Kommentar

Die Kabine fehlt am meisten

Michael Fürst blickt auf bestimmte Corona-Maßnahmen

Als der „treue Fritz“ – so wird er im Verein respektvoll genannt – kürzlich über den Fußball bei „seinem“ FC sinnierte, ertappte er sich dabei, dass er erstmals seit vielen Jahren einen Hauch Mitleid für die jungen Fußballer empfand. Fritz, mittlerweile 68, in jungen Jahren selbst Aktiver, seit 24 Jahren Platzwart und „Mädchen für alles“ im Club, gehört nämlich auch zu der Fraktion der „Früher war alles besser“-Motzkis. Doch in den vergangenen Wochen hat sich sein Respekt vor der heutigen Kicker-Generation gehörig gesteigert.

Mit einem Mundschutz im „Bussle“ zum Auswärtsspiel – das empfände Fritz selbst als belastend, aber für die Spieler ist das wohl schon okay. Er würde stattdessen lieber mit dem Fahrrad zum Sportplatz des Gegners strampeln als mit so einem Mund-Nasen-Dingsbums im Gesicht im „bussle“ hocken.

Beobachtet hat er auch, dass die Kicker sehr auf die Abstände achten. Da blödelt vor, während und nach dem Training keiner ungestüm herum und pult dem anderen lustig, lustig im Ohr; nein, selbst wenn der Trainer etwas sagt, halten sie im „Gesprächskreis“ schon die „einsfünzig“ ein. Okay, bei der Niederlage am vergangenen Sonntag haben sie beim dritten Gegentreffer die Abstände vielleicht ein bisschen zu gut eingehalten: Da durfte der gegnerische Stürmer nach einem Eckball doch sehr freistehend einköpfen…

„Als Schlimmstes“ empfindet Fritz aber die Einschränkungen für die Kabine. Ja, die liebgewonnene Kabine. Sie ist ja so etwas wie das teambuildende Zentrum einer Mannschaft. In der Kabine werden Meisterschaften entschieden und Abstiegskämpfe gewonnen. Hier werden Schwüre geleistet und Tacheles geredet – teils stundenlang nach dem Training oder nach Spielen. Das hatte sich nämlich zuletzt im Vergleich „zu früher“ nicht verändert. Auch die aktuelle Mannschaft hatte bis Corona ihre feucht-fröhlichen Kabinenpartys, die mit dem „feinen Mief“ dort stets eine besondere Note erhalten, und die Spieler saßen nach den Begegnungen oft lang drin und feierten. Im Gegensatz zu einst wurde aber nicht mehr selbst gesungen, sondern die Beats wummerten aus so komischen mobilen Boxen, wie sie nun fst alles Teams haben.

Und heute: Nach den Maßen der FC-Kabine dürfen sich aktuell lediglich sechs Spieler in der „Umkleide“ aufhalten, zwei in der Dusche – mit Abstand versteht sich. Nach der Ansicht von Fritz macht „das“ irgendwie am meisten kaputt. Da geht ein Stück Gemeinschaft verloren, während sich die einen „hübsch machen“ und die anderen noch im verschwitzten Shirt draußen stehen müssen. Und danach geht halt wieder jeder seiner Wege…

Auch der Trainer tut ihm leid. Der darf gar keine Spielersitzungen mehr in der Kabine abhalten. Beim jüngsten Auswärtsspiel haben sie sich vorher und während der Halbzeit in ein Eck auf dem Sportgelände verzogen, und der Coach musste leise sprechen, damit der Gegner nichts mitbekommt. In der Pause wäre auch eine Kabinenpredigt angebracht gewesen, doch die entfiel logischerweise, weil man ja eben erst gar nicht da rein dar nach den ersten 45 Minuten. Es wurde draußen leiste geschimpft. Spielersitzungen im Freien gehen ja bei diesen Temperaturen noch, doch was machen die im November? Mannschaftsbesprechung via Videokonferenz?

Ja, dachte Fritz, „die Kabine“ fehlt irgendwie am meisten…