Kommentar

Online-Pausen für die Spieler

Archivartikel

Michael Fürst über eine Entwicklung an den Fußballplätzen

Einst, in grauer Vorzeit, ging man sonntags auf den Fußballplatz, um dem Spiel beizuwohnen – um mitzufiebern, sich zu ärgern, sich zu freuen, die Seinen anzufeuern und gegebenenfalls auch mal zu kritisieren. Heute, vornehmlich bei den jüngeren Menschen, ist die Intention, das fußballerische Treiben zu beobachten, längst nicht mehr so ausgeprägt. Die Online-Sucht diktiert das Geschehen jenseits der Kalklinien. Der „wahre Fußball“ auf dem Feld: zweitrangig.

Los geht es um 13.15 Uhr: Das Spiel der „Zweiten“ hat begonnen, die Spieler der „Ersten“ trudeln ein. Keiner glotzt aufs Spielfeld, jeder ist mit seinem Handy (im Folgenden „Käschdle“ genannt) beschäftigt. In die WhatsApp-Gruppe der Mannschaft haben einige Spieler wieder irgendeinen Unfug gestellt – muss natürlich gelesen und angeschaut werden. Dann plötzlich: Die „Zweite“ trifft! 1:0! Super! Drei von der „Ersten“ schauen erst gar nicht hoch, weil das „Käschdle“ unentwegt „Neuigkeiten“ ausspuckt, Kai* fragt zumindest: „Wer hat es denn gemacht?“

Wenn ab 15 Uhr die „Erste“ spielt, ist das Szenario am Sportplatz nicht viel anders – nein, der Wahn nach dem „Ständig-online-sein-und-wissen-müssen-was-wo-anders-los-ist“ wird immer absurder. Von zehn Zuschauern blicken bestimmt fünf nicht auf den Rasen, sondern auf ihr „Käschdle“. Es ist ja alles deutlich interessanter als das Spiel der eigenen Mannschaft: Wie steht es beim Titel-Anwärter? Bekommt der Lokalkonkurrent eines auf die Mütze? Hat der Ex-Stürmer wieder getroffen?

Nun, das sind elementare Fragen, deren Beantwortung keinen zeitlichen Aufschub dulden. Sofort, hier und jetzt, live, müssen Erkundigungen eingeholt werden. Und ungern wird man da von einem freudigen „Toooor“-Schrei seines Stehnachbarn bei der Online-Recherche gestört. Unbestätigten mündlichen Überlieferungen zufolge sollen manche „Zuschauer“ lieber im Live-Ticker des eigenen Vereins geschaut haben, wer denn nun den Treffer für die Seinen erzielt habe, anstatt das Wort an einen Mitmenschen aus Fleisch und Blut zu richten.

So richtig hardcore sind dann jene Mitmenschen, die ab 15.30 Uhr lieber im Liveticker des parallel stattfindenden Bundesliga-Spiels unterwegs sind. Leider kommt es immer häufiger vor, dass mitten in einem vielversprechenden Konter auf dem Feld so ein Online-Otto* „an der Stange“ zur Digital-Daniela* sagt: „Hey, der Volland hat gerade das 1:0 für Leverkusen gemacht.“ Wer sich nun ob solch eines massiven Desinteresses am eigentlichen Spiel wundert, der muss dann regelrecht staunen, wenn Digital-Daniela*, stupide auf ihr Handy guckend, antwortet: „Ist mir doch schnuppe; ich bekomme gerade die Push-Meldung, dass der VfB Stuttgart verloren hat. Das ist viel schlimmer.“

Unsere stetig wachsende Online-Generation parodiert sich dann selbst, wenn der für den Vereins-Liveticker zuständige Sportskamerad seinen Nebenmann fragen muss, wer denn gerade das Tor geschossen hat, weil er während der Live-Tickerei mal schnell noch woanders am Rumsurfen war. Aber wer weiß: Vielleicht beschließen die Verbände ja bald, neben den Trinkpausen auch Online-Unterbrechungen für die Spieler einzuführen, damit die ihr „Käschdle“ checken können…

*Alle Namen sind erfunden, Ähnlichkeiten mit der Realität deshalb zufällig.