Krautheim

Im Johannitersaal Krautheim „Forum Regionale Gedenkkultur“ in Erinnerung an die Euthanasie-Opfer am 17. Oktober

50 Bewohner der Kreispflegeanstalt deportiert

Odenwald/Tauber.Vor 80 Jahren begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Parallel verschärften die Nazis den Krieg nach innen. Adolf Hitler unterschrieb im September 1939 eine Ermächtigung, wonach „unheilbar Kranken … der Gnadentod gewährt werden kann“. Dies wurde zum Start für organisierten Massenmord: Gruppenweise wurden Menschen gezielt, vorsätzlich, planmäßig „euthanasiert“, also getötet.

Man begann mit den Schwächsten, den Anstaltsbewohnern: geistig oder körperlich Behinderte, seelisch Erkrankte, auch „Asoziale“ und Bettelarme. Später wurde das Vernichtungsprogramm ausgedehnt, vor allem auf die Juden. In wenigen Jahren wurden mehrere Millionen Menschen planmäßig ermordet. Im Gedenken an die Anstalts-Opfer aus den Gemeinden der Region findet am Donnerstag, 17. Oktober, um 16 Uhr im Johannitersaal, Burgweg 3, in Krautheim das „Forum Regionale Gedenkkultur“ statt. Die Veranstaltung ist öffentlich; jeder kann kommen, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Veranstalter ist die Stadt Krautheim.

Die Namen der jüdischen Opfer sind in Gedenklisten nachzulesen. Dieter Thoma, Archivar in Boxberg und Lauda-Königshofen, erinnert an die sechs Angeltürner Juden, die in der NS-Zeit gewaltsam umkamen.

Keiner von ihnen kam von Angeltürn aus direkt nach Gurs oder in ein Vernichtungslager. Aber die sechs jüdischen Opfer wurden in Angeltürn geboren und lebten hier Jahrzehnte, bevor sie an andere Orte zogen. Sie sind für Thoma somit jüdische Opfer aus Angeltürn.

Er erinnert ebenso an die vier Königshöfer Juden, die in der NS-Zeit gewaltsam umkamen, und an die 18 jüdischen Opfer aus Messelhausen. Drei von ihnen wurden direkt von Messelhausen nach Gurs deportiert, für sie steht ein Gedenkstein in Messelhausen. Aber noch weitere 15 lebten Jahrzehnte in Messelhausen, bevor sie umzogen und von anderen Wohnorten aus in das NS-Tötungsprogramm gerieten.

Bei der ersten, meist vergessenen Opfer-Gruppe, den Anstaltsbewohnern, sieht das anders aus. Nicht überall ist bekannt, dass es Opfer aus der Region gab. Menschen, die in den Ortschaften Jahrzehnte lebten, irgendwann in Anstalten kamen und von dort zur Euthanasie. „Ihre Namen stehen nicht in Listen“, so Dieter Thoma. Aber: „Ohne Namen kein Gedenken. Seit Jahren forschen Kollegen und ich nach den Vergessenen.“ Örtliche Opferlisten sind Thoma wichtig.

Inzwischen seien unter anderem 14 Opfer aus dem Stadtgebiet Boxberg, 28 aus dem Stadtgebiet Lauda-Königshofen, mindestens vier aus dem Gemeindegebiet Ahorn sowie mindestens 17 aus dem Stadtgebiet Tauberbischofsheim ermittelt. „Die Suche geht weiter.“ Aus der Region habe es zumindest einen großen Todestransport gegeben: Am 17. Oktober 1940 wurden 50 Insassen der Kreispflegeanstalt (KPA) Krautheim in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht, die meisten wurden am gleichen Tag dort vergast.

Daher findet zum Jahrestag in Krautheim das „Forum Regionale Gedenkkultur“ für die Opfer statt. Vor 100 Jahren gehörte Krautheim zum badischen Amtsbezirk Boxberg. Dann zum Amtsbezirk Adelsheim, später zum Landkreis Buchen. Die meisten Insassen der KPA Krautheim kamen aus den badischen Altkreisen Tauberbischofsheim, Buchen und Mosbach. „Von hier stammen die meisten Opfer des 17. Oktober 1940 – über 80 Prozent.“