Kommentar

Pauschalurteile verfälschen

Archivartikel

Heike v. Brandenstein zu Kinderschutz in Corona-Zeiten

Ja, man kann es sich einfach machen. An Meinungsmache, an falschen Behauptungen, an schiefer Darstellung sind immer die Medien schuld. So äußerte sich bei der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses ein Mitarbeiter des Jugendamts.

Die Medien, meinte er, hätten das Thema Kinderschutz während der Corona-Krise aufgebauscht. Dass es mehr Misshandlungen gebe, sei nicht feststellbar. Das sagte auch Jugendamtsleiter Martin Frankenstein – nur differenzierte er, indem er meinte, dass Beobachter wie Kindergarten oder Schule als Hauptmelder lange Zeit ausgefallen seien.

Ob die Zahlen von Kindesmisshandlungen oder Kindesverwahrlosung im Main-Tauber-Kreis, in Baden-Württemberg oder der Bundesrepublik während des Lockdowns infolge der Corona-Krise tatsächlich gestiegen sind, wird sich nicht heute – nach ersten vorsichtigen Lockerungen – zeigen, sondern erst in einiger Zeit.

Was aber ärgert, sind die Pauschalierungen. Es sind „die Medien“, die eine Zunahme von Kindesmisshandlungen heraufbeschwören. Dazu ein klares Nein. Es sind Experten, die sich zu eben solchen Themen äußern. Dann erst kommen die Medien, die das Thema aufgreifen. Die einen gehen damit durchaus seriös um, indem sie Jugendamtsleiter oder Polizei um ihre Einschätzung bitten. Die anderen sind krawalliger. Doch der Bürger weiß sehr wohl, welche Zeitung er liest oder welches Programm er sich im Fernsehen ansieht.

Ganz sicher hilft es gerade beim Thema Kinderschutz nicht, alle Medien – auch die differenzierten – über einen Kamm zu scheren. Solche Äußerungen sind – nebenbei bemerkt – für jede Berufsgruppe inakzeptabel. Denn es gibt eben nicht nur unfähige Beamte, faule Lehrer, inkompetente Politiker oder wichtigtuerische Virologen. Die meisten machen ihren Job gut.