Kreuzwertheim

Geschichts- und Heimatverein Kreuzwertheim 84-jährige Kreuzwertheimerin erzählt im Fürstin-Wanda-Haus aus ihrem Leben

„Alte Geschichten für junge Leute“

Archivartikel

Wenn es heißt: „Gusti Kirchhoff liest“, dann wollen alle zuhören. So wie am Freitagabend im voll besetzten Saal des Fürstin-Wanda-Hauses in Kreuzwertheim.

Kreuzwertheim. „Heute schimpft die Lehrerin nur noch!“ Dem Jungen im Publikum war die Erleichterung förmlich anzumerken, als er feststellte, wie sehr sich die Zeiten doch geändert haben, seit den Jahren, von denen Gusti Kirchhoff gerade erzählt hatte. „Alte Geschichten für junge Leute“ war der Abend überschrieben, den der Geschichts- und Heimatverein Kreuzwertheim veranstaltete und zu dem rund 80 Interessierte erschienen waren – unter ihnen auch tatsächlich gar nicht so wenige junge Leute und Kinder. Wäre es nach dem Vereinsvorsitzenden Manfred Schneider gegangen, hätten es ruhig noch ein paar mehr junge Menschen sein können.

In seiner Begrüßung ging Schneider darauf ein, dass der Freitag in Deutschland der „Vorlesetag“ war. Und mit Gusti Kirchhoff hätte man sich kaum eine bessere Protagonistin dafür vorstellen können. Kaum begann die jung gebliebene 84-jährige, ihre erste Geschichte zu erzählen, hatte sie das Publikum auch schon in ihren Bann gezogen. „Ich hatte es früher leichter als ihr“, sprach sie in Richtung den jüngeren Zuhörer, „ich musste nur über den Zaun springen, um in die Schule zu kommen“. Wo dann allerdings eine Lehrerin auf sie wartete, unter der sie sehr zu leiden hatte. Die war nämlich „eine überzeugte Nationalsozialistin“ und der Meinung, „ein deutsches Mädel hat Zöpfe“. Hatte Gusti aber nicht und zudem war sie auch noch Linkshänderin. So bekam sie mehr als einmal den Stock zu spüren, mit dem die Lehrerin die ihr anvertrauten Kinder nicht nur auf die Finger schlug. Was den eingangs schon erwähnten Jungen zu dem erleichterten Ausruf veranlasste.

Früher war alles besser? Nicht, wenn man Gusti Kirchhoffs Erzählungen vom Fliegeralarm, vom Verlust des älteren Bruders, vom „fechten“ der Mütter um Lebensmittel und simpelste Dinge des täglichen Bedarfs sowie andere Geschichten vom Krieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit hörte.

Zum Glück gab es aber auch viel Heiteres. Wie etwa die liebevollen Berichte über Frau Hünlein, die auf keinen Fall 100 Jahre alt werden wollte und 1999 mit fast 99 Jahren friedlich eingeschlagen ist. „Wir vermissen sie heute noch“, seufzte Gusti Kirchhoff. Warum das so ist, das wurde aus ihren Erzählungen schnell deutlich und auch Elisabeth, die Enkelin, Lena, die Ur-Enkelin und Layla, die Ur-Ur-Enkelin der Frau Hünlein dürften mit besonderer Freude zugehört haben. Die hatte im übrigen noch eine Schwester, das Fräulein Rommel, ebenfalls Lehrerin, der kein so friedliches Ende beschieden war, sie starb bei einem Autounfall. Bei ihrer Beisetzung kam es zu durchaus makaber zu nennenden Vorfällen, über die man heute zu schmunzeln geneigt ist.

Gusti Kirchhoff ist, das kann man wohl sagen, eine Freundin, nein eine Liebhaberin von Tageszeitungen. Zumal von älteren Ausgaben. Den in den Nachkriegsjahren darin veröffentlichten Annoncen widmete sie den Schluss ihrer Lesung. Sie zitierte die Anzeigen aber nicht nur, sie kommentierte sie auch und wies darauf hin, welche Schicksale damit verbunden gewesen sein könnten, wenn Herrenschuhe Größe 47 gegen Damenschuhe Größe 40 oder auch eine Matratze gegen Brennholz eingetauscht werden sollte.