Königheim

Eine einzigartige Maschine Sohn, Enkel und Urenkel restaurieren den von dem Pülfringer Josef Müller erfundenen selbstfahrenden Feldsteinbrecher

Es muss scheppern, rumpeln und rattern

Diese Maschine ist auf der Welt einzigartig: Erfunden wurde der selbstfahrende Feldsteinbrecher in den 1960ern von Josef Müller. Sein Sohn, Enkel und zwei Urenkel setzen das gute Stück nun wieder instand.

Pülfringen. Andere Jugendliche in diesem Alter tüfteln in ihrer Freizeit an ihren Fahrrädern oder Mopeds herum. Im Gegensatz zu der Maschine, an der Liam Körner (14) und Luis Knörzer (16) herumschrauben, sind das aber „kleine Fische“.

Der 14-Jährige hat sich vorgenommen, „wenigstens ein Mal“ die von seinem Urgroßvater Josef Müller mit Unterstützung von dessen beiden Söhnen Willi und Klaus gebaute Steinbrecher-Maschine selbst zu fahren.

Diesen Wunsch will ihm sein Opa Willi erfüllen. Doch zuerst müssen sie den „Steinbeißer der besonderen Art“ wieder auf Vordermann bringen. Dabei hilft Liams Onkel Sebastian Müller mit. Und dass auch der 16-jährige Luis zum „Team“ gehört, war für diesen sofort klar. Schließlich sind er und sein Cousin Liam schon als kleine Jungs auf den Steinbrecher geklettert, haben sich abwechselnd hinters Lenkrad gesetzt und sind „herumgefahren“.

Ordentlich Eindruck geschunden

Als sie im Gespräch mit den FN davon erzählen, huscht ein Grinsen über ihr Gesicht. Lachend erinnern sich die beiden daran, wie sie damals mit „der Steinmaschine“, wie sie das zirka 15 Tonnen schwere Ungetüm nannten, bei den anderen Kindern im Dorf Eindruck geschunden und mit ihren Kumpels auf dieser gespielt haben.

Alles andere als ein Spiel war jedoch der Auslöser für den Bau des selbstfahrenden Feldsteinbrechers, wie Willi Müller weiß. In den 1960er Jahren waren die Landwirte in Pülfringen und in der Umgebung im wahrsten Wortsinn „steinreich“, blickt er zurück. Die Felder lagen voller Kalksteine, was die Arbeit erschwerte, den Ertrag schmälerte und auch zu Schäden an den eingesetzten Maschinen führte.

Aus dem Boden „gewachsen“

Der Pülfringer Landwirt, Tüftler und Erfinder Josef Müller (1925 bis 2016) suchte nach einer Lösung, damit die Steine nicht mehr per Hand von den Feldern gelesen werden mussten. Durch das Umpflügen der Äcker sind die Kalkbrocken nach ein bis zwei Jahren wieder aus dem Boden „gewachsen“, so Willi Müller.

Sein Großvater habe versucht, die Arbeitsabläufe zu vereinfachen, ergänzt Sebastian Müller. Schließlich sei das Aufsammeln der Steine schwere körperliche Arbeit gewesen. „Hätten wir in Dörlesberg gewohnt, wäre mein Vater nie auf die Idee gekommen“, ist Willi Müller überzeugt. „Denn da gab es kaum Steine.“ Somit sei Josef Müllers Erfindung „aus der Not heraus geboren“.

Gebaut hat der Tüftler 1963 zunächst den Prototyp seiner Steinsammelmaschine. Das Gerät wurde an eine Zugmaschine angehängt und über den Acker gezogen. Die dabei von der Maschine aufgesammelten Steine wurden via Förderband auf einen daneben fahrenden Wagen geladen. Das Interesse an dem Gerät war enorm. Müller schätzt, dass rund 150 Exemplare von der Firma Fähse (Düren) gebaut und verkauft wurden. Sogar die Landesschau Baden-Württemberg berichtete über die Erfindung.

Das Sammelgut fand zunächst Verwendung beim Bau von Wegen, Fundamenten, Bodenplatten oder als Auffüllmaterial. Doch schon bald gab es wieder neue Steine auf den Feldern, und auch der Abtransport erwies sich als Herausforderung. Josef Müller merkte zudem, dass es für die Böden besser sei, diesen die in den Kalksteinen enthaltenen Mineralien nicht komplett zu entziehen.

Wieder begann er mit tatkräftiger Unterstützung von seinen beiden Söhnen zu werkeln. „Mein Bruder und ich haben damals nichts anderes gekannt als die Werkstatt“, blickt Willi Müller auf die arbeitsreiche Zeit zurück. „Das war Pflicht, hat aber auch Spaß gemacht.“ Das Ergebnis in Form des ersten selbstfahrenden Feldsteinbrechers konnte sich sehen lassen. Am 2. Juli 1968 wurde Josef Müller das Patent für seine „Vorrichtung zur Zerkleinerung von Steinen oder dergleichen“ erteilt.

Mit dieser konnten die Kalkbrocken nicht nur aufgesammelt, sondern auch vor Ort zerrieben und als Split wieder auf dem Boden ausgestreut werden. An seinem Prototyp tüftelte er in der heimischen Werkstatt noch weiter. So versah er diesen etwa mit einer Fahrerkabine.

Ein Exemplar des „Systems Müller“ wurde 1976 von der Münchner Firma Ratzinger in Lizenz gebaut. Für die Maschine fand sich auch ein Käufer. Doch das Gerät hatte einige „Kinderkrankheiten“, erklärt Willi Müller, warum sein Vater den Feldsteinbrecher wieder zurückkaufte: „Er wollte nicht, dass sein Lebenswerk im Schrott landet.“

Wieder auf dem Müller’schen Hof, wurde die Maschine, die über einen Perkings-Motor mit 138 PS verfügt, modernisiert. Danach haben die Müllers mit ihr rund zehn Jahre im Auftrag von Grundbesitzern Steine von den Feldern gesammelt. In der Zeit wurden mit ihr rund 100 000 Tonnen Steine zerkleinert, schätzt Müller. Um einen Hektar Acker zu bearbeiten, brauchte man zirka drei Stunden. „Es war kein Vergnügen, die Maschine zu fahren“, gibt der 66-Jährige zu. Es war laut, staubig und es ging langsam voran.

1989 kam der Brecher letztmals zum Einsatz: Der Verschleiß war zu groß, die Modernisierung wäre teuer gewesen. „Gut behütet“ steht der Feldsteinbrecher seitdem trocken in einer Halle. Doch er ist nicht mehr einsatzbereit. Das soll sich ändern.

Vorführungen geplant

Nachdem Willi Müller eine von seinem Vater konstruierte Sammelmaschine bereits renoviert hat, soll auch der Feldsteinbrecher wieder hergerichtet werden. Der Rentner und seine Mitstreiter haben es dabei aber nicht eilig. Wenn möglich, soll die Maschine in zwei Jahren wieder laufen, damit sie der Öffentlichkeit vorgeführt werden kann. „Dabei muss es scheppern und rattern“, so wie es früher war. Liam und Luis freuen sich schon jetzt darauf, „es richtig rumpeln zu lassen.“