchen Komponenten der einzelne Betrieb dann Einfluss auf die Bodenfruchtbarkeit nehmen kann, ist betriebsindividuell zu entscheiden. Derzeit stoßen Betriebsleiter angesichts der nicht ausreichenden Bodenuntersuchungsmöglichkeiten und der hohen Preise für Bodenproben schnell an die Grenze des Machbaren.

Den Boden befragen, die Heterogenität genau feststellen und dokumentieren zu können, sind Voraussetzung für die Umstellung auf eine regenerative Wirtschaftsweise. Neue Technologien mit entsprechenden Sensoren können helfen, stellen aber bisher vor allem Informationen für die Bestandsansprache in der Vegetation zur Verfügung. Für die Probennahme und die Untersuchung von Bodenleben besteht diesbezüglich noch großer Forschungsbedarf.

Neue Technologien

Die Bodenchemie ist mit Bodenanalysen machbar, aber die eigentlich benötigte Anzahl an Proben, um alle Eingriffe zielgerichtet vornehmen zu können, ist in der Praxis aufgrund der Kosten von bis zu mehreren hundert Euro pro Probe nicht realisierbar. Entscheidend wäre es aber, diese Informationen frühzeitig zur Kulturauswahl vorliegen zu haben, weil der Pflanzenbestand nur zeitverzögert auf das, was im Boden vonstattengeht, reagiert. An dem Punkt bestehen auch noch offene Forschungsfragen, um zum Beispiel die Abläufe im Bodengefüge während der Vegetation besser verstehen zu können.

Mit allen Sinnen

Jeder Landwirt sollte den eigenen Boden selbst beobachten und verstehen lernen. Dies wird im praktischen Teil des Seminars mit Spaten und Bodensonde geübt. Wichtig ist, was selbst mit nahezu allen Sinnen auf der Fläche erfahrbar ist. Einige Kollegen schwören sogar darauf, man könne Unterschiede im Boden gar schmecken – im Kurs beschränken sich die Teilnehmenden allerdings zur Beurteilung der Bodengare auf das Sehen, Fühlen und Riechen.

Die Wahrnehmung einer stabilen Krümelstruktur und auch das Gefühl, dass ein Acker federn kann wie ein Waldboden, kann nachhaltig beeindrucken. Letztlich ist die eigene Begeisterung die Lösung – denn Intuition kann oft viel zuverlässiger leiten und führen als alle Sensoren und Detektoren.

Durch die Notwendigkeit, den eigenen Boden in allen Dimensionen neu verstehen zu lernen, sitzen zudem ökologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe in einem Boot. So liefert der Austausch untereinander viele neue Erkenntnisse. Wo der eine – angewiesen auf hofeigenen Wirtschaftsdünger – seine Beobachtungen mit dem anderen teilt, der bisher vor allem mineralisch gedüngt hat, werden überraschende Feststellungen gemacht und neue Bausteine für das eigene Bodenverständnis mitgenommen.

Fazit

Es ist von Vorteil, dass es eine Fülle an Informationen und Möglichkeiten für Aufbau und Wiederherstellung von fruchtbaren Ackerböden gibt, denn jeder Landwirt hat auf seinen Betrieb individuelle Bedürfnisse und Voraussetzungen.

Wichtig wäre es allerdings, die guten Ansätze und Praxisbeispiele breit zugänglich zu machen und die neue Generation an Bodenpionieren auch seitens der öffentlichen Hand mit entsprechenden Informationsangeboten, Beratungsringen oder Field-School-Konzepten zu unterstützen. bze