Königheim

30 Jahre Mauerfall Wenige Stunden vor der Öffnung der Grenzen flohen die Petrichs aus der DDR in den Westen

Anstoßen auf den Neubeginn in Freiheit

Vor 30 Jahren kam Kristin Faulhaber in den Westen: Nur wenige Stunden nach dem Aufbruch in Dresden fiel die Mauer.

Königheim. Der 9. November ist für Kristin Faulhaber ein ganz besonderes Datum. Vor 30 Jahren war sie zusammen mit ihren Eltern und der zwei Jahre jüngeren Schwester im Main-Tauber-Kreis angekommen. Aufgebrochen war die Familie einen Tag vorher in Dresden – aufgebrochen in eine neue Heimat und eine ungewisse Zukunft.

Die Ereignisse um ihre Flucht hat die 43-Jährige nicht vergessen: Eltern und Kinder rein ins Auto, nur das Nötigste gepackt. So ging es mit dem Trabi von Familie Petrich in Richtung Westen. „Das war nicht von langer Hand geplant“, sagt Kristin Faulhaber, die damals 13 Jahre alt war.

Für die beiden Mädchen ein ungewöhnlicher, „geheimnisvoller“ Tag. Sie wurden nicht in die Schule geschickt, stattdessen sollten sie noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Und am besten von keinem Nachbarn gesehen werden. „Wir durften ja nicht sagen, was unsere Eltern vorhatten.“ Angst hatte sie aber nicht.

Eltern wollten in den Westen

Gegen Mittag startete man von Dresden zunächst in die Tschechoslowakei. Dort waren die Grenzen ja schon offen, erinnert sich die heute 43-Jährige. Von dort ging es weiter nach Hof. Gegen Mitternacht war man dort eingetroffen und zu dem Zeitpunkt war der berühmte Satz in der Pressekonferenz von Günter Schabowski bereits gefallen, der die neue Reisefreiheit erlaubte.

Für Familie Petrich stand aber fest: „Ein Zurück gab es nicht mehr. Unsere Eltern wollten in den Westen.“

Mit einem Blatt Papier in der Hand, auf dem die neue Heimat vermerkt war, ging die Reise weiter. Külsheim war das Ziel. „Weil es dunkel war, mussten die Eltern immer wieder aussteigen und das Blatt vor den Scheinwerfer halten, um die richtige Richtung einzuschlagen“, sagt Kristin Faulhaber mit einem Schmunzeln. Im Laufe des 9. November kamen die vier in der Kaserne in Külsheim an. „Wir hatten zwar Verwandte bei Stuttgart und bei Düsseldorf, aber wir wollten lieber hierbleiben.“ Von der Kommune wurden sie in einem kleinen Häuschen untergebracht – eigentlich nur für die vierköpfige Familie gedacht. Weil aber eine andere Familie in eine viel schlechtere Unterkunft hätte einziehen müssen, haben die beiden Familien sich den spärlichen Wohnraum geteilt.

Ein bisschen Wehmut schwingt trotz allem mit, wenn Kristin Faulhaber von der Flucht erzählt. Und dann übermannen sie die Gefühle. „Man hat sein bisheriges Leben komplett zurückgelassen.“ Die Freundinnen und den Rest der Familie, der geblieben war, habe sie damals ziemlich vermisst. Obwohl sie in Külsheim schnell Anschluss gefunden hat.

Italien als Urlaubsziel

„Wir haben die Freiheit genossen, konnten reisen, einkaufen, was wir wollten“, schwärmt sie. Das sei ja vorher undenkbar gewesen. Und sie erinnert sich an den ersten Urlaub in Italien, dem Wunschziel der Eltern.

Keine einfache Erfahrung für den Teenager war die Schulzeit in der Brunnenstadt. Der Klassenlehrer hatte sie mit dem sächsischen Dialekt mehr als nur aufgezogen. Wenn man Kristin Faulhaber zuhört, kann man sich das kaum vorstellen. „Damals habe ich noch sehr gesächselt. Mittlerweile habe ich es abgelegt.“

Nach der Schule begann die junge Frau eine Ausbildung zur Krankenschwester in Bietigheim. Mit ihrem späteren Mann, den sie kurz zuvor kennengelernt hatte, gründete sie in Königheim eine Familie. Froh ist sie, dass viele Verwandte im Laufe der Jahre von der Elbe in Richtung Taubertal gezogen sind. Die Tanten kamen rasch nach. Und auch die Großeltern hat man in die Region geholt.

Das „aufregende Abenteuer“, wie Kristin Faulhaber ihre Flucht aus dem Osten beschreibt, bleibt für sie – und vor allem für ihre Eltern – ein markanter Wendepunkt in der eigenen Biografie. Jedes Jahr wird dieses Datum, vergleichbar mit einem Geburtstag, gefeiert. Dass sie genau zum Zeitpunkt des Mauerfalls „rübergemacht“ haben, ist für sie ein passender Zufall. „Uns ging es in Dresden nicht schlecht, wir hatten alles Nötige.“ Auch als Kind habe sie kaum etwas vermisst. Als Projektingenieur im Chemieanlagenbau hatte der Vater in der DDR einen angesehenen Beruf. Trotzdem wollten die Eltern ein anderes Leben für sich und ihre Töchter. „Es hat sie nichts mehr gehalten“, sagt die 43-Jährige, die sich sehr häufig mit den Eltern über diese Zeit des Neuanfangs austauscht.

Dass im Land eine Umbruchstimmung herrschte, war für sie spürbar. Auch in Dresden. „Wir hatten zwar kein Westfernsehen, aber so ein Tal der Ahnungslosen waren wir nun auch nicht“, stellt die Mutter zweier Töchter fest. „Die Zeichen waren deutlich, dass sich etwas verändern würde.“ Wie diese Veränderungen sich auswirken würden, darauf wollten die Petrichs allerdings nicht warten.

Im Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre sagt Kristin Faulhaber deutlich: „Es war die richtige Entscheidung der Eltern, damals zu gehen.“ Der Drill und die gängelnden Vorschriften der DDR, die sie als Unrechtsstaat empfindet, mussten sich ändern. Von der Ostalgiewelle hält sie gar nichts. „Ich bezweifle, dass es denen ohne die Wende bessergegangen wäre.“ Auch wenn sie einräumt, dass es ja auch Positives aus der DDR zu vermerken gilt, etwa das Schulsystem, das sie eindeutig besser fand als im Westen. Und sie hält den „Osten“ streckenweise noch immer für benachteiligt. „Es wurden viele Arbeitsplätze abgebaut, zu wenige neue geschaffen.“ Den starken Zulauf für die rechtsgerichteten Parteien kann Kristin Faulhaber trotzdem nicht verstehen.

Mehrfach hat die Familie seit der Wende die alte Heimat besucht. Kristin Faulhaber hatte den Töchtern gezeigt, wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. „Das war mir sehr wichtig.“ Und sie gesteht, es sei wieder einmal Zeit für einen Abstecher an die Elbe. Vielleicht kommt dann auch wieder der Kontakt zu ein paar alten Freundinnen zustande.

Fühlt sie sich als Ossi in Westdeutschland? „Nein“, sagt Kristin Faulhaber energisch. Und sie werde auch kaum auf ihre Herkunft aus Dresden angesprochen – vielleicht auch, weil man es nicht hört. „Ich bin weder Ossi noch Wessi. Ich bin Deutsche. Wir sind ein Land.“ Das Wichtigste sei doch, dass es allen Menschen gut gehe.

Der Sekt steht schon kalt. Die Familien Faulhaber und Petrich werden feiern und auf den Neubeginn anstoßen – wie an jedem 9. November seit 1989.