Krautheim

Erstes „Forum Regionale Gedenkkultur“ in Krautheim 79 Jahre nach ihrer Verschleppung wurde an die Euthanasie-Opfer aus der Region erinnert

„Unsere Arbeit ist noch nicht zu Ende“

Archivartikel

Eine Gedenkkultur für die Opfer der NS-Euthanasie wurde mit einem Forum am Originalschauplatz in Krautheim und einem Gedenkstein weiter vorangebracht.

Krautheim. Was auf dem Kreishistorikertag in Walldürn 2015 angeregt wurde, trägt Früchte und führte zum ersten „Forum Regionale Gedenkkultur“ an jener Stelle, von der aus am 17. Oktober 1940 Menschen mit einer Behinderung oder psychischen Erkrankung abtransportiert wurden: von der Kreispflegeanstalt Krautheim in die Pflegeeinrichtung Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Und damit direkt in den Tod.

54 Menschen deportiert

Denn Grafeneck war eine der frühen Vernichtungsanstalten der Nazis, in der 10 000-fach „unwertes Leben“ ausgelöscht wurde. Aus Krautheim führte für 54 Menschen der Weg dorthin.

Auf den Tag genau 79 Jahre später wurde zwischen katholischer Kirche und Altenheim ein Gedenkstein enthüllt. Er zeigt die Namen von 50 Opfern. Doch das Gedenken war nicht nur in Stein gefasst; in der Krautheimer Kirche St. Marien kamen rund 70 Menschen zusammen, um beim ersten „Forum Regionale Gedenkkultur“ jenen Opfern mit der Benennung ihrer Namen, mit dem Erzählen ihrer Lebensgeschichten die Würde zu geben, derer sie im undurchleuchteten Dunkel der Geschichte beraubt wurden. Ihre Namen sind das für alle nun sichtbare Zeichen für ein Geschehen, das erst spät und langsam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt: der Massenmord der Nationalsozialisten an Psychiatrie-Patienten.

„Wessen Namen wir kennen, dem kommt seine Würde wieder zu.“ Dr. Matthias Neth, Landrat des Hohenlohekreises, weiß um die Versäumnisse, auch in seinem Landkreis. Der Neckar-Odenwald-Kreis sei dank vieler Akteure weiter, ein „Vorreiter der Gedenkkultur“, sprach er zudem im Namen seines Kollegen Dr. Achim Brötel, der ebenfalls am Forum teilnahm.

Viel ist der Initiative und dem Einsatz von Dr. Hans-Werner Scheuing zu verdanken, einem Pionier der Erforschung der Regionalgeschichte der NS-Euthanasie. Vor vier Jahren hatte er auf dem Historikertag in Walldürn Laien wie Fachleute dazu ermuntert, die Namen und Schicksale der Opfer zu ermitteln. Im Krautheimer Forum zeigten sich beachtliche Ergebnisse.

Da ist zum Beispiel der Fahrenbacher Heimatforscher Manfred Biedert, „der“ Posthistoriker in Nordbaden und Betreuer des Fahrenbacher Ortsarchivs. Er berichtete von der Mühsal, aber auch der Freude über den Erfolg seiner Nachforschungen zur Lebensgeschichte der 1938 nach Krautheim eingewiesenen Rosa Schellig aus Robern. Auch sie war unter den im Oktober 1940 Deportierten. Oder Otmar Glaser aus Waldbrunn, der sich auf Spurensuche machte nach Anna Hagendorn und Konrad Schumacher, die aus Strümpfelbrunn und Waldkatzenbach nach Krautheim eingewiesen wurden und von dort nach Grafeneck kamen.

Beide, Biedert und Glaser, wussten erst seit kurzem von dieser Seite nationalsozialistischen Mordens. Geradezu schockierend aber war das Bekanntwerden für Angehörige, die im Zug der Recherchen kontaktiert und informiert wurden, wie zum Beispiel Rosas noch lebender, heute 90-jähriger Großneffe.

Das Engagement, vergessene und verdrängte Geschichten zu ermitteln und aufzuarbeiten sowie örtliche Gedenkarbeit zu leisten, ist überwiegend ehrenamtlich. Ins Dunkel der Geschichte der Euthanasie-Opfer begeben sich Lehrer, Gemeinderäte und Bürgermeister wie Adalbert Hauck aus Höpfingen und Thomas Ludwig aus Seckach, die in kurzen Redebeiträgen berichteten.

Von Amts wegen mit Historischem in engem Kontakt sind Archivare; mit Tobias-Jan Kohler aus Buchen und Dr. Dieter Thoma aus Boxberg waren zwei hauptamtlich mit dem Thema Beschäftigte nach Krautheim gekommen. Und es gibt zwei Arbeitskreise, beide im Neckar-Odenwald-Kreis. Noch jung ist der Arbeitskreis in Buchen, der seine Arbeit Anfang des Jahres aufgenommen hat und für den Archivar Kohler sprach.

Für den Mosbacher Arbeitskreis trat Hildegard Rehne ans Rednerpult, um sich am Schluss ihres Beitrages an Bürgermeister Ludwig zu wenden, der sich dem Schicksal von Marie Lehn aus Zimmern gewidmet hatte. „Marie Lehn ist auf unserer Opferliste der 16. Name, wir müssen uns unbedingt verkuppeln, Herr Ludwig!“

Was Dr. Scheuing angestoßen hat – in Krautheim zeigte sich, wie wertvoll die Vernetzung ist. Und der erneute Anstoß. Hans-Werner Scheuing ist sich sicher: „Unsere Arbeit ist noch nicht zu Ende.“ bru